Debatte über EZB-Anleihenkäufe "Wir Deutsche haben ein falsches Bild von der Krise"

Die Europäische Zentralbank will Staatsanleihen kaufen und so die Wirtschaft ankurbeln. Viele Deutsche regen sich auf - zu Unrecht, sagt Ökonom Marcel Fratzscher. "Wir profitieren mehr als jeder andere Staat von der Währungsunion."
EZB-Turm: "Das zentrale Instrument ist die einheitliche Geldpolitik"

EZB-Turm: "Das zentrale Instrument ist die einheitliche Geldpolitik"

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Marcel Fratzscher ist einer der renommiertesten Ökonomen Deutschlands. Er ist Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin, Professor für Makroökonomie und Finanzen an der Berliner Humboldt-Universität und Mitglied im Beirat des Bundesministeriums für Wirtschaft.

SPIEGEL ONLINE: Herr Fratzscher, im Streit über die geplanten Staatsanleihekäufe der EZB wird über einen Kompromiss diskutiert: Jede Notenbank soll die Papiere des eigenen Landes kaufen, um nicht für die Versäumnisse anderer Regierungen einstehen zu müssen. Was halten Sie davon?

Fratzscher: Wenig. Ich fürchte, dass die geplante Maßnahme dadurch weniger effektiv wird.

SPIEGEL ONLINE: Wie kommen Sie darauf?

Fratzscher: Wenn italienische Anleihen von der italienischen Notenbank statt von der EZB erworben werden, werden die internationalen Geldanleger einen Ausgleich für ihr höheres Risiko fordern. Denn sie müssen fürchten, im Fall eines Zahlungsausfalls gegenüber der Notenbank in Rom benachteiligt zu werden. Die Folgen liegen auf der Hand: Die Zinsen für italienische Anleihen fallen weniger stark als geplant, die Konjunktur wird nicht wie erhofft angekurbelt, und die Chancen sinken, dass die Inflationsrate wieder die angestrebte Marke von zwei Prozent erreicht.

SPIEGEL ONLINE: Aber dafür sinkt das Risiko für den deutschen Steuerzahler. Können Sie nicht verstehen, dass Bundesbank und Bundesregierung deshalb auf eine solche Lösung drängen?

Fratzscher: In Deutschland, aber auch in anderen europäischen Ländern lautet das vorherrschende Denkmuster: Was gut ist für den Nachbarn, ist schlecht für uns. Wer so argumentiert, begeht einen schweren Fehler. Wenn die EZB mit ihrem Programm erfolgreich ist, profitiert die gesamte europäische Wirtschaft, nicht zuletzt die deutsche Exportindustrie. Und wenn es zu einer Schuldenkrise in Italien käme, hätte die gesamte Eurozone ein Problem, ganz gleich, bei wem die Anleihen liegen.

SPIEGEL ONLINE: Wollen Sie damit sagen, dass es in einer Währungsunion gar nicht möglich ist, die Risiken von Staatsanleihekäufen national zu begrenzen?

Fratzscher: Wenn ein Land zahlungsunfähig wird, fallen die Verluste natürlich zunächst bei denjenigen an, die die Papiere des Landes halten. Die indirekten Effekte aber treffen alle: Deutsche Banken haben Kredite an italienische Unternehmen vergeben, deutsche Pensionsfonds halten Papiere der römischen Regierung, deutsche Jobs hängen von Aufträgen aus Mailand oder Bologna ab. Anstatt ständig mögliche Umverteilungsfolgen zu beschwören, sollten wir lieber darüber nachdenken, wie wir das Risiko für alle vermindern.

SPIEGEL ONLINE: Ganz einfach: Die südeuropäischen Regierungen müssen endlich ihre Wirtschaft reformieren. Das Problem ist nur, dass sie dazu nicht bereit sind.

Fratzscher: Reformen sind in der Tat der Schlüssel für ein Ende der Krise. Aber wir Deutsche neigen dazu, die Reformen in Südeuropa schlechtzureden. Dafür gibt es keinen Grund. Spanien hat seinen Arbeitsmarkt viel stärker entfesselt als Deutschland mit der Agenda 2010. Auch Portugal und Italien haben große Reformen auf den Weg gebracht, und Irland ist eine echte Erfolgsgeschichte. Wir Deutsche sollten eigentlich wissen, dass es lange dauern kann, bis sich die Früchte solcher Anstrengungen zeigen.

SPIEGEL ONLINE: Wenn die Reformen so erfolgreich sind, wie Sie behaupten, könnte auch die EZB mehr Rücksicht auf die Gläubigerländer nehmen. Was spricht dagegen, die Risiken für eine Übergangszeit wieder stärker den Einzelstaaten zu übertragen?

Fratzscher: Nicht nur wäre ein solches Programm weniger effektiv, und das Risiko für Deutschland würde steigen, sondern es wäre auch ein fatales Signal. Das zentrale Instrument einer Währungsunion ist die einheitliche Geldpolitik. Dazu passt es nicht, die Geldpolitik mit einem solchen Programm wieder teilweise zu renationalisieren. Es wäre eine Maßnahme, die nicht unbedingt dazu taugt, das Vertrauen in die Funktionsfähigkeit der Eurozone wiederherzustellen.

SPIEGEL ONLINE: Sind die Deutschen zu egoistisch?

Fratzscher: Nein, aber wir haben ein falsches Bild der Krise. Mehr als jeder andere Staat profitiert Deutschland von der Währungsunion - und wenn diese zusammenbleibt. Auch die geplanten Anleihekäufe werden der Bundesrepublik nutzen: Sie machen den Euro stabiler, schützen unsere Auslandsinvestitionen und kurbeln so die deutschen Exporte an.

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