EZB-Geldpolitik Draghi hält sein Pulver trocken

Die Europäische Zentralbank rechnet mit schwächerem Wachstum, ergreift aber keine neuen Maßnahmen dagegen. EZB-Chef Mario Draghi erklärt seine Geldpolitik für wirksam. Doch Experten erwarten, dass er nachlegen muss.

EZB-Chef Draghi bei Pressekonferenz
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EZB-Chef Draghi bei Pressekonferenz

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Äußerlich wirkt Mario Draghi blass und abgekämpft, als er am Donnerstag um 14.30 Uhr vor die internationale Presse tritt - inhaltlich aber gibt er sich betont zuversichtlich. Seine aktuelle Geldpolitik sei "voll und ganz wirksam", sagt der Chef der Europäischen Zentralbank (EZB) mehrfach. Weitere Maßnahmen halte er derzeit nicht für notwendig.

Es sind Worte, die an den Börsen Anleger enttäuschen, die den deutschen Leitindex Dax Chart zeigen, den europäischen Leitindex EuroStoxx Chart zeigen und zahlreiche weitere wichtige Indizes binnen Minuten ins Minus drücken. Mit großen Neuigkeiten hatte im September zwar ohnehin kaum einer gerechnet; aber doch zumindest mit einer besseren Perspektive.

Das Herzstück von Draghis Geldpolitik, ein Programm zum Kauf von Staats- und Firmenanleihen, läuft in sechs Monaten aus. Derzeit stoßen die Banken ihre Staatsanleihen an die EZB ab und sollen mit dem frischen Geld, das sie durch die Verkäufe erhalten, Anleihen oder Aktien von Unternehmen kaufen. Dadurch sollen dann auch die Firmen neues Kapital bekommen und wieder mehr investieren (Wie das Programm genau funktioniert, erfahren Sie in folgender Fotostrecke).

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Erklär-Comic: Warum die EZB massenhaft Staatsanleihen kauft

Monat für Monat kauft die EZB Bonds im Volumen von 80 Milliarden Euro. Im März 2017 nun könnte Schluss sein mit der großen Geldflut, denn nur so lange ist das Programm geplant. Und über eine Verlängerung habe der EZB-Rat nicht diskutiert, sagte Draghi.

Das verwundert zunächst, denn die EZB erwartet auch, dass die Konjunktur sich in der Eurozone schlechter entwickelt als zuletzt erwartet. Ihre hauseigenen Ökonomen rechnen für 2017 und 2018 mit einem Anstieg des Bruttoinlandsprodukts von jeweils 1,6 Prozent; im Juni waren sie noch von je 1,7 Prozent ausgegangen.

"Die wirtschaftliche Erholung in der Eurozone dürfte gedämpft werden von der schwachen ausländischen Nachfrage, die teilweise mit den Unsicherheiten durch das Ergebnis des Referendums in Großbritannien zusammenhängt", sagte Draghi. Die Briten hatten im Juni für einen Austritt aus der EU gestimmt.

Auch die Inflation dürfte laut aktueller EZB-Prognose etwas niedriger ausfallen als zuletzt erwartet. Für dieses Jahr rechnen die Volkswirte der Notenbank nach wie vor mit einer Teuerungsrate von 0,2 Prozent. Für 2017 unterstellen sie aber einen Anstieg von 1,2 Prozent, zuvor waren es 1,3 Prozent gewesen. Erst 2018 werde sich die Inflationsrate bei 1,6 Prozent einpendeln und damit wieder dem EZB-Ziel von knapp unter zwei Prozent entsprechen.

Experten erwarten, dass Draghi bald nachlegen muss

Draghi hält die Entwicklungen nach eigenen Angaben für verkraftbar. Die jüngsten Daten zeigten die Widerstandskraft der europäischen Wirtschaft gegenüber Unsicherheiten, sagte der EZB-Chef. Sollte sich der Ausblick aber weiter verschlechtern, dann werde man auch weitere Maßnahmen ergreifen. Die EZB habe dazu "den Willen, die Kapazitäten und die Fähigkeit".

Alles in allem fährt der EZB-Chef also eine Doppelstrategie: Er gibt sich zuversichtlich, dass die Inflation bald in Schwung kommt. Gleichzeitig hält er sich für die Zukunft alle Optionen offen.

Experten glauben, dass Draghi angesichts des schwachen Wachstums schon bald wieder handeln muss. "Ich erwarte, dass die EZB noch im Dezember eine Verlängerung des Anleihen-Kaufprogramms über März 2017 hinaus bekanntgeben wird", sagt beispielsweise Marcel Fratzscher vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung.

Muss die EZB ihre eigene Kriterien aufweichen?

Dann allerdings müsste Draghi ein neues Problem lösen. Denn die EZB hat mit ihrem gigantischen Programm bereits einen Großteil der Anleihen vom Markt gekauft. Experten rechnen daher damit, dass die EZB ihr Programm auf andere Papiere ausweiten müsste und zum Beispiel auch Anleihen von Banken kaufen müsste.

Denkbar ist auch, dass die Notenbank bald ihre eigenen Kriterien zum Kauf von Anleihen aufweicht. Bislang hat sie sich zum Beispiel selbst verboten, Papiere zu kaufen, deren Zinsen unterhalb des Einlagezinssatzes von derzeit minus 0,4 Prozent liegen. Doch da die EZB mit ihrem Kaufprogramm die Nachfrage für Staatsanleihen anheizt, sinken die Renditen. Derzeit haben bereits rund 60 Prozent der Bundesanleihen eine Rendite von weniger als minus 0,4 Prozent.

Die britische Großbank HSBC rechnet damit, dass der EZB im ersten Halbjahr 2017 die als besonders sicher geltenden Bundesanleihen ausgehen werden, wenn sie ihre eigenen Kaufbedingungen nicht lockert. Commerzbank-Analyst Michael Schubert erwartet, "dass die EZB in Zukunft auch Staatsanleihen kauft, deren Rendite unterhalb des Einlagesatzes liegt".

Mit Material der Agenturen dpa und Reuters



insgesamt 9 Beiträge
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TheFrog 08.09.2016
1. Die Restbestände,
die hält er trocken, so gut es geht. Das meiste ist entweder verschossen oder unbrauchbar.
jamguy 08.09.2016
2. Artikel
Zitat von TheFrogdie hält er trocken, so gut es geht. Das meiste ist entweder verschossen oder unbrauchbar.
Diesem stark lückenhaftem Artikel samt Seinem EZB Comic entnehme ich nur das der € weiter abgewertet wird und Produktpreise angehoben werden.
K.Hexemer 08.09.2016
3. Draghi hat...
nichts mehr zum trocken halten, er hat sein Pulver verschossen! Haben fertig!
lothar.thuermer 08.09.2016
4. Wer übernimmt die Verantwortung?
Fehlentwicklungen der europäischen Wirtschafts- und Finanzpolitik führen dazu, dass die EZB einen fast schon halsbrecherischen Kurs steuert. Die europäische Geldpolitik wirkt nicht im erwünschten Maße auf Wachstum, Beschäftigung und Preise, aber ihre Nebenwirkungen können zunehmend in einen ökonomischen Abgrund führen. Warum ist dieser Irrweg nicht längst Tagesordnungspunkt eins auf der europäischen Agenda?
handwerkerboy0815 08.09.2016
5.
Was soll der Kerl denn machen? Wenn die privaten Haushalte sparen und die Unternehmen sparen und der Staat spart und das Ausland auch sparen soll, dann fehlt wohl ein Schuldner für das ganze Ersparte. Wer meldet sich freiwillig?
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