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05. Juli 2012, 13:48 Uhr

Kampf gegen die Krise

Euro-Zentralbank senkt Leitzins auf Rekordtief

Es ist eine historische Entscheidung: Die Europäische Zentralbank hat den Leitzins auf 0,75 Prozent gesenkt. Erstmals seit Gründung der Währungsunion liegt der Satz damit unter einem Prozent. Ziel ist es, einen Absturz der Wirtschaft in der Euro-Zone zu verhindern.

Frankfurt am Main - Historischer Schritt der Europäischen Zentralbank (EZB): Die Notenbanker haben den Leitzins in der Euro-Zone auf einen historischen Tiefstand von 0,75 Prozent gesenkt. Das teilte die EZB nach einer Ratssitzung am Donnerstag mit.

Der Leitzins ist der Satz, zu dem Banken sich bei der EZB Geld leihen können, um es an die Wirtschaft weiterzugeben. Er bildet damit eine Untergrenze für alle in Euro vergebenen Kredite. Änderungen wirken sich in der Regel direkt auf die Zinsen am Geld- und Kapitalmarkt aus.

Gründe für eine Zinssenkung gibt es gleich mehrere. Die erwartete Inflation ist nicht übermäßig hoch, die Wirtschaft stagniert und die Arbeitslosigkeit in der Euro-Zone liegt auf Rekordniveau. Außerdem brauchen die Banken, besonders in Krisenstaaten wie Spanien und Italien, billiges Geld. Sie bekommen aus dem wirtschaftlich stärkeren Teil der Währungsunion meist keinen Kredit mehr gewährt.

An den Finanzmärkten war mit der Entscheidung gerechnet worden. Der Chefvolkswirt der EZB, Peter Praet, hatte die Zinssenkung in der vergangenen Woche ziemlich eindeutig in Aussicht gestellt. Es gebe "keine Doktrin, dass der Leitzins nicht unter 1,0 Prozent liegen kann".

Der EZB-Rat senkte auch den sogenannten Einlagezinssatz - den Zins, den Banken von der EZB gutgeschrieben bekommen, wenn sie Geld bei ihr parken. Er sinkt von 0,25 auf 0,0 Prozent.

Ökonomen um den Ifo-Chef Hans-Werner Sinn haben am Donnerstag einen Protestbrief veröffentlicht. Sie kritisieren darin die Beschlüsse des EU-Gipfels der vergangenen Woche und warnen vor einer Bankenunion. Diese bedeute eine "kollektive Haftung für die Schulden der Banken des Euro-Systems". Da diese fast dreimal so groß seien wie die Staatsschulden, sei es "schlechterdings unmöglich, die Steuerzahler, Rentner und Sparer der bislang noch soliden Länder Europas für die Absicherung dieser Schulden in die Haftung zu nehmen". Bislang haben 160 Wissenschaftler den Aufruf unterzeichnet.

Bank of England pumpt Milliarden in die Wirtschaft

Die chinesische Zentralbank senkte am Donnerstag ebenfalls die Zinsen. Nach Angaben der Notenbanker in Peking wurde der Leitzins für Ausleihungen von jeweils einem Jahr um 0,31 Prozentpunkte auf 6,0 Prozent gesenkt. Für Spareinlagen von einem Jahr verringert sich der Zins um 0,25 Prozentpunkte auf 3,0 Prozent.

Zuletzt hatte die chinesische Notenbank im Juni beide Sätze um jeweils 0,25 Punkte reduziert. Davor hatte sie wegen der Lehman-Pleite Ende 2008 ihre Zinsen gesenkt. Im vergangenen Jahr hatte sie dreimal ihre Leitzinsen erhöht; sie dann aber seit Juli 2011 nicht mehr angetastet.

Die Bank of England pumpt weitere 50 Milliarden Pfund (62 Milliarden Euro) in die angeschlagene britische Wirtschaft. Die britische Zentralbank kauft in den kommenden vier Monaten Staatsanleihen von Banken in der Hoffnung, dass die Geldhäuser das zusätzliche Geld als Kredite an Unternehmen und Verbraucher weiterreichen.

Mit der Entscheidung des Geldmarktausschusses der Zentralbank steigt die Summe, die die Notenbank seit 2009 in die britische Wirtschaft pumpt, auf insgesamt 375 Milliarden Pfund (466 Milliarden Euro). Großbritannien steckt derzeit in einer Rezession, die Wirtschaft ist in den vergangenen beiden Quartalen geschrumpft.

cte/dpa/Reuters/dapd

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