EZB-Stresstest Draghis Drahtseilakt

EZB-Chef Draghi hat die Regeln festgelegt, mit denen er Europas Risikobanken stabilisieren will. Sein Ziel: Das Misstrauen bekämpfen, das Europas Wirtschaft lähmt. Doch wenn er nicht aufpasst, zerstört er noch mehr Vertrauen.

EZB-Chef Draghi: Riskanter Kampf um Vertrauen
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EZB-Chef Draghi: Riskanter Kampf um Vertrauen

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Hamburg - In seinem Buch "36 Formeln, die das Leben erleichtern" stellt der Manager und Führungsexperte Chip Conley folgende Gleichung auf:

Angst = Ungewissheit x Machtlosigkeit

Es ist eine Formel, mit der sich gut die globale Finanzkrise erklären lässt. Und mit der man auch die Strategie von Mario Draghi, dem Chef der Europäischen Zentralbank (EZB), gut bewerten kann.

Conleys Gleichung beruht auf der Annahme, dass das, was man nicht weiß (Ungewissheit), gemeinsam mit dem, was man nicht beherrschen kann (Machtlosigkeit), das Gefühl der Angst erzeugt. Und dass diese Angst größer ist als die Summe der beiden Teile. Daher müsse man beide Faktoren nicht addieren, sondern multiplizieren.

Angst überträgt sich bekannterweise leicht von Mensch zu Mensch, manchmal befällt sie ganze Systeme. Zum Beispiel den Bankensektor. Der wurde im September 2008 durch den Crash der US-Bank Lehman Brothers weltweit in Angst und Schrecken versetzt, und er ist dieses Gefühl bis heute nie richtig losgeworden. In der Eurozone entstanden daraus verheerende Wirtschafts- und Schuldenkrisen.

Dann kam Mario Draghi. Dieser versucht, ganz grundsätzlich gesprochen, Europas Wirtschaftssystem von seinen Ängsten zu befreien. Mit allen erdenklichen Mitteln. So soll künftig die EZB die Aufsicht über die größten Banken der Eurozone übernehmen. Denn die nationalen Behörden hatten sich in der Finanzkrise mit der Bankenaufsicht häufig als überfordert erwiesen. Zuvor soll die Krisenfestigkeit der Banken noch einmal besonders gründlich geprüft werden. Am Mittwoch hat die EZB die genauen Regeln dieses Banken-Stresstests bekannt gegeben, den die Notenbank in der ganzen Eurozone durchführt. Bei dem Stresstest prüfen EZB-Mitarbeiter die Bilanzen der wichtigsten Banken und machen den Geldhäusern Vorgaben, wie sie sich ausreichend gegen finanzielle Risiken absichern sollen.

Der Stresstest ist nur eine von mehreren Maßnahmen, die Draghi ergriffen hat. Am Ende haben alle dasselbe Ziel. Sie sollen das Misstrauen abbauen, das seit nunmehr sieben Jahren Europas Wirtschaft lähmt. Doch Draghi muss aufpassen, dass er bei dem Versuch, Misstrauen abzubauen, nicht noch mehr Vertrauen zerstört.

Warum ist der Stresstest so wichtig? Und warum hat er, wenn er schiefgeht, das Potenzial, eine neue Krise am Finanzmarkt auszulösen? Antworten auf die wichtigsten Fragen.

1. Wie soll der Stresstest neues Vertrauen schaffen?

Wenn Angst = Ungewissheit x Machtlosigkeit ist, dann ist der Faktor Ungewissheit in Europas Finanzsektor derzeit enorm groß. Niemand weiß wirklich genau, wie es den Banken geht. Nur die Geldhäuser selbst wissen, ob die Kredite und Wertpapiere in ihren Bilanzen wirklich so viel wert sind, wie sie behaupten.

Der Stresstest soll dieses Misstrauen abbauen. Schon seit Ende 2013 durchforstet die EZB die Bilanzen von 128 Großbanken in der Eurozone, 21 davon stammen aus Deutschland. Im ersten Schritt haben unabhängige Aufseher geprüft, ob die Angaben der Banken stimmen und wie groß das Risiko in den Bilanzen der Banken wirklich ist. Nach Conleys Formel will Draghi so die Ungewissheit reduzieren.

2. Wie soll der Stresstest konkret ablaufen?

Im zweiten Schritt will die EZB prüfen, wie krisenfest die Banken sind. Die Notenbank simuliert einen Absturz der Wirtschaft in den kommenden zwei Jahren und schaut, wie sich die Bilanzen der Banken in diesem Fall entwickeln würden. Banken, deren Finanzpolster im Ernstfall zu sehr ausgezehrt würden, fallen durch den Stresstest.

In der zweiten Oktoberhälfte wird die EZB die Ergebnisse veröffentlichen. Banken, die durchfallen, müssen binnen zwei Wochen genau festlegen, wie sie ihre Kapitallöcher stopfen wollen und diese Pläne dann binnen neun Monaten umsetzen. Sie können sich zum Beispiel nach zusätzlichen Investoren umschauen, die ihnen Kapital zur Verfügung stellen. Diese Mischung aus Diagnose und Therapieplan soll den zweiten Angst-Faktor verringern: das Gefühl der Machtlosigkeit.

3. Was sind die größten Risiken?

Beim Stresstest fürchten die Banken, dass die Ergebnisse vorab durchsickern, noch bevor sich die Banken nach Geldgebern umsehen können, die ihre Kapitallücke stopfen - was die derzeitige Unsicherheit sogar noch steigern würde. Bei früheren Stresstests wurde den Prüfern zudem vorgeworfen, sie seien nicht streng genug mit den Banken - was wiederum die Glaubwürdigkeit des Tests unterminieren könnte.

Draghis Maßnahmen sind also ein Drahtseilakt. Seine Leute können sich keine Fehler erlauben. Sonst drohen die vertrauensbildenden Maßnahmen am Ende ins Gegenteil umzuschlagen.

4. Was tut Draghi noch?

Der Stresstest kann den Banken helfen, aber nicht den von Kapitalmangel geplagten Unternehmen. Sie will Draghi auf andere Weise unterstützen. Er versucht, die Banken zu zwingen, wieder mehr Kredite zu vergeben und so die lahmende Konjunktur vor allem im Süden der Eurozone anzukurbeln.

  • In der Krise haben viele Banken das Risiko der Kreditvergabe gescheut und ihr Geld einfach bei der EZB geparkt. Um dies zu verhindern, sollen die Geldhäuser dafür nun Strafzinsen zahlen.
  • Die EZB verteilt zudem erstmals in ihrer Geschichte zweckgebundene Kredite. Banken, die der Privatwirtschaft mehr Kredit geben als bisher, können sich bei der EZB extrem günstig Geld leihen.

Auch dieses Vorgehen soll das Gefühl von Machtlosigkeit verringern. Es wird suggeriert: Die EZB geht aktiv gegen die Kreditklemme vor - und ist noch lange nicht am Ende ihrer Möglichkeiten angelangt.

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Seite 1
bstark 17.07.2014
1.
Zitat von sysopREUTERSEZB-Chef Draghi hat die Regeln festgelegt, mit denen er Europas Risikobanken stabilisieren will. Sein Ziel: Das Misstrauen bekämpfen, das Europas Wirtschaft lähmt. Doch wenn er nicht aufpasst, zerstört er noch mehr Vertrauen. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/ezb-will-mit-stresstest-vertrauen-schaffen-a-981494.html
Bei Sparern und Versicherten hat er eh jedes Vertrauen verloren. Es nützt diesen nämlich gar nichts, wenn Banken und Staaten sich kurzfristig entschulden können, aber er am Ende mit einer wertlosen Weichwährung sein Altersdasein bestreiten muss.
mcvitus 17.07.2014
2. Welches Vertrauen denn??????
In oder trotz Herrn Draghi? Keins von beiden. Und ich habe gelesen, die Finanzkrise soll wieder zurück kommen, dass die beendet war habe ich gar nicht mitbekommen. Zerstörtes Vertrauen zurückzubekommen ist ein langwieriger Prozess, wenn überhaupt möglich. Also ich sehe weit und breit keinen einzigen Grund dem Bankensektor zu vertrauen. Es wird im Prinzip so weiter gemacht wie vor Beginn der Krise. Als erste Maßnahme gehören die sogenannten Schattenbanken ausgerottet, die unterliegen keinerlei staatlichen Regulierungen und sind für mich der nächste Sprengsatz des Finanzwesens, der mit einem lauten Knall hochgehen wird. Nach dem Motto: Alle haben's gewusst, aber keiner hat's verhindert. Danach werden wie gehabt emsig Steuergelder an "systemrelevante" Pleiten verteilt usw. Ich sage nur: aus dem Schaden nix gelernt (oder nix lernen wollen).
joG 17.07.2014
3. Wer soll einer europäischen Behörde denn..
....trauen. Sie haben immer wieder gelogen auch in Stresstests. Es wäre besser die Tests durch unabhängige Stellen außerhalb Europas durchführen zu lassen
Neapolitaner 17.07.2014
4. Wo kein Vetrauen ist, kann keins zerstört werden
Zitat von sysopREUTERSEZB-Chef Draghi hat die Regeln festgelegt, mit denen er Europas Risikobanken stabilisieren will. Sein Ziel: Das Misstrauen bekämpfen, das Europas Wirtschaft lähmt. Doch wenn er nicht aufpasst, zerstört er noch mehr Vertrauen. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/ezb-will-mit-stresstest-vertrauen-schaffen-a-981494.html
und im Übrigen kann Draghi jederzeit und mit beliebigen Geldsummen JEDE Bank rekapitalisieren - zumindest via "Liquiditätshilfe". Das geht heutzutage per Mausklick. Womit in Deutschland vielleicht niemand rechnet: Ich mache diese Bundesregierung (und ihren Vorgänger) für das Gebaren der EZB mitverantwortlich.
Progressor 17.07.2014
5. Drei Anmerkungen dazu
Zitat von bstarkBei Sparern und Versicherten hat er eh jedes Vertrauen verloren. Es nützt diesen nämlich gar nichts, wenn Banken und Staaten sich kurzfristig entschulden können, aber er am Ende mit einer wertlosen Weichwährung sein Altersdasein bestreiten muss.
Die Rendite für Sparer und Versicherte (Rente, Lebensversicherung, etc.) ergibt sich aus dem realen Zinssatz. Dieser errechnet sich aus nominalem Zins minus Inflationsrate. Dass die Inflationsrate höher als der nominale Zins ist, ist nichts Neues. Dieses Phänomen konnten wir in der Vergangenheit schon öfters beobachten, es hat bei einem Nominalzinssatz von z.B. 5 % niemand so sehr gestört. Historisch gesehen ist ein Nominalzinsatz von nun 0 % und einer Inflationsrate von unter 1 % sogar noch gut. Wenn man als Sparer etc. eine Rendite haben möchte, dann muss sich jemand auf der anderen Seite dafür verschulden. Dies ist aber nun mal jetzt und nicht nur im Euroland nicht gegeben. Es wird munter weitergespart, die Staaten sollen sich aber nicht mehr weiter verschulden (Austeritätspolitik), sondern sogar noch ihre Kredite zurückführen. Der private Sektor kann sich nicht mehr verschulden, oder will es nicht. Die Unternehmen sehen daher keine Rendite bei Investitionen und halten sich deshalb ebenfalls zurück. Erinnern Sie sich noch an die neoliberale Propaganda, das Umlageverfahren im Rentensystem wäre am Ende und jetzt solle die eigenverantwortliche kapitalgedeckte Altersvorsorge kommen? Noch nie hat sich Unsinn schneller als solcher herausgestellt. Denken Sie mal darüber nach, ob es nicht noch weitere Dinge gibt, die man fest in die Birnen eingehämmert hat und die sich ebenfalls als Nonsense herausstellen werden. Wenn man Draghi eine Schuld zuweisen will, dann diese: Dass er nicht alle Staatsoberhäupter der Eurozone zusammenruft und ihnen erklärt, dass die Geldpolitik am Ende ist und nun die hohe Zeit der staatlichen Konjunkturprogramme auf Pump gekommen ist.
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