EZB-Geldpolitik Europas Sparer werden noch lange mit niedrigen Zinsen leben müssen

Notenbankpräsidentin Lagarde hat sich mehr Spielraum verschafft, die Zinsen noch lange niedrig zu halten. Wie lange das sein wird, ließ sie offen. Experten rechnen mit einer Fortdauer »bis mindestens 2023«.
EZB-Präsidentin Christine Lagarde: »Es wird noch einige Zeit dauern, bis die negativen Folgen der Pandemie beseitigt sein werden«

EZB-Präsidentin Christine Lagarde: »Es wird noch einige Zeit dauern, bis die negativen Folgen der Pandemie beseitigt sein werden«

Foto: Kai Pfaffenbach / REUTERS

Die Geldpolitik der Europäischen Zentralbank (EZB) soll noch für längere Zeit extrem locker bleiben. Dies verkündete Notenbankchefin Christine Lagarde bei ihrer turnusmäßigen Pressekonferenz zur Geldpolitik. Auch nach der akuten Krisenphase werde die EZB die Wirtschaft der Eurozone stützen. Kurz zuvor hatte der Rat der EZB entschieden, den Leitzins bei null Prozent zu belassen.

Offensichtlich ist, dass von Inflation für die EZB derzeit kein Schrecken ausgeht. Man werde den Anstieg der Verbraucherpreise über das anvisierte Ziel von zwei Prozent hinaus für längere Zeit tolerieren, sagte die Präsidentin – wie lange das sein wird, ließ sie offen.

»In der heutigen Entscheidung des EZB-Rats zeigt sich, dass die veränderte geldpolitische Strategie nicht nur eine neue Rhetorik, sondern auch eine Veränderung in der Sache bringt«, sagt etwa Friedrich Heinemann, Leiter des Forschungsbereichs Unternehmensbesteuerung und Öffentliche Finanzwirtschaft am ZEW Mannheim. »Mit dem überarbeiteten zinspolitischen Ausblick immunisiert die EZB ihre Negativzinsen und die Anleihekäufe auf lange Zeit gegen einen überraschend starken Inflationsanstieg.«

Alexander Krüger, Chefvolkswirt beim Bankhaus Lampe, rechnet damit, dass die Zeit der Ultratiefzinsen noch länger anhalten wird. »An eine Leitzinswende ist nicht nur noch lange nicht zu denken, sie ist zeitlich sogar noch gestreckt worden.«

Lagarde erhöht also ihren Spielraum, die Zinsen noch lange niedrig zu halten und ihr Anleihekaufprogramm fortzuführen. Das dürfte insbesondere in Deutschland für Kritik sorgen. Hier fällt die Teuerung wegen des Aufschwungs höher aus als im Durchschnitt der Eurozone; zudem sind die Deutschen besonders sensibel, was das Thema Inflation angeht. Tatsächlich sind die niedrigen Zinsen Gift für Sparbücher, die die Bundesbürger so lieben; andererseits sorgt die Geldpolitik der EZB dafür, dass sich Unternehmen günstig Geld leihen können, um zu wachsen und Jobs zu schaffen. Und den Finanzministern der Eurozone erleichtert die Notenbank, Wachstumsprogramme aufzulegen und dem Wahlvolk teure Geschenke zu machen.

Lagarde sieht höhere Unsicherheit durch Delta-Variante

Die Inflationsrate im Euroraum lag im Juni bei 1,9 Prozent. Experten gehen davon aus, dass die Inflation in den kommenden Monaten wieder steigt und in der zweiten Jahreshälfte sogar drei Prozent oder mehr erreichen könnte. Dieser Anstieg hat unterschiedliche Ursachen. Zum einen geht das Plus auch darauf zurück, dass die Preise in der zweiten Jahreshälfte 2020 niedriger lagen, weil sie von der in Deutschland vorübergehend gesenkten Mehrwertsteuer gedrückt worden waren. Dieser Effekt hat sich nun umgekehrt.

Hinzu kommt, dass wegen der vielerorts sehr kräftigen Erholung der Weltwirtschaft zahlreiche Branchen mit Materialknappheit zu kämpfen haben. So kommt es seit Wochen beispielsweise bei Baumaterialien oder Mikrochips zu weitreichenden Engpässen – und dadurch zu steigenden Preisen. Auch die Energiepreise ziehen kräftig an, weil Rohöl inzwischen wieder viel teurer ist als vor einem Jahr.

Aufhorchen ließen vor allem Lagardes Anmerkungen im Zusammenhang mit der Pandemie. Die Ausbreitung der Delta-Variante sei zunehmend »eine Quelle der Unsicherheit«, sagte die Französin. Und sie fügte an: »Es wird noch einige Zeit dauern, bis die negativen Folgen der Pandemie beseitigt sein werden.« Wann das der Fall sein wird und die Pandemie ihren Schrecken verliert, konnte Lagarde freilich nicht sagen. »Im geldpolitischen Rat sitzen vor allem Ökonomen und auch Anwälte, keine Virologen«, sagte sie. Damit ist klar, dass die EZB vorerst nicht ihre Anleihekäufe zurückfahren wird, mit denen sie die Zinsen in der Eurozone auch niedrig hält.

Ökonom Heinemann vom ZEW sieht die neue Strategie und ihre Umsetzung denn auch kritisch. »Es ist auffällig, wie selektiv die EZB aktuelle Entwicklungen wahrnimmt. Während die Risiken neuer Infektionswellen offenbar stark beachtet werden, ist das Interesse für die unverkennbaren Signale einer beginnenden Überhitzung von Teilen der Wirtschaft gering.« In der praktischen Konsequenz bedeute all dies die Fortdauer der Null- und Negativzinsen »bis mindestens 2023«.

baz/hej