Geldentwertung Lagarde hält Debatte über »Greenflation« für übertrieben

Die Verbraucherpreise steigen vor allem wegen hoher Energiekosten. Trotzdem hält die EZB die Gefahr weiter für gering, dass sich die Lage durch die Energiewende verschärft.
Christine Lagarde: »Die aktuellen Auswirkungen der Dekarbonisierung auf die Preise sind minimal«

Christine Lagarde: »Die aktuellen Auswirkungen der Dekarbonisierung auf die Preise sind minimal«

Foto: Thomas Lohnes / Getty Images

Die Präsidentin der Europäischen Zentralbank (EZB) fürchtet bislang keinen bedeutenden zusätzlichen Preisschub durch die Energiewende. »Die aktuellen Auswirkungen der Dekarbonisierung auf die Preise sind minimal, und zwar egal, ob wir über Emissionshandel oder Sondersteuern reden«, sagte Christine Lagarde.

Bei den Energiepreisen erwartet sie eine Stabilisierung auf hohem Niveau. Die hohen Kosten für Öl und Gas seien zwar kein vorübergehendes Phänomen. Das Preisniveau sei aber jetzt schon sehr hoch. »Der Ölpreis ist von unter 20 Euro im April 2020 auf 90 Euro pro Fass gestiegen, und es ist sehr unwahrscheinlich, dass er in der gleichen Dynamik weiter steigt. Die Inflation wird sich allein schon deshalb verlangsamen.«

Angesichts dessen argumentierte Lagarde gegenüber den Zeitungen des Redaktionsnetzwerk Deutschland : »Die ganze Debatte über Greenflation halte ich für übertrieben.« Das gilt demnach auch für die immer teurer werdenden Rohstoffe der Energiewende wie Silizium, Nickel oder Kupfer. »Die Auswirkung dieser speziellen Rohstoffpreise auf die allgemeine Preisentwicklung ist klein, jedenfalls zurzeit.«

Lagarde sieht keine Lohn-Preis-Spirale kommen

Tatsächlich sind die Gründe für die derzeit hohen Preise, insbesondere im Energiesektor, Experten zufolge derzeit andere  – und langfristig dürfte sich die Energiewende auch lohnen. Mittelfristig, so hatte es EZB-Direktorin Isabel Schnabel noch im Januar gesagt, könnte die Wende zu grünen Energiequellen aber das Risiko einer höheren Teuerung beinhalten.

Durch die anstehenden Tarifrunden erwartet EZB-Präsidentin Lagarde indes keinen weiteren Inflationsschub. Es sei zwar verständlich und legitim, wenn Gewerkschaften höhere Lohnforderungen stellten, um die Kaufkraft der Arbeitnehmer zu erhalten. Dass die Lohnabschlüsse den Inflationsprozess beschleunigten, sehe sie derzeit aber »überhaupt nicht«. Die Lohnforderungen seien in den meisten Euroländern, auch in Deutschland, sehr moderat.

Anders als etwa der deutsche Bundesbankpräsident Joachim Nagel hält Lagarde entsprechend wenig von einem allzu raschem Handeln gegen die Inflation. Wenn die EZB überstürzt handelte, »könnte die Erholung unserer Volkswirtschaften deutlich schlechter ausfallen und Arbeitsplätze wären gefährdet«, sagte sie. »Damit wäre niemandem geholfen.«

Die EZB sei zwar noch nicht am Ziel, die Inflationsrate auch auf mittlere Sicht und dauerhaft bei ihrem Ziel von zwei Prozent zu stabilisieren. »Aber wir machen Fortschritte und kommen dem näher«, sagte Lagarde. »Das würde uns erlauben, einige unserer Interventionen zurücknehmen.«

Inflation lange runtergespielt

Die EZB beobachtet die Auswirkungen der hohen Energiepreise laut Lagarde sehr genau. »Wir werden uns das im März sehr genau ansehen und bei allen weiteren Treffen in den nächsten Monaten. Falls nötig, werden wir handeln. Aber das geht nur Schritt für Schritt.«

Zuvor waren die Währungshüter heftig kritisiert worden, die Gefahr der Inflation lange zu unterschätzen  – und als vorübergehendes Phänomen abzutun. Erst seit Neuestem glaubt die EZB nicht mehr daran, dass sich die Inflation wieder rasch verflüchtigt.

Die Inflation ist ein wichtiger Gradmesser für die Geldpolitik. Die Notenbank strebt eine jährliche Teuerungsrate von zwei Prozent im Euroraum an und ist zumindest zeitweise bereit, ein moderates Über- oder Unterschreiten zu akzeptieren.

Kritiker werfen der EZB vor, mit ihrer ultralockeren Geldpolitik die Teuerung anzuheizen, die sie eigentlich im Zaum halten will. Die Niedrigzinsen und Käufe von Staatsanleihen stützen aber die hoch verschuldeten Staaten in Südeuropa.

apr/AFP/Reuters
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