Fachkräftemangel BA-Chef blockt Brüderles Zuwanderungsplan ab

Sollen ausländische Experten die Fachkräftelücke in Deutschland schließen? Nein, sagt der Chef der Bundesagentur für Arbeit, Frank-Jürgen Weise - und stellt sich damit gegen den Wirtschaftsminister. Das vorhandene Potential am Arbeitsmarkt sollte zuerst genutzt werden, mahnt Weise.

BA-Chef Weise: "Das vorhandene Potential im Land sollte erst einmal genutzt werden"
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BA-Chef Weise: "Das vorhandene Potential im Land sollte erst einmal genutzt werden"


Hamburg - Es sind klare Worte des Chefs der Bundesagentur für Arbeit (BA): Der Fachkräftemangel in Deutschland sollte aus seiner Sicht nicht mit der Anwerbung von ausländischen Arbeitskräften bekämpft werden, sagte Frank-Jürgen Weise der "Financial Times Deutschland" ("FTD").

Anstelle einer schnellen Zuwanderung sollten Betriebe attraktive Angebote entwickeln. "Das vorhandene Potential im Land sollte erst einmal genutzt werden. Wir können nicht zulassen, dass Menschen in Arbeitslosigkeit sind, nur weil ihre Talente nicht genutzt werden", sagte der BA-Chef.

Hintergrund der Forderung: Mit dem Aufschwung klagen immer mehr Betriebe über Fachkräftemangel. Wirtschaftsminister Rainer Brüderle (FDP) verlangte deswegen mehr Zuwanderung - und löste damit eine heftige Debatte aus. So hatte Brüderle eine Art Begrüßungsgeld vorgeschlagen, um ausländische Experten nach Deutschland zu locken.

Für Weise wäre die Anwerbung von Fachkräften jedoch erst der zweite Schritt. "Wer qualifizierte Kräfte haben und halten will, muss etwas bieten - das können die Unternehmen selbst gestalten, da braucht man nicht nach dem Gesetz zu rufen." Vor allem die Mängel in der Kinderbetreuung sollten behoben werden. Sie hinderten viele qualifizierte Frauen daran, zu arbeiten: "Es ist auch Sache von Arbeitgebern und Arbeitnehmern, das so zu organisieren, dass Familie und Beruf vereinbar sind", sagte der BA-Chef der "FTD".

Seehofer: Bundesrepublik darf nicht das Sozialamt für die Welt werden

Skeptisch äußern sich auch Politiker der CSU. Parteichef Horst Seehofer sprach sich gegen das von Brüderle vorgeschlagene Begrüßungsgeld aus. Dies sei nicht der richtige Weg zur Bekämpfung des Fachkräftemangels. Er würde in der "richtigen Reihenfolge vorgehen" und zunächst das Arbeitskräftepotential im Land ausnutzen, sagte der bayerische Ministerpräsident im ARD-Sommerinterview.

Seehofer sagte, Bayern stehe in einem "weltoffenen Verhältnis" zur Zuwanderung. "Wir haben nur entschieden etwas dagegen, dass man aufgrund unserer Sozialsysteme dann die Bundesrepublik Deutschland zum Sozialamt für die ganze Welt macht." Er verwies darauf, dass in Deutschland noch mehr als drei Millionen Menschen arbeitslos seien.

Bayerns Innenminister Joachim Herrmann lehnt ebenfalls Vorschläge ab, die Zuwanderung ausländischer Fachkräfte nach Deutschland zu erleichtern. "Ich sehe überhaupt keinen Anlass, die Einwanderungsbestimmungen zu lockern", sagte der CSU-Politiker. Seine Partei werde einer grundlegenden Änderung der Zuwanderungsregelung nicht zustimmen. Nach dem geltenden Recht könne schon heute jede Firma Mitarbeiter aus dem Ausland einstellen, wenn entsprechend qualifizierte Bewerber im Inland nicht zu finden seien. Das sei aus Herrmanns Sicht der richtige Ansatz.

Arbeitgeberpräsident Hundt will gutausgebildete Zuwanderer ins Land holen

Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt unterstützt dagegen die Pläne von Wirtschaftsminister Brüderle. Deutschland sei auf die Kompetenzen qualifizierter Zuwanderer angewiesen, sagte der Chef der Bundesvereinigung Deutscher Arbeitgeberverbände (BDA). "Eine Zuwanderungspolitik, die sich am Bedarf des Arbeitsmarktes orientiert, führt zu mehr wirtschaftlicher Dynamik und damit auch mehr Beschäftigungsmöglichkeiten für Einheimische."

Hundt sprach sich für ein Punktesystem aus, mit dem Zuwanderer nach persönlichen Qualifikationen wie Ausbildung, Berufserfahrung und Sprachkenntnissen ins Land geholt werden könnten.

lgr/dpa/AFP

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Kontrastprogramm 02.08.2010
1. Erst die Einheimischen
Zitat von sysopSollen ausländische Experten die Fachkräftelücke in Deutschland schließen? Nein, sagt der Chef der Bundesagentur für Arbeit, Frank-Jürgen Weise - und stellt sich damit gegen den Wirtschaftsminister. Das vorhandene Potential am Arbeitsmarkt sollte zuerst genutzt werden, mahnt Weise. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,709587,00.html
Nicht wenige Foristen heir behaupten ja immer steif und fest, dass 80 % der Hartz-IV-er eine abgeschlossene Berufsaufbildung haben oder gar 10 % einen Hochschulabschluss, wenn dem also so ist, dann gibt es doch gar keinen Grund, nicht erst dieses Biotop auszuschöpfen.
mexi42 02.08.2010
2. Die FDP und ihrer ...
Politiker sind flüssiger als Wasser: überflüssig. Sie haben dieser Republik nur geschadet.
marvinw 02.08.2010
3. Brüderle
Es reicht eigentlich schon wenn man den fettleibigen grauhaarigen Herren sieht. Auf die Idee zu kommen eigene Arbeitnehmer durch billige Auslandsarbeiter unter Druck zu setzen spricht für die Überzeugung eines Raubkapitalisten. Aber andererseits stelle ich mir das recht witzig vor: die Fachkräfte kommen und erfahren dass es in Deutschland keinen Mindestlohn gibt und dass sie in der Zeitarbeit arbeiten werden. Sie werden dann wahrscheinlich gleich nach Hause kehren.
dipl_arch 02.08.2010
4. Fachkräftemangel?
Brüderles Absicht ist ein Schlag ins Gesicht für Arbeitssuchende, angehende Arbeitssuchende, Lehrlinge und den unseren Arbeitsmarkt. Ich kenne einige Fachkräfte die nicht in ihrem Beruf arbeiten sondern für 7,nix € /Stunde als Leiharbeiter gelbe Säcke auf die Laster werfen. Wie kann man nur derart blind für die Belange der Bevölkerung sein und so offensichtlich nur die Industrie bedienen ?
max.flügelschmied 02.08.2010
5. Das könnte dir so passen!
Das könnte Herrn Brüderle so passen! Wir haben genug Arbeitlose von allem. Wenn die Industrie die eigenen Fachkräfte schlecht redet um die Löhne zu drücken muss sie sich nicht wundern. Wir in Europa haben genug von allem das muss reichen! Wenn in Europa die Arbeitslosen zahlen richtig abnehmen dann kann er Leute aus anderen Ländern holen. Es ist doch klar das Brüderle so was fordert. Er hat doch sonst nichts im Angebot. Herr Brüderle soll sich lieber um eine ordentliche Industrieansiedlungspolitik in Ost-Deutschland kümmern oder seine Freunde aus der Wirtschaft mal dazu überreden die Leute ordentlich weiter zu qualifizieren.
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