Corona-Expertenrat der Regierung Mediziner Karagiannidis warnt vor Personalengpass auf Intensivstationen

Ärzte und Pflegekräfte sind auf den Intensivstationen nach zwei Jahren Pandemie vielerorts knapp – und nun steigen die Coronafälle wieder stark. Intensivmediziner Karagiannidis rechnet mit dramatischen Folgen.
Intensivstation in der Uniklinik Rostock: »System näher an einem Kipppunkt, als ich bisher dachte«

Intensivstation in der Uniklinik Rostock: »System näher an einem Kipppunkt, als ich bisher dachte«

Foto: Jens Büttner / picture alliance / dpa

Christian Karagiannidis leitet die Intensivstation der Lungenklinik in Köln-Merheim. Er weiß, was es heißt, wenn Personal fehlt. Angesichts steigender Infektionszahlen hat der Mediziner, der im Corona-Expertenrat der Bundesregierung sitzt, nun vor massiven Personalengpässen in den Kliniken gewarnt.

»Die Personalsituation auf den Intensivstationen ist enorm angespannt«, sagte Karagiannidis, der zugleich wissenschaftlicher Leiter des Intensivbettenregisters der Fachvereinigung DIVI ist, den Zeitungen der Funke Mediengruppe . »Das System steht näher an einem Kipppunkt, als ich bisher dachte.«

Weniger betreibbare Intensivbetten

Das Robert Koch-Institut (RKI) hat den bundesweiten Sieben-Tage-Wert der Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner am Samstagmorgen mit gut 630 angegeben – eine Woche zuvor hatte er bei knapp 450 gelegen, im Vormonat bei gut 280.

Allerdings liefert die Inzidenz kein vollständiges Bild der Infektionslage: Experten gehen von sehr vielen nicht erfassten Fällen aus – vor allem, weil viele Infizierte keinen PCR-Test mehr machen lassen, aber nur diese Tests zählen. Dieser Blindflug könnte sich bald noch verschärfen: Trotz der steigenden Zahlen soll es kostenlose Coronaschnelltests künftig nur noch für Risikogruppen geben. Für alle anderen sollen nach Plänen von Gesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) »Bürgertests« künftig drei Euro kosten.

Von bundesweit 1300 Intensivstationen hätten Mitte Juni rund 580 erhebliche Personalengpässe gemeldet, inzwischen seien es rund 630. »Wir hatten in den vergangenen Jahren noch nie so wenig betreibbare High-Care-Betten zur Verfügung wie derzeit«, sagte er.

Christian Karagiannidis: Deutschlandweit 7500 Intensivbetten

Christian Karagiannidis: Deutschlandweit 7500 Intensivbetten

Foto: Christian Mang / AFP

Bis vor Kurzem habe der Schnitt noch bei deutschlandweit rund 8000 gelegen, jetzt seien es noch 7500. Es sei zu erwarten, dass sich die Lage durch weiter steigende Infektionszahlen und dementsprechend mehr Personalausfälle noch verschlechtere.

Vielerorts – wie an den sechs Unikliniken in Nordrhein-Westfalen – belasten zudem Streiks mitunter die Versorgung der Patienten: Operationen fallen aus, Stationen sind geschlossen .

apr/dpa
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