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Drohende Fahrverbote für Diesel

Wir Autofahrer haben Mitschuld

Wer trägt die Verantwortung für die drohenden Dieselfahrverbote? Politik und Autoindustrie natürlich. Heißt es. Doch auch die Dieselkäufer haben einen entscheidenden Anteil daran.

Ein Kommentar von

DPA

Autobahn

Mittwoch, 07.03.2018   16:40 Uhr

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Selten hat ein Gerichtsurteil so hitzige Debatten ausgelöst wie das des Bundesverwaltungsgerichts in Leipzig. Am Dienstag vergangener Woche bestätigten die höchsten Richter Urteile früherer Instanzen, die von Städten verlangten, die Einhaltung geltender Schadstoffgrenzwerte sicherzustellen.

Was auf den ersten Blick wie eine Selbstverständlichkeit klingt, birgt tatsächlich enormen Sprengstoff. Denn nach gängiger Meinung gibt es nur einen Weg, um die Vorgabe zu erfüllen: Autos mit Dieselantrieb müssten - zumindest auf einigen Routen oder wenn die Luft besonders dick ist - mit einem Fahrverbot belegt werden.

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Wenn es um die Frage geht, wer für den ganzen Schlamassel verantwortlich ist, scheinen die Rollen klar verteilt. Hier die armen Autobesitzer, die nun mit staatlichen Begrenzungen zurechtkommen müssen. Dort die Autoindustrie, die mit Software-Tricks und geschickter Lobbyarbeit Kunden und Öffentlichkeit über den Tisch gezogen hat. Und irgendwo dazwischen die Politik und die Aufsichtsbehörden, die dem Spiel tatenlos zugesehen haben.

Jeder Hersteller bietet sparsame Autos an

Doch einfache Schuldzuweisungen, wie sie die hoch emotionale öffentliche Diskussion der vergangenen Tage hervorgebracht hat, greifen zu kurz. Seien wir ehrlich: Unser Anteil als Verbraucher ist erheblich. Wer ein Auto kaufen will, das wirklich sauber und sparsam ist, findet bei nahezu jedem Hersteller ein passendes Modell, sogar in der automobilen Oberklasse. Häufiger gekauft werden jedoch die anderen, weil sie entweder mehr Gimmicks oder einen stärkeren Motor an Bord haben.

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Auch die heute allgegenwärtigen - und immer wieder wahlweise heftig kritisierten oder verlachten - SUVs hatten die Hersteller vor 20 Jahren nur vereinzelt im Angebot. Trotz des geringen Komforts, mäßiger Fahreigenschaften und des hohen Preises fanden sie aber immer mehr Anklang bei den Kunden - ganz im Gegensatz zu Sparautos wie seinerzeit dem ersten echten 3-Liter-Auto von VW.

Auch der Dieselmotor ist den Autofahrern nicht aufgeschwatzt worden, wie es dieser Tage so oft heißt. Denn er liefert selbst gute Gründe für einen Kauf. Viel Drehmoment und mäßiger Verbrauch auch bei schnellen Etappen auf der Autobahn - ganz anders als die meisten Benziner. Viele kaufen den Selbstzünder deshalb, weil sie ihn einfach für das bessere Auto halten. Auch in Sachen Umwelt (geringerer CO2-Ausstoß) hat er Vorteile.

Potemkinsche Dörfer

Wohin das freie Spiel von Nachfrage und Angebot führen kann, wenn man die Zügel zu sehr schleifen lässt, zeigt ein Streifzug über den Automobilsalon, der ab Donnerstag in Genf gerade dem Fetisch Auto huldigt. Zwar gibt es dort auch Ausblicke auf das umweltgerechte Fahren von Morgen. Doch die fürs Hier und Jetzt ausgestellten Brot-und-Butter-Kombis liefern mittlerweile Motorleistungen, wie sie einst Supersportwagen vorbehalten waren.

Stellt man den Urahn des Porsche 911 neben seinen aktuellen Nachkommen, fällt überdies auf, wie dramatisch die Autos gewachsen sind - was übrigens auch mit deutlicher Gewichtszunahme verbunden ist. Das aber alles kostet: Lebensraum, Ressourcen und saubere Luft.

Solche Fehlentwicklungen hätten Gesetzgeber und Aufsichtsbehörden verhindern können. Mit der Durchsetzung der gesetzten Regeln. Und mit einer Neujustierung in den Fällen, wo sich die bestehenden Regeln als unzureichend erwiesen hatten.

In dieses Kapitel fällt übrigens auch die Messung des Abgases: Die Versuchsanordnung im Labor wurde schnell zum Spielball für Vertreter der Autoindustrie und Amtsleute. Ziel der Lobbyisten war es, die Autos möglichst sparsam und sauber dastehen zu lassen, und Ziel der Aufseher war es, zu verstehen, welche Tricks die andere Partei sich da gerade wieder ausgedacht hatte. Zu streng wollten sie womöglich auch deshalb nicht sein, weil dies die Autos am Ende stark verteuert hätte. Eine Auswirkung, die Verbrauchern und Unternehmen gleichermaßen missfallen hätte.

Man kann das ja verstehen, schließlich sind TÜV-Kontrolleure privat auch preissensible Autofahrer und haben den Wunsch, dass es der Wirtschaft gut geht. Mit wirksamer Kontrolle hatte das jedoch nichts zu tun.

Entstanden ist so die absurde Situation, dass Autos, die jetzt von Fahrverboten bedroht sind, vor nicht allzu langer Zeit vollkommen regelgerecht und mit staatlichem Prüfsiegel versehen auf den Markt gekommen sind (die Betrugsdiesel zählen natürlich nicht dazu). Die Hersteller können sich auf diese Rechtslage berufen, wenn sie die Hardware-Nachrüstung verweigern. Die Dieselfahrer müssen dagegen Änderungen in der Straßenverkehrsordnung hinnehmen, auch wenn sie beim Kauf ihres Autos darauf vertraut haben, dass es den Vorschriften entspricht.

Sie werden wohl bald in einzelnen Städten mit Fahrverboten konfrontiert sein. Und können dabei allenfalls mit einer teuren Nachrüstung wenigstens der Euro-5-Diesel Zeit gewinnen. Was nichts anderes heißt, als dass die Autobesitzer den Preis bezahlen. Das wäre ungerecht. Ein Teil geht auf ihre Kappe - aber nicht alles.

Im Video: Die Folgen des Diesel-Urteils

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