Fall "Emmely" Kassiererin bekommt Arbeitszeugnis nach 645 Tagen

Fast zwei Jahre nach ihrer Entlassung erhält "Emmely" ihr Arbeitszeugnis. Wegen 1,30 Euro hatte die Supermarktkette Kaiser's die Kassiererin entlassen und damit für einen öffentlichen Aufschrei gesorgt. Mit ihrem Zeugnis gibt sich "Emmely" nun trotzdem zufrieden.

Ehemalige Kassiererin Barbara E.: Streit um 1,30 Euro
DDP

Ehemalige Kassiererin Barbara E.: Streit um 1,30 Euro

Von Laura Himmelreich


Hamburg - 645 Tage nach ihrer Entlassung hält Barbara E., besser bekannt als "Emmely", nun ihr Arbeitszeugnis in den Händen. In den vergangenen Monaten stritten ihre Anwälte und die Supermarktkette Kaiser's Tengelmann um den Inhalt des Papiers. Die Firma stellte mehrere Zeugnisse aus, die Anwälte schickten sie zurück. Jetzt landete im Briefkasten von "Emmelys" Anwalt, Benedikt Hopmann, eine Version, mit der er sich zufrieden zeigt: "Das Zeugnis beschreibt sehr genau ihre Tätigkeit und ihren Werdegang und ihr freundliches Verhalten gegenüber den Kunden. Insofern ist es ein gutes Zeugnis."

Die Supermarktkette Kaiser's Tengelmann hatte die Berliner Kassiererin Barbara E. im Februar vergangenen Jahres entlassen, weil sie Pfandbons im Wert von 1,30 Euro eingelöst hatte, die ihr nicht gehörten. Der Fall sorgte für bundesweites Aufsehen, als die zuständigen Gerichte die Entlassung für rechtens erklärten.

Später drehte sich der Streit dann um das ausstehende Arbeitszeugnis. "Emmelys" Anwälte beschwerten sich über die Vorschläge des Arbeitgebers, weil sie nicht genau genug beschrieben haben sollen, welche Positionen Barbara E. in den 31 Jahren im Supermarkt ausgeübt habe: Obst- und Gemüsehändlerin, Fleischverkäuferin, Kassiererin. Allerdings ist "Emmely" auch selbst schuld, dass sie fast zwei Jahre auf ihr Zeugnis warten musste. Sie beantragte das Papier erst, nachdem sie vor dem Arbeitsgericht verloren hatte, das war im vergangen Februar. Eine Sprecherin von Kaiser's Tengelmann sagte, das Unternehmen stelle Zeugnisse nur auf Anfrage aus.

Die Kassiererin ließ über das Komitee "Solidarität für Emmely" mitteilen, für sie gelte das Zeugnis ohnehin nur vorläufig: "Ich betrachte das als Zwischenzeugnis." Denn der Fall Emmely geht weiter: Noch immer macht die Kassiererin vor Gericht geltend, dass ihre Kündigung nicht rechtmäßig sei. Vor dem Bundesarbeitsgericht hat sie Revision eingelegt. Sie fordert, dass die Kündigung für unwirksam erklärt wird. Der Prozess werde vermutlich Anfang 2010 stattfinden, sagte ihr Anwalt.

Das Landesarbeitsgericht Berlin hatte im Februar 2008 entschieden, dass die Kündigung gerechtfertigt sei, der geringe Streitwert von 1,30 Euro spiele keine Rolle. Der "irreparable Vertrauensverlust" zwischen Firma und Angestelltem sei ein berechtigter Kündigungsgrund, argumentierten die Richter. Das Bundesarbeitsgericht entschied im Sommer dieses Jahres jedoch, wegen der grundsätzlichen Bedeutung des Falls das Urteil zu überprüfen.

"Emmelys" Fall ist längst ein Politikum: Sie trat bei Kerner und Anne Will auf, Solidaritätskomitees gingen für sie auf die Straße, Gewerkschaften übernahmen ihre Prozesskosten. Es gab Emmely-Plakate und Boykottaufrufe gegen die Supermarktkette. Wolfgang Thierse (SPD) nannte das Urteil "barbarisch" und "asozial". Barbara E. aus Hohenschönhausen wurde zur Symbolfigur.

Derzeit lebt die 51-Jährige von Hartz IV. Sie habe sich bereits bei anderen Supermärkten beworben, aber bisher erfolglos, sagte ihr Anwalt. In der DDR machte sie eine Ausbildung zur Fachverkäuferin für Waren des täglichen Bedarfs. In ihrem Zeugnis steht, dass sie während ihrer 31 Jahre im Supermarkt pünktlich und einsatzbereit gewesen sei. Warum sie entlassen wurde, wird nicht erwähnt.



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maksim, 28.11.2009
1. Also ich habe vor kurzem beobachtet,
wie ein Kollege mit einem Firmenkugelschreiber eine Notiz in seinem privaten Terminkalender gemacht hat! Das ist Diebstahl am Firmeneigentum. Eigentlich ein Grund, um ihn fristlos an die frische Luft zu setzen.
ender, 28.11.2009
2.
Zitat von sysopRausschmiss wegen Dosensuppe oder eines Fischbrötchens - Darf Mitarbeitern wegen solchen Bagatelldelikten gekündigt werden?
Klar! Allerdings sollten dann auch Bundestagsabgeordnete, die Mont Blanc - Kugelschreiber nach Hause mitnehmen wegen Untreue (http://dejure.org/gesetze/StGB/266.html) mit einer Freiheitsstrafe von fünf Jahren belegt werden. ender
DerBlicker 28.11.2009
3. nein!
Zitat von sysopRausschmiss wegen Dosensuppe oder eines Fischbrötchens - Darf Mitarbeitern wegen solchen Bagatelldelikten gekündigt werden?
aber die Diskussion haben wir doch schon mal geführt.
saul7 29.11.2009
4. ;-))
Zitat von enderKlar! Allerdings sollten dann auch Bundestagsabgeordnete, die Mont Blanc - Kugelschreiber nach Hause mitnehmen wegen Untreue (http://dejure.org/gesetze/StGB/266.html) mit einer Freiheitsstrafe von fünf Jahren belegt werden. ender
Stimme zu. Dies ist der zigste Thread zu diesem Thema. Es eignet sich wirklich wunderbar, um sich so richtig zu erregen. Inhaltlich vermisse ich bei der Gerichtsbarkeit die Beachtung der Verhältnismäßigkeit. Häufig läßt leider die Rechtsdogmatik den Richtern keine andere Möglichkeit. ...
mörk 29.11.2009
5. ...
Wenn es wiederholt vorkommt, sollte man sich evtl drum kümmern. Aber da sollte ein offenes Gespräch doch genügen, eine Kündigung ist mit solchen Kleinigkeiten nicht zu rechtfertigen. Arbeitgeber, die wegen derartiger Bagatellen kündigen, sind wohl auch die, die sich wundern, warum ihr Betriebsklima so miserabel ist und die Mitarbeiter so unmotiviert sind. Es gibt im Grunde nur eine Möglichkeit, solche Arbeitgeber abzustrafen: Indem keiner mehr für sie arbeitet. Aber in einem Land, in dem die Bevölkerung dumm genug ist, sich Löhne von 6 Euro und weniger gefallen zu lassen, ist da wohl nichts zu machen.
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