DIW-Studie Familienarbeitszeit kostet nur 140 Millionen Euro

Die SPD fordert sie, die Union findet sie gut: die Familienarbeitszeit. Kommt die bezuschusste 32-Stunden-Woche für Eltern tatsächlich, würde das den Staat laut einer DIW-Studie höchstens 140 Millionen Euro kosten - ein Bruchteil der Ausgaben für das Elterngeld.
Vater mit Kindern: Traditionelle Rollenverteilung aufbrechen

Vater mit Kindern: Traditionelle Rollenverteilung aufbrechen

Foto: Frank Leonhardt/ picture alliance / dpa

Hamburg - Die Familienagenda der künftigen Großen Koalition hat es in sich. Das geplante Rückkehrrecht in Vollzeit sorgt bei den Arbeitgebern schon jetzt für Unmut, dabei verhandeln Union und SPD über einen noch größeren Brocken: die Familienarbeitszeit. Sollten die Verhandlungsführer dabei einen Durchbruch erzielen, könnten sie den wohl größten gesellschaftlichen Umbruch seit Einführung des Elterngelds anstoßen.

Im Unterschied zum Elterngeld wäre die Familienarbeitszeit vergleichsweise preiswert zu haben: Sie würde in der Anfangsphase maximal 140 Millionen Euro pro Jahr kosten, wie aus einer Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) hervorgeht, die SPIEGEL ONLINE vorliegt. Das Elterngeld dagegen verschlingt rund 4,6 Milliarden Euro pro Jahr.

Zum Hintergrund: Das Modell der Familienarbeitszeit sieht vor, dass beide Eltern ihre Arbeitszeit auf 80 Prozent anpassen - also auf 30 oder 32 Stunden pro Woche. Zugleich soll ihnen ein Teil des ausfallenden Lohns vom Staat ersetzt werden. Die finanzielle Unterstützung soll im Anschluss an das Elterngeld gezahlt werden und sich wie dieses am Nettoeinkommen der Eltern orientieren - begrenzt auf drei Jahre. Eltern mit kleineren Einkommen würden prozentual höher bezuschusst werden als Eltern mit hohen Einkommen. Die SPD fordert in den Verhandlungen eine solche reduzierte Familienarbeitszeit. Die Union hält eine "vollzeitnahe Teilzeit"  zumindest laut Wahlprogramm für attraktiv, verlangt sie jedoch nicht explizit.

Die DIW-Forscher beziehen in ihrer Studie im Auftrag der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung und der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung klar Stellung für die Familienarbeitszeit. Sie hat den Fachleuten zufolge das Potential, die traditionelle Rollenverteilung in Familien aufzubrechen. "Die Kosten der Lohnersatzleistung wären mit bis zu 140 Millionen Euro pro Jahr zu Beginn relativ moderat", schreiben die Autoren der Studie. "Wenn sich die sozialen Normen langfristig ändern und mehr Familien das Modell nutzen, würden die Kosten zwar steigen, dann wäre aber auch viel für die Vereinbarkeit von Beruf und Familien erreicht." Zudem würde sich das Arbeitskräftepotential in Deutschland erhöhen, die Einkommen und Renten vieler Mütter würden steigen.

Tatsächlich fördern viele der derzeitigen Steuer- und Arbeitsmarktregelungen das klassische Modell der Hausfrauenehe, bei der ein Partner Vollzeit arbeitet und einer maximal auf einer halben Stelle. Begünstigt wird dieses Modell etwa durch das Ehegattensplitting, die beitragsfreie Mitversicherung bei der gesetzlichen Krankenversicherung oder auch die steuerfreien Minijobs. Dadurch landet ein Teil der Ehepartner - meist die Frauen - häufig in der beruflichen Sackgasse, nicht selten sogar in Altersarmut. Das soll verhindert werden, indem beide Partner mindestens 80 Prozent arbeiten.

Im Schnitt 300 bis 350 Euro mehr netto im Monat

Das DIW hat errechnet, wie viele Eltern von der Neuregelung Gebrauch machen könnten. Demnach könnte sich der Anteil der Partner, die statt eines Ein- bis Eineinhalb-Verdiener-Modells ein Zweimal-80-Prozent-Modell wählen, bei Einführung einer solchen Förderung kurzfristig verdoppeln. Diese Eltern hätten mit der Förderung im Durchschnitt 300 bis 350 Euro mehr Nettoeinkommen zur Verfügung als vorher - je nachdem, wie großzügig die Leistung ausgestaltet wird.

Dem liegen zwei Berechnungen zugrunde: Bei der ersten werden bei mittlerem Einkommen 50 Prozent der Verdienstdifferenz zur Vollzeitstelle ersetzt, bei der zweiten 65 Prozent. In beiden Fällen, so fanden die Forscher heraus, hätte die Leistung eine spürbare Wirkung. "Der Anteil der Familien, die diese Arbeitszeit-Kombination wählen, würde um 0,5 bis 0,9 Prozentpunkte steigen." Da die Gruppe aber trotzdem zu Beginn relativ klein wäre, würden auch die Kosten recht moderat ausfallen - zumindest im Vergleich zum Elterngeld.

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