Studie Fast ein Viertel aller Beschäftigten erhält Niedriglohn

Zwei Millionen weniger Arbeitslose - und trotzdem hat sich die Einkommensverteilung in Deutschland nicht verändert. Nach Informationen des SPIEGEL arbeitet fast jeder vierte Beschäftigte im Niedriglohnsektor.
Gebäudereiniger: Bis zu acht Millionen Deutsche arbeiten im Niedriglohnsektor

Gebäudereiniger: Bis zu acht Millionen Deutsche arbeiten im Niedriglohnsektor

Foto: JAN BAUER/ AP

Düsseldorf - Seit knapp acht Jahren hat sich die Einkommensschere in Deutschland nicht weiter verschärft. Zu diesem Schluss kommt eine Studie des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) in der Hans-Böckler-Stiftung.

Doch diese Entwicklung ist nur auf den ersten Blick erfreulich. Vor dem Hintergrund der "enorm guten Entwicklung auf dem deutschen Arbeitsmarkt" wäre ein deutlicher Rückgang bei den Lohndifferenzen zu erwarten gewesen, schreiben die Autoren der Studie.

2005 waren in Deutschland noch 4,9 Millionen Menschen arbeitslos, im vergangenen Jahr waren es zwei Millionen Menschen weniger - demnach hätte sich die Schere bei der Einkommensverteilung erheblich schließen müssen, da Arbeitslose eine bezahlte Beschäftigung gefunden haben.

Dass das nicht passiert ist, liegt nach Ansicht der Forscher auch an den extrem niedrigen Löhnen einiger Branchen. 22,2 Prozent aller Beschäftigten mussten nach der aktuellsten europäischen Lohnstrukturerhebung im Jahr 2010 mit einem Niedriglohn auskommen. Sie verdienten weniger als zwei Drittel des mittleren Stundenlohns, also im Westen knapp elf Euro und im Osten 8,30 Euro.

Damit hat die Bundesrepublik den siebtgrößten Niedriglohnsektor in der EU, zwischen sechs und acht Millionen Menschen sind betroffen. "Deutschland hat in den letzten beiden Jahrzehnten ein Maß an Ungleichheit erreicht, das sowohl sozial als auch wirtschaftlich hochproblematisch ist", sagt der Wissenschaftliche Direktor des IMK, Gustav Horn.

Besonders prekär sieht es im Einzelhandel aus: Knapp jeder dritte der rund 3,2 Millionen Beschäftigten arbeitet dort für weniger als zehn Euro pro Stunde. Jeder Fünfte erhielt den verfügbaren Daten aus dem Jahr 2010 zufolge sogar weniger als 8,50 Euro. Die Folge: Viele dieser Löhne müssen aufgestockt werden.

Angesichts dieser Zahlen hatten die Arbeitgeber erst zu Beginn des Jahres in fast allen Bundesländern den Manteltarif im Einzelhandel aufgekündigt. Wie schwierig abgesicherte Arbeitsbedingungen im Handel durchzusetzen sind, zeigte zuletzt auch das Beispiel Karstadt. Der Kaufhauskonzern war komplett aus dem Flächentarifvertrag ausgestiegen, weil er tarifliche Lohnerhöhungen nicht mehr mittragen will.

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vks
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