Krisenkredite der US-Notenbank Fed Geld für Zombie-Unternehmen

Zum ersten Mal in ihrer Geschichte kauft die amerikanische Notenbank Unternehmensanleihen. Sie sichert damit auch solchen Firmen das Überleben, die auch ohne Corona große Probleme hatten.
Von Ines Zöttl, Washington
Die USA sind besonders schwer vom Coronavirus betroffen: Die Realwirtschaft steht still. Hier eine Straßenszene aus New York

Die USA sind besonders schwer vom Coronavirus betroffen: Die Realwirtschaft steht still. Hier eine Straßenszene aus New York

Foto: BRENDAN MCDERMID/ REUTERS

Der angeschlagene Flugzeugkonzern Boeing hat auf die großzügige Hilfe der amerikanischen Regierung dankend verzichtet. Bis zu 17 Milliarden Dollar sollte das Unternehmen, das im April kein einziges Flugzeug verkauft hat, vom Staat bekommen. Doch das Management entschied, sich das Geld lieber bei privaten Investoren zu besorgen.

Boeing legte kurzerhand ein Paket aus Anleihen in Höhe von 25 Milliarden Dollar auf - und die Anleger griffen zu. Die Nachfrage nach den Papieren mit einer Laufzeit von bis zu 40 Jahren sei "robust" gewesen, erklärte das Unternehmen nach der kurzfristig anberaumten Verkaufsaktion zufrieden.

Amerikas wichtigster Exportkonzern, der schon vor Covid-19 tief im selbstverschuldeten Schlamassel steckte, ist damit nun etwa so hoch verschuldet wie der Staat Neuseeland. Aber auch andere US-Unternehmen wie GM, Disney, Nike oder Visa haben ihre Kassen in den vergangenen Wochen aufgefüllt. Während die Realwirtschaft stillsteht, verbuchen die Finanzmärkte einen Rekord: Allein im April verdauten sie fast 290 Milliarden Dollar an Unternehmensanleihen mit Investment-Grade-Rating, also hoher bis mittlerer Bonität.

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Dass den Anlegern trotz Coronakrise der Appetit auf Schuldenpapiere nicht vergangen ist, ist der Institution zu verdanken, die seit dem Ausbruch der Pandemie die Märkte mit sichtbarer Hand lenkt: der Fed. Zum ersten Mal in ihrer Geschichte kauft die Notenbank Unternehmensanleihen, um eine mögliche Kreditklemme zu verhindern.

Am Dienstag vergangener Woche holte sie sich einen ersten Schwung Indexfonds für 305 Millionen Dollar – ein bescheidener Einkauf angesichts der 750 Milliarden Dollar, die sie insgesamt dafür eingeplant hat. Doch entscheidend ist das Signal: Die Marktteilnehmer wissen nun, dass die Geldpolitiker aus der Constitution Avenue einspringen, wann immer Not am Mann ist.

Die Kreditmärkte sind weit offen

Seit die Fed ihr Kaufprogramm angekündigt habe, würden viele Unternehmen wieder reguläre Kredite erhalten und bräuchten das Notenbank-Geld gar nicht mehr, stellte Fed-Chef Jerome Powell schon Ende April fest. "Es findet eine gewaltige Menge von Finanzierungen statt, und das ist eine gute Sache."

Der Kreditexperte David Knutson von Schroder Investment Management formulierte es etwas weniger enthusiastisch: Es sei geradezu "paradox", dass Unternehmen, denen der Umsatz weggebrochen sei und deren Zukunft im Nebel liege, weiter Zugang zu den Kapitalmärkten hätten, sagte er der Nachrichtenagentur Bloomberg: "Trotz des schlimmsten Wirtschaftseinbruchs in der Geschichte sind die Kreditmärkte weit offen."

Der Fed sei Dank. Zwar will sie nur Papiere von Investment-Grade-Schuldnern kaufen, oder solchen, die es zumindest vor Covid-19 waren, den "gefallenen Engeln" wie der Ketchup-Hersteller KraftHeinz. Doch die Intervention der Notenbank hat dafür gesorgt, dass die Risikoprämien, also die Aufschläge, die Unternehmen ihren Gläubigern im Vergleich zu sicheren US-Staatsanleihen zahlen müssen, in den vergangenen Wochen wieder gesunken sind.

Und zwar nicht nur für Schuldner mit guter Bonität, sondern auch Krisenunternehmen, deren Schulden als hochriskante (und entsprechend hochverzinsliche) Ramschpapiere gehandelt werden. Jedes Unternehmen, das sich seit Ausbruch der Krise am Kapitalmarkt frisches Geld besorgt habe, "sollte der Fed einen Dankesbrief schreiben", empfahl die Investorenlegende Warren Buffett. Denn ohne das schnelle und entschlossene Eingreifen der Notenbank "hätte das nicht stattgefunden".

Doch dieser Erfolg bei der Stabilisierung der Märkte hat seinen Preis: Amerikas Unternehmen waren schon vor dieser Krise hochverschuldet – überverschuldet, wie mancher Kritiker findet. Im vergangenen Jahrzehnt ist die Schuldenlast um zwei Drittel gestiegen und überstieg Ende 2019 die Marke von zehn Billionen Dollar. Es war Powell, der damals warnte, dass die Zinsen für viele Betriebe zur "ernsten finanziellen Belastung" werden könnten, wenn sich die konjunkturelle Lage verschlechtere.

Mit dem Virus kam der Tag der Wahrheit schneller und brutaler als erwartet. Der Autovermieter Hertz konnte eine fällige Kreditrate Ende März nicht bezahlen und will 10.000 Beschäftigte entlassen. Die Einzelhandelsketten J. Crew, Neiman Marcus und J.C. Penney haben Konkurs angemeldet.

Plötzlich müssen Firmen um ihre Existenz kämpfen, deren Geschäftsmodell noch vor kurzem unkaputtbar erschien. Der Wohnungsvermittler Airbnb brauchte genauso frisches Geld wie der Kreuzfahrtbetreiber Carnival. Nun räche sich, dass große Teile der US-Wirtschaft mit "sehr geringer Fehlertoleranz gelaufen sind", sagt Luke Ellis, Chef des Hedgefonds Man Group. Unternehmen, die zu hoch verschuldet seien, könnten "keinerlei Schock für ihr Geschäft verkraften", so Ellis im Sender CNBC.

Etwa jedes sechste US-Unternehmen galt schon vor der Krise als "Zombie", als Untoter, der aus seinen Gewinnen kaum mehr als die – historisch niedrigen – Kreditzinsen finanzieren konnte. Dank der Fed aber könne nun praktisch jedes Unternehmen den Markt für Hochrisikoanleihen anzapfen, warnte der Finanzexperte Mohamed El-Erian: "Es legen Leute Bonds auf, die sich kein Geld leihen sollten."

Die meisten Beobachter aber sind überzeugt, dass die Fed keine andere Wahl hatte, um eine Finanzkrise und einen noch stärkeren Absturz der Wirtschaft zu verhindern. Bei der Krisenbekämpfung gebe es zwei Phasen, hat der frühere IWF-Chefvolkswirt Olivier Blanchard kürzlich gesagt: Erst komme das "whatever it takes", die Entschlossenheit, die Krise mit allen Mitteln zu stoppen. Irgendwann aber heißt es dann: "Um Himmels willen, was haben wir getan?".