Fehlgeleitete Entwicklungshilfe "Spenden finanzieren Krieg"

Zig Milliarden Euro fließen als Entwicklungshilfe nach Afrika - aber wird das Geld sinnvoll verwendet? Die Buchautorin Linda Polman ist skeptisch. Im Interview erläutert sie, wie gut gemeinte Hilfe die Prostitution fördert und wie korrupte Machthaber Spenden missbrauchen.
Kinder in Mosambik (nach der Flut 2007): Die Business-Elite macht gute Geschäfte

Kinder in Mosambik (nach der Flut 2007): Die Business-Elite macht gute Geschäfte

Foto: GRANT NEUENBURG/ REUTERS

Frage: Frau Polman, nach dem Lesen Ihres Buchs "Die Mitleidsindustrie" traut man sich kaum noch, Geld an eine Hilfsorganisation zu spenden. Wollten Sie das erreichen?

Polman: Nein, das war nicht meine Absicht. Aber mir ist klar, dass man nach dem Lesen geschockt ist.

Frage: Weltweit existieren mehr als 37.000 Nicht-Regierungs-Organisationen (NGO). Bei Ihnen klingt es so, als könne man keiner einzigen vertrauen.

Polman: Es geht nicht darum, dass man einzelnen nicht vertrauen könnte. Es geht darum, dass die Organisationen in Krisengebiete fahren und mit den lokalen Behörden und Autoritäten zusammenarbeiten müssen. Das sind häufig Rebellen oder Militärregime, und dann werden die Spenden missbraucht.

Frage: Wie sieht der Missbrauch aus?

Polman: Exakt so, wie ich es in Sierra Leone 1999 zum ersten Mal bewusst verfolgt habe. Es war eine wahrhaft dunkle Zeit, ohne Benzin für die Generatoren und Batterien für die Radios. Nirgendwo lief Musik, und Nachrichten drangen auch kaum ins Land. Das änderte sich schlagartig, als das Friedensabkommen zwischen der Regierung und den Rebellen unterschrieben war. Mehr als 200 internationale Hilfsorganisationen kamen in die Hauptstadt Freetown, Autos fuhren wieder, man hörte Musik, und die Restaurants machten ebenso auf wie der Golfklub - die Mitarbeiter der Organisationen wollten sich ja auch mal vergnügen.

Frage: Was war daran so schlecht?

Polman: Zuerst dachte ich, dass die Menschen gerettet sind. Aber das stimmte nicht. Ich lebte bereits seit einigen Jahren dort und kannte diejenigen, die mit Schuld an dem Krieg waren. Und die hatten plötzlich Zugang zu den Geldern der Hilfsorganisationen. Die Business-Elite, die Teil des Systems war, machte Geschäfte mit den Organisationen, versorgte sie und sorgte dafür, dass die Rebellen und nicht die Opfer des Kriegs bevorzugt wurden. Später, in Liberia, Somalia, Kongo und Afghanistan habe ich die gleichen Mechanismen vorgefunden.

Frage: Sie waren auch in Ruanda, wo 1994 radikale Hutu innerhalb von drei Monaten bis zu eine Million moderate Hutu und Tutsi ermordeten. Allein für die Soforthilfe, die daraufhin einsetzte, wurden anderthalb Milliarden Dollar zusammengebracht. Sie sagen, dass es eben dieses Geld war, das ein schnelles Ende des Krieges verhinderte. Ein schwerer Vorwurf.

Waffen

Polman: Es gibt Beweise für diese These. Die Täter flohen nach dem Massaker ins benachbarte Goma im heutigen Kongo, ließen sich in den Lagern der internationalen Hilfsorganisationen nieder und regierten die Camps. Sie nahmen sich, was sie brauchten und kassierten eine Art Steuer von den Mitarbeitern der Organisationen. Von den Geldern kauften sie unter anderem . Die Spenden finanzierten also den Krieg.

Frage: Wie viel Geld wurde gestohlen?

Polman: Wenn wir das wüssten... Für Somalia stellte die Uno Monitoring Group im März fest, dass die Hälfte der Nahrungsmittelhilfe des Welternährungsprogramms in den Taschen der Warlords, ihrer Geschäftspartner sowie lokaler Mitarbeiter landete. In Zahlen: Mehr als 200 Millionen Dollar pro Jahr verschwanden.

Frage: Unternahmen die Mitarbeiter der Organisationen in Goma nichts gegen den Missbrauch?

Polman: Sie konnten nichts machen, und sie wollten sich auch nicht einmischen. Den Hilfsorganisationen ist es wichtig, ihre Neutralität zu wahren. Ich halte das für falsch. Alle Parteien in diesen Konflikten und Kriegen betrachten die internationale Hilfe als Teil des Krieges und missbrauchen sie für ihre Zwecke. Wie kann man sich dann für neutral erklären?! Wenn man nicht Teil eines Krieges sein will, dann sollte man das Land verlassen. Das ist eine schwierige Entscheidung, aber der muss man sich stellen.

Frage: Wer käme dann aber den Zivilisten, Frauen und Kindern zu Hilfe?

Polman: Ich stelle diese Frage immer anders: Ab welchem Punkt schadet die Hilfe den Opfern mehr, als dass sie Leiden lindert? Wenn die Täter stärker profitieren als die Guten, ist es nicht immer die beste Option, zu bleiben.

Wer an der Industrie der humanitären Hilfe verdient

Frage: Die Zahl der NGOs hat sich seit dem Ende des Kalten Krieges drastisch erhöht, 2004 waren in Afghanistan 2325 registriert. Haben da einzelne Organisationen überhaupt einen Einfluss?

Polman: In Ruanda beschloss eine Handvoll Organisationen, das Land zu verlassen. Sie wussten, dass ihr Geld die Mörder füttert, wie sie sagten. Dafür wollten sie nicht verantwortlich sein. Allerdings wurde die Versorgungslücke sofort von einer konkurrierenden NGO gefüllt. Es wäre wichtig, dass sie sich absprechen und gemeinsam ein Lager verlassen. Dann hätten sie eine gute Ausgangslage für Verhandlungen.

Frage: Warum gibt es überhaupt so viele NGOs? Wer in Krisen- und Kriegsgebiete reist, lebt gefährlich. Zudem, sagen Sie, können die Hilfsarbeiter nur wenig ausrichten.

Polman: Für weiße Mitarbeiter ist der Job nicht unbedingt gefährlich, weil sie ihre Büros häufig nicht verlassen. Entführt, verletzt oder getötet werden meist die lokalen Mitarbeiter auf dem Feld. Und grundsätzlich ist es ein interessanter Job. Man reist viel, die Gehälter sind recht hoch. Viele beginnen ihre Arbeit auch mit großem Enthusiasmus. Innerhalb kurzer Zeit aber merken sie, dass sie nur kleine Bauern auf einem gigantischen Schachbrett sind. Also kündigen sie oder versuchen, innerhalb der Hilfswelt Karriere zu machen. Das habe ich häufig beobachtet.

Frage: In Ihrem Buch beschreiben Sie die humanitäre Hilfe als Industrie. Die Karawane reise immer dorthin, wo gerade die meisten Spenden fließen, die NGOs konkurrieren untereinander, auch, weil die eigenen Jobs davon abhängen. Wie viel Geld ist insgesamt im Spiel?

Entwicklungshilfe

OECD

Polman: Das lässt sich kaum sagen. Sicher ist nur, dass sich die der Geberländer, die innerhalb der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung ( ) registriert sind, auf rund 120 Milliarden Dollar pro Jahr summiert. Über die restlichen, privaten Spenden von Organisationen, Vereinen, Initiativen und Kirchen wissen wir sehr wenig. Vermutlich sind es weitere Milliarden. Aber es gibt keine zentrale Institution, die kontrolliert, wie viel Geld weltweit verteilt wird.

Frage: Wer könnte diese Kontrollfunktion übernehmen?

Polman: Ich bin Idealistin und glaube, dass die Uno diese Aufgabe übernehmen sollte. Wir haben sie doch dafür geschaffen, die Interessen aller Menschen wahrzunehmen! Aber die Mitgliedsstaaten machen die Uno absolut machtlos in dieser Frage. Es ist nicht gewünscht, dass die Uno die Kontrolle übernimmt.

Frage: Warum nicht?

Polman: Die Geberländer wollen souverän entscheiden. Sehen Sie sich Haiti an: Nach dem Erdbeben sagten alle, ja, wir haben dieses Problem, Gelder werden missbraucht. Sie entschieden, eine Kommission unter Führung von Bill Clinton und Haitis Premierminister Jean-Max Bellerive zu gründen, die bestimmt, was finanziert wird und in welcher Höhe. Alle applaudierten, alle sagten, das sei eine gute Idee.

Frage: Aber die Praxis sieht anders aus.

Polman: Weil jedes Geberland seine eigenen politischen und militärischen Ziele hat, arbeiten sie nun doch nicht mit der Kommission zusammen. Und die Interessen werden eben auch mit den Spenden verfolgt. In Afghanistan zum Beispiel sind mehr als 70 Geberländer tätig.

Frage: Sollen sich die Spenden auch wirtschaftlich auszahlen?

Polman: Den Amerikanern geht es darum. Wenn die USA entscheiden, Geld zu geben, muss es in den meisten Fällen an eine US-Organisation gehen, die Amerikaner beschäftigt, die mit amerikanischen Partnern arbeitet, die amerikanische Autos fahren und so weiter. Letztlich ist es eine Investition in die eigene Wirtschaft. In Europa sieht das anders aus, aber natürlich unterstützt die deutsche Regierung auch hauptsächlich deutsche Hilfsorganisationen.

Frage: Hinzu kommt die Korruption. Wenn eine Schule oder eine Straße gebaut werden soll, beauftragen NGOs Ihnen zufolge bis zu sieben lokale Sub-Organisationen. Ergebnis: Alle Beteiligten behalten ihren Teil ein, für das Projekt bleibt kaum noch Geld übrig.

Polman: Man muss dazu wissen, dass es nur wenige westliche Hilfsarbeiter gibt, die etwa ein Flüchtlingslager selber aufbauen. Sie schließen stattdessen Verträge über diese Arbeit mit lokalen Kräften ab, die wiederum andere beschäftigen. Die Gefahr, dass das Geld also in falschen Händen landet, ist groß.

Frage: Das Deutsche Zentralinstitut für soziale Fragen vergibt ein Spenden-Siegel an Organisationen, die vorbildlich und transparent arbeiten. Kontrollieren, was mit dem Geld vor Ort passiert, kann es aber auch nicht.

Polman: Solche Institute überprüfen die Bücher der Organisationen im Inland. Wenn Spenden von einem deutschen Verein zum nächsten transferiert werden, lässt sich das nachvollziehen. Sobald es aber zum Beispiel in Afghanistan landet, kann man den Geldfluss nicht mehr kontrollieren.

"Große, fette Weiße besuchen minderjährige Prostituierte"

Frage: Entwickelt wurde die systematische humanitäre Hilfe Mitte des 19. Jahrhunderts. Existierten die Probleme, die Sie schildern, schon damals?

Polman: Das Dilemma, dass die Hilfe missbraucht wird, ist so alt wie die Hilfe selbst. Der britische Kriegsminister zum Beispiel bat die später berühmt gewordene Krankenschwester Florence Nightingale, die verwundeten Soldaten des Krimkrieges zu versorgen. So musste er weder Geld noch Zeit verwenden und sich nicht um seine Soldaten kümmern. Gleichzeitig stieg das Ansehen der britischen Armee, weil es eine medizinische Versorgung gab. Seitdem war Nightingale überzeugt, dass man die Verantwortung an diejenigen zurückgeben müsse, die das Leid verursachen und die Schuld an Kriegen tragen.

Frage: Henry Dunant, der Mitbegründer des Internationalen Roten Kreuzes, glaubte an das Gegenteil.

Polman: Dunant war der Meinung, dass man jedem Verwundeten auf dieser Welt helfen müsse, weil er Anspruch darauf hätte. Die Frage nach der Verantwortung stellte sich für ihn nicht, er wollte sich nicht in die Politik einmischen. Schon damals gab es also diesen Konflikt, aber Dunants Meinung setzte sich in der Öffentlichkeit durch. Und nach diesen Grundsätzen arbeiten die Hilfsorganisationen bis heute.

Frage: Versuchen Kriegsparteien, die humanitäre Hilfe zu steuern und vorsätzlich in ihre Konflikte hineinzuziehen?

Polman: Ich glaube schon. Die rasant wachsende Zahl der NGOs seit Ende des Kalten Krieges hat es einfacher gemacht, die Hilfe zu manipulieren. Inzwischen ist das Wissen, wie die Hilfsindustrie arbeitet, weit verbreitet. In den Flüchtlingslagern gibt es zum Beispiel Internetanschlüsse, und wenn man 20 humanitäre Missionen gesehen hat, weiß man, wie sie funktionieren. Die Empfänger lernen daraus. Sie sind vielleicht arm, aber sie sind nicht blöd. Das unterschätzen wir.

Frage: Sie kritisieren zudem, dass sich Mitarbeiter von Hilfsorganisationen Erste-Klasse-Flüge gönnen, Prostituierte besuchen und Lebensmittel importieren, während andere hungern. Sind das Einzelfälle?

Polman: Nein. In dem Moment, in dem die weiße Karawane der Helfer in eine Stadt wie Kabul oder Freetown einzieht, wird viel Geld bewegt. Das zieht Geschäftsleute ebenso an wie Prostituierte. Das ist nur logisch, das kann man auch beobachten, wenn sich irgendwo eine westliche Ölfirma niederlässt. Ich glaube aber, dass Hilfsarbeiter einem höheren moralischen Standard verpflichtet sein sollten. Und wenn Hilfsarbeiter minderjährige Prostituierte besuchen, finde ich das unerträglich!

Frage: Das haben Sie erlebt?

Polman: Ja. Es waren große, fette, weiße Hilfsarbeiter.

Frage: Eine wichtige Rolle spielen die Medien. Erst wenn Journalisten in ein Gebiet reisen und über den Krieg oder die Katastrophe berichten, wird die Öffentlichkeit mobilisiert und spendet. Wann ist eine Krise für die Medien interessant?

Polman: Wenn sie mehr Opfer hervorbringt als die letzte. Dann muss sie in einer Region liegen, die für Journalisten gut erreichbar und nicht zu gefährlich ist. In Afghanistan etwa ist das Risiko zu groß, deswegen ist es schwierig, für das Land Hilfe zu bekommen. Und: Die Opfer müssen gut zu fotografieren oder zu filmen sein.

Frage: Bekamen die Amputierten in Sierra Leone deshalb so viel Aufmerksamkeit? Die Rebellen hackten ihnen die Gliedmaßen ab.

Polman: Ja. Ich bezweifle, dass sich die Kamerateams und Fotografen für sie interessiert hätten, wenn sie nicht so dramatisch ausgesehen hätten. Über andere, die infolge des Krieges an Krankheiten litten oder schlicht zu wenig Essen hatten, wurde kaum berichtet.

Frage: Wie hat die ständige Berichterstattung das Leben der Amputierten verändert?

Unicef

Polman: Sie lernten, dass sie ihr Leben auch vor der Kamera verbringen können. Es gab nämlich Journalisten, die ihnen Geld zahlten, vor allem den Kindern. Ein Mädchen, das ich aus den Camps in Freetown kenne, war elf oder zwölf, als sie amputiert wurde. Sie lebt jetzt in Kanada, wird von als eine Art Maskottchen benutzt und hat ein Buch geschrieben. Darin kann man nachlesen, dass sie in einem Wettbewerb mit den anderen Amputierten stand. Also erfand sie Geschichten und erzählte, dass die Rebellen sie vergewaltigt und gezwungen hätten, andere Kinder zu verstümmeln. Sie lernte, im Sinne der Medien ein besseres Opfer zu sein als andere. Ich finde, wenn ein junges Mädchen so etwas sagt, sollte das ein alarmierendes Zeichen für uns sein.

Frage: Sie kritisieren die Medien und die Hilfsorganisationen sehr deutlich. Sprechen die überhaupt noch mit ihnen?

Polman: Ja. Einige meiner besten Freunde arbeiten in der Hilfswelt, und ich bekomme viele Einladungen von Organisationen, um mit ihnen zu diskutieren oder Vorträge zu halten. Es ist ja so, dass die sehr genau wissen, wo die Probleme liegen - ich zitiere in meinem Buch schließlich Berichte, die sie selbst angefertigt haben. Sie machen die Ergebnisse nur nicht öffentlich und ändern an den Problemen nichts.

Frage: Was können private Spender tun?

Polman: Kritisch sein und Fragen stellen: Was passiert mit den Spenden tatsächlich? Es muss zunächst ein öffentliches Bewusstsein für diese weitreichenden Probleme hergestellt werden. Nur so wird klar, dass man Hunger und Armut nicht löst, indem man zehn Euro spendet. Hier beginnen nämlich neue Probleme: Geht das Geld an diejenigen, für die es bestimmt war? Was verändert sich in bewaffneten Konflikten, Kriegen und Krisen durch das Geld? Welchen Einfluss hat es auf die Politik in dem betreffenden Land?

Frage: Sind Sie optimistisch, dass sich etwas ändert?

Polman: Ich bin immer optimistisch. Ich will immer glauben, dass Dinge sich ändern und besser werden. Am wichtigsten ist, dass die Organisationen im Interesse der Opfer handeln und nicht zu ihrem eigenen Wohl. Alles muss für die Opfer geschehen.

Das Interview führte Marc Winkelmann für das Magazin "enorm"