Korruptionsexpertin zur Fifa "Der Mafia-Vergleich liegt nahe"

Sepp Blatter tritt ab, doch was wird aus der Fifa? Die Korruptionsexpertin Sylvia Schenk fordert Kandidatenchecks, eine Wahlreform - und mehr Streit innerhalb der Organisation.
Delegierte beim Fifa-Kongress: "Wir haben das Problem überall"

Delegierte beim Fifa-Kongress: "Wir haben das Problem überall"

Foto: Walter Bieri/ dpa
Zur Person

Sylvia Schenk, 63, ist Juristin und leitet die Arbeitsgruppe Sport bei der Antikorruptionsorganisation Transparency International. In ihrer Jugend war Schenk selbst als Leichtathletin erfolgreich, später arbeitete sie unter anderem als Arbeitsrichterin, SPD-Politikerin und Präsidentin des Deutschen Radsportverbandes.

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SPIEGEL ONLINE: Sepp Blatter tritt ab. Reicht das, um die Korruption innerhalb der Fifa zu beenden?

Schenk: Sicherlich nicht. Auch andere Posten müssen neu besetzt werden. Generalsekretär Jérôme Valcke ist schon lange umstritten, jetzt kommt noch die angeblich Überweisung von zehn Millionen Euro an den südafrikanischen Fußballverband hinzu. Und auch im Exekutivkomitee täte an mehreren Stellen ein Neuanfang gut.

SPIEGEL ONLINE: Offenbar sind nicht nur Personen das Problem, sondern die Struktur der Fifa insgesamt.

Schenk: Das hat Blatter ja bestätigt, als er zusammen mit seinem Abtritt noch Strukturreformen ankündigte. Ein Problem ist der Wahlmodus zum Exekutivkomitee: Fast alle Mitglieder werden von ihrem jeweiligen Kontinentalverband bestimmt und müssen selbst bei schweren Bedenken von den übrigen Verbänden akzeptiert werden. Das ist kein sinnvolles System.

SPIEGEL ONLINE: Aber ist mehr Zentralismus wirklich die Lösung? Schließlich hat die Fifa-Zentrale in Zürich schon jetzt enorme finanzielle Macht, mit der sie sich die Unterstützung einzelner Verbände sichern kann.

Schenk: Auf jeden Fall braucht die Fifa mehr offene Debatten. Beim letzten Kongress hat sich auch der mächtige, Blatter-kritische europäische Fußballverband Uefa kaum zu Wort gemeldet. Selbst auf Aktionärsversammlungen wird heftiger diskutiert als in der Fifa.

SPIEGEL ONLINE: Sind Unternehmen ein Reformvorbild für die Fifa?

Schenk: Deren Strukturen sind ganz anders. Dax-Konzerne haben auch erst in den letzten 20 Jahren ihr Vorgehen geändert. Damals war Auslandsbestechung schließlich noch von der Steuer absetzbar.

SPIEGEL ONLINE: Viele vergleichen die Fifa sogar mit organisierter Kriminalität. Auch die US-Justiz spricht jetzt von mafiösen Strukturen.

Schenk: Bei Korruption geht es immer um Netzwerke, da liegt der Mafia-Vergleich nahe. Aber die Amerikaner nutzen ihn auch, weil sie nur so die rechtliche Grundlage haben, um ihre Ermittlungen ins Ausland auszudehnen.

SPIEGEL ONLINE: Blatter bekam besonders viel Unterstützung von afrikanischen Verbänden, die er finanziell großzügig unterstützte. Lässt sich Korruption in ärmeren Ländern überhaupt vermeiden?

Schenk: Wir haben das Problem überall. Italien ist nicht gerade arm, doch der Fußball hat große Korruptionsprobleme. In Griechenland, Zypern, Malta und Teilen Osteuropas ist es ähnlich. Aber natürlich steigt die Korruptionsgefahr, wenn man in 209 Ländern vertreten ist. Das ist auch bei Unternehmen so, aber die kontrollieren immerhin ihre Tochterfirmen. Bei der Fifa sollen eigentlich die Nationalverbände die Zentrale kontrollieren.

SPIEGEL ONLINE: Wer kommt derzeit an die Spitze der Verbände?

Schenk: In manchen Ländern sind es selten integre Persönlichkeiten. Sondern solche, die sich im System durchsetzen können und oft enge Verbindungen in die Politik haben. Der zwischenzeitlich verhaftete Jack Warner war noch Minister in Trinidad und Tobago, als er bei der Fifa längst wegen Korruption rausgeflogen war.

SPIEGEL ONLINE: Wie lässt sich verhindern, dass Männer wie Warner auf Fifa-Posten kommen?

Schenk: Kurzfristig müsste es eine unabhängige Überprüfung von Kandidaten geben - ähnlich wie bei Vorstandsanwärtern von Banken. Langfristig könnten Zuschüsse an Reformen bei den Landesverbänden geknüpft werden. Das Internationale Olympische Komitee versucht bereits, Vorgaben zu machen, steht aber noch am Anfang.

SPIEGEL ONLINE: Die Fifa hat selbst schon vor einigen Jahren eine Reformkommission eingesetzt, die jedoch weitgehend erfolglos blieb. Wieso?

Schenk: Die Experten waren nicht wirklich unabhängig, wollten zu schnell zu viel. Doch in der Fifa lassen sich Änderungen nicht so schnell durch- und umsetzen wie in einem Wirtschaftsunternehmen.

SPIEGEL ONLINE: Wäre es nicht besser, die Fifa aufzulösen und eine komplett neue Organisation zu gründen?

Schenk: Nein, das ist völliger Quatsch.

SPIEGEL ONLINE: Die Uefa hat zwischenzeitlich immerhin mit Boykott gedroht...

Schenk: …und sich dann lächerlich gemacht, weil es leere Drohungen waren. Die Uefa muss überzeugen, Verbündete gewinnen, die eigenen Probleme angehen. Aber einfach anderen Kontinenten etwas vorzugeben, ist eine Politik, die wir weder im Sport noch anderswo gebrauchen können.

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