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17. November 2010, 16:18 Uhr

Finanzkrise

Iren fürchten die Schuldenschmach

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Déjà-vu in Dublin: Lange zierten sich die Iren, Geld der EU-Partner anzunehmen - genau wie die Griechen. Plötzlich will sich das hochverschuldete Land doch helfen lassen - genau wie die Griechen. Droht der EU ein zweites Schuldendesaster? Es gibt Parallelen, aber auch entscheidende Unterschiede.

Berlin - Am Ende war der Druck einfach zu groß: Erstmals hat die irische Regierung eingestanden, dass die finanzielle Lage des Landes kritisch ist und Verhandlungen mit der EU über ein Rettungspaket angekündigt. Er könne zwar keinen Zeitrahmen für die Gespräche nennen, aber sie seien "dringend", sagte Ministerpräsident Brian Cowen an diesem Mittwoch.

Noch auf ihrer Sitzung am Dienstag hatten die Euro-Finanzminister vergeblich auf die irische Delegation eingeredet: Sie möge doch bitte, bitte die Milliardenhilfen von EU und Internationalem Währungsfonds in Anspruch nehmen. Vor allem die Diplomaten der Krisenstaaten Portugal, Spanien und Griechenland bettelten, die Gefahr für den Euro sei ansonsten einfach zu groß. Doch der irische Finanzminister Brian Lenihan blieb standhaft.

Entsprechend schwer dürfte Ministerpräsident Cowen die Kehrtwende an diesem Mittwoch gefallen sein. Denn das Stigma der jetzt anlaufenden Rettungsaktion wird der Inselstaat so schnell nicht mehr los. Staatsanleihen dürften teurer werden, wenn sich überhaupt noch ein Anleger dafür findet. Auch die Macht der EU-Sparaufseher schreckt die Iren - zumal sie überzeugt sind, das gar nicht verdient zu haben.

Doch vor allem die Aussicht schmerzt, künftig in einem Atemzug mit dem Pleitestaat Griechenland genannt zu werden. Denn Irland hat vielleicht seit zwei Jahren ein Bankenproblem, Griechenland hat dagegen nach jahrzehntelanger Misswirtschaft ein chronisches Problem.

Ökonomen können die irischen Abgrenzungsversuche gegenüber Griechenland deshalb gut nachvollziehen. "Zwar haben beide Euro-Staaten Schulden, die sie nicht mehr ohne Hilfe schultern können. Doch die Ursache dafür ist jeweils eine ganz andere", sagt Henning Vöpel, Professor an der Hamburg School of Business Administration.

Irland hat eine starke ökonomische Basis

Anders als Griechenland verfüge Irland über eine gut aufgestellte Wirtschaft und einen soliden Staatshaushalt, der allein durch die Bankenkrise in Mitleidenschaft gezogen worden sei. Griechenland habe dagegen seit langem weit über seine Verhältnisse gelebt und sei nun gezwungen, der Bevölkerung schmerzhafte Strukturreformen zuzumuten.

Natürlich seien auch in Irland einige falsche Weichenstellungen vorgenommen worden - etwa die Aufblähung des Bankensektors, ergänzt Friedrich Heinemann vom Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung in Mannheim. "Die irische Regierung hat in der Krise aber sehr pragmatisch und konsequent gegengesteuert." Außerdem sei die Bevölkerung sehr anpassungsfähig und gehe mit den neuen Rahmenbedingungen viel konstruktiver um als die Griechen.

Überdies bringt Irland für den Kampf gegen den Schuldenberg vollkommen andere Voraussetzungen mit, denn die ökonomische Basis ist sehr stark:

Irische Banken verspekulierten sich mit überteuerten Immobilien

Das rasante Wachstum der Vergangenheit hatte allerdings auch seine Kehrseite. Die Banken verspekulierten sich mit überteuerten Immobilien, der Staat musste sie mit Milliarden stützen. Die Rettung der Finanzinstitute könnte bis zu 50 Milliarden Euro kosten - bei einer Wirtschaftsleistung von 160 Milliarden Euro wäre das ein unglaublicher Kraftakt. Entsprechend könnte das Haushaltsdefizit in diesem Jahr auf 32 Prozent des Bruttoinlandsprodukts hochschnellen.

Ganz anders dagegen die Lage in Griechenland:

Mit drastischen Sparmaßnahmen soll nun bis 2014 zumindest die Neuverschuldung unter die Marke von drei Prozent gedrückt werden. Doch das wird nicht einfach. Denn dafür müssten die Griechen mit der Tradition brechen, fehlende Einnahmen über neue Schulden zu finanzieren. Alles hängt davon ab, ob sich Ministerpräsident Georgios Papandreou mittelfristig den notwendigen Rückhalt in der Bevölkerung sichern kann, um die notwendigen Zumutungen durchzusetzen.

Dass ihm das gelingt, glauben nicht einmal die Griechen selbst: Einer am Montag veröffentlichten Umfrage zufolge zweifeln zwei von drei Befragten daran, dass Papandreou die Finanzprobleme lösen kann. Dagegen halten fast 60 Prozent der Befragten einen Staatsbankrott für wahrscheinlich. Knapp die Hälfte der Griechen meint, ihr Staat solle mit seinen Gläubigern über einen Schuldenerlass verhandeln.

Natürlich wird auch der irische Ministerpräsident Cowen um Zumutungen für seine Landsleute nicht herumkommen. Derzeit wagt niemand zu prognostizieren, wie viel Geld noch benötigt wird, um die maroden Geldhäuser wieder aufzupäppeln. Und im Juli kommenden Jahres wählen die Iren ein neues Parlament - Ausgang offen.

Wenigstens in diesem Punkt ist die griechische Regierung schon weiter: Sie hat gerade die Kommunalwahlen überstanden und will auf einen vorgezogenen nationalen Urnengang verzichten.

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