EU-Pläne für Verbriefungen Forscher fürchten Comeback von Giftpapieren

Kreditverbriefungen waren ein Auslöser der jüngsten Finanzkrise. Nun will die EU den Markt dafür wieder vergrößern. Das Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung zeigt sich alarmiert.
Verkaufsschilder für Häuser in Vermont (2007)

Verkaufsschilder für Häuser in Vermont (2007)

Foto: Toby Talbot/ AP

Am Anfang des jüngsten globalen Wirtschaftsbebens standen gebündelte Hauskredite. Verpackt in komplizierte Finanzprodukte verkauften Banken jahrelang US-Hypotheken, von denen viele am Ende nicht bedient werden konnten. Befeuert wurde diese Immobilienblase durch die Niedrigzinspolitik der US-Notenbank.

Angesichts der Niedrigzinspolitik in Europa wächst nun die Sorge vor neuen Blasen (lesen Sie mehr dazu im aktuellen SPIEGEL). Forscher warnen, auch die Giftpapiere von damals könnten vor einem Comeback stehen.

"Der Entwurf der Europäischen Kommission zur Reaktivierung der Verbriefungsmärkte droht mittelfristig kontraproduktiv auf die Entwicklung von Wachstum und Beschäftigung zu wirken", heißt es im Finanzmarktstabilitätsreport 2017. Der Bericht des gewerkschaftsnahen Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) wird am Montag vorgestellt und liegt SPIEGEL ONLINE vorab vor.

Als Teil eines gemeinsamen Kapitalmarkts will die EU-Kommission einheitliche Regeln für den Handel mit sogenannten Verbriefungen schaffen, zu denen auch die Hypothekenpapiere gehörten. Dies soll, so die Hoffnung, die Versorgung der Wirtschaft mit Krediten erleichtern. Denn über Verbriefungen können Banken Kreditrisiken streuen und damit aus ihren Bilanzen auslagern.

Sechs Risiken für Finanzstabilität

Die IMK-Forscher überzeugt diese Argumentation nicht. Zum einen sei die Kreditversorgung aktuell nicht das größte Problem der Wirtschaft. Vielmehr nennen Industrieunternehmen seit Jahren mangelnde Nachfrage als größten Hinderungsgrund für eine Ausweitung ihrer Produktion, gefolgt von Materialmangel und Kapazitätsengpässen. Finanzierungsprobleme werden viel seltener genannt.

Zum anderen hat laut IMK schon die jüngste Krise gezeigt, dass auch gestreute Risiken eine Gefahr für das Finanzsystem bedeuten können. Dessen Anfälligkeit ist dem Report zufolge in Deutschland 2016 zwar gesunken, bleibt im historischen Vergleich aber hoch. Der sogenannte Finanzmarktstressindikator des IMK liegt derzeit bei 23 Prozent - wobei die Lage während der 2007 einsetzenden Finanzkrise einem Wert von 100 Prozent entspricht.

Außer der Rückkehr von Kreditverbriefungen identifiziert das IMK fünf weitere Risiken für die Stabilität der Finanzmärkte.

  • Dazu gehört die nach wie vor hohe Zahl von faulen Krediten bei europäischen Banken: Bei sieben Prozent der Forderungen seien die Kreditnehmer um mehr als 90 Tage in Verzug.
  • Zudem sei die Kapitaldecke der Institute bei einem Krisenfall trotz deutlicher Erhöhungen nach wie vor zu dünn. Das gelte insbesondere für deutsche Großbanken.
  • Kritisch sieht das IMK auch die mangelnde Sicherheit europäischer Staatsanleihen. Infolge der Schuldenkrise enthalten diese inzwischen Klauseln, über die Gläubiger an einem verlustreichen Schuldenschnitt beteiligt werden können. Die Bundesregierung will zudem, dass Staatsanleihen künftig bei der Bankenregulierung als genauso riskant gelten sollen wie private Wertpapiere. So könne kein neues Vertrauen in die Eurozone entstehen, heißt es im Bericht. Genau wie bei US-Staatsanleihen müsse ein Schuldenschnitt für Staatsanleihen ausgeschlossen werden, damit diese im ganzen Euroraum "als sicherer Hafen" gelten.
  • Als eine weitere Gefahrenquelle werden in dem Bericht die chinesischen Unternehmensschulden identifiziert, die inzwischen rund 170 Prozent der Wirtschaftsleistung betragen. Dies könnte laut IMK "eine ernstzunehmende Gefahr nicht nur für China, sondern für die gesamte Weltwirtschaft entwickeln - schließlich sind chinesische Unternehmen weltweit als Investoren oder Kunden tätig."
  • Das letzte Risiko schließlich hat übers Wochenende deutlich an Aktualität gewonnen: eine Deregulierung der Finanzmärkte unter Donald Trump. Der neue US-Präsident könnte die Wall-Street-Reformen seines Vorgängers zurückdrehen, warnen die Forscher - genau das hat Trump nun am Freitag angekündigt.

Zwar ist offen, wie umfangreich und schnell dies geschehen könnte. Doch unabhängig von solchen innenpolitischen Fragen könnte ein Deregulierungskurs auch den Rest der Welt treffen, warnt das IMK. Damit drohten auch internationale Bankenregulierungen wie die Basel-III-Vorschriften, unvollendet zu bleiben. Gleichwohl liege es "in der Macht und im Interesse Europas, das eigene Bankensystem streng zu regulieren, um das Risiko zu verringern, dass von ihm erneut eine Krise ausgeht".

Zusammengefasst: Der neue IMK-Finanzmarktstabilitätsreport kritisiert Pläne der EU, den Markt mit sogenannten Verbriefungen zu stärken. Ein Mangel an Krediten sei nicht das größte Problem der Wirtschaft, zudem habe die jüngste Finanzkrise die Risiken der Papiere offenbart. Zu weiteren Gefahren für die Finanzmärkte gehört den Forschern zufolge die von US-Präsident Donald Trump angekündigte Deregulierung des Bankensektors.