Flüchtlinge und Arbeitsmarkt Der Traum von der Blitz-Integration

Konzerne stellen kaum Flüchtlinge ein, die Regierung fürchtet mehr Arbeitslose. Auf den ersten Blick scheint die Integration schlecht zu laufen. Doch die Wirtschaft mahnt zur Geduld - mit gutem Grund.

Syrischer Auszubildender bei Porsche
AFP

Syrischer Auszubildender bei Porsche

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Wenig Zeit? Am Textende gibt's eine Zusammenfassung.


Scheitert die Integration von Flüchtlingen in den deutschen Arbeitsmarkt? In den vergangenen Tagen häuften sich mal wieder Meldungen, die das nahelegen.

So bestellte Angela Merkel (CDU) die Chefs deutscher Dax-Konzerne für September ins Kanzleramt. Die Kanzlerin ist offenbar unzufrieden, dass die Großkonzerne nicht mehr Jobs für Flüchtlinge schaffen - gerade einmal 54 waren es bis Anfang Juli laut einer "FAZ"-Umfrage. Für Probleme am Arbeitsmarkt scheint auch eine Meldung der "Bild"-Zeitung vom Dienstag zu sprechen. Demnach rechnet die Bundesregierung wegen der Flüchtlingskrise mit steigenden Arbeitslosenzahlen.

Es gibt allerdings auch andere Töne. So enthält der neue Monatsbericht der Bundesbank neben einem Plädoyer für die Rente mit 69 auch eine Analyse der sogenannten Flüchtlingsrücklage: Knapp 13 Milliarden Euro hat Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) für dieses und nächstes Jahr für Integrationskosten reserviert, knapp die Hälfte davon sollte noch 2016 ausgegeben werden.

Doch aufgrund hoher Steuereinnahmen und geringer Zinskosten dürfte die Rücklage nach Berechnungen der Notenbanker "nicht wie geplant zur Hälfte aufgezehrt, sondern wohl durch einen Haushaltsüberschuss noch deutlich aufgestockt werden". Sprich: Schäuble könnte am Jahresende sogar mehr Geld übrig haben als am Jahresanfang.

Läuft es am Ende doch gar nicht so schlecht mit der Integration? "In den letzten Monaten hat sich schon wahnsinnig viel getan", sagt Ulrike Garanin von der Unternehmensberatung Boston Consulting Group. Sie sagt aber auch: "Der Großteil der Aufgabe liegt noch vor uns."

Qualifizierungsexpertin Garanin
Boston Consulting Group

Qualifizierungsexpertin Garanin

Garanin und ihre Mitarbeiter bei der Initiative Joblinge tun bereits, was Merkel einfordert. In einem Programm namens Kompass bemühen sie sich darum, junge Geflüchtete für den Arbeitsmarkt zu qualifizieren. 250 Teilnehmer gibt es dieses Jahr, im kommenden Jahr sollen es 550 sein. Rund 1700 Unternehmen sind am Programm beteiligt, darunter auch Dax-Konzerne wie die Commerzbank Chart zeigen und BMW Chart zeigen. Der Autobauer trägt über eine Stiftung auch die Initiative mit.

Wasserstandsmeldungen wie die 54 Neu-Einstellungen hält Garanin für wenig aussagekräftig. "Das ist eine sehr punktuelle Betrachtung, solange die Qualifizierung noch läuft", sagt sie. "Die Zahl der Praktikums- und Ausbildungsplätzeist viel höher."

Denn die wenigsten Flüchtlinge lassen sich direkt auf eine Arbeitsstelle vermitteln. Merkels Kritiker glauben, das liege am sehr geringen Bildungsstand. Es sei eben eine "Illusion, dass hier die Chefärzte aus Aleppo kommen", warnte Ex-Ifo-Chef Hans-Werner Sinn zu Jahresbeginn.

Aktuelle Zahlen aus dem Bundesamt für Migration und Flüchtlinge weisen in eine andere Richtung. Demnach hat mehr als jeder zweite syrische Asylbewerber vor seiner Flucht ein Gymnasium oder eine Universität besucht, unter den Iranern sind es sogar drei von vier.

Syrer und Iraner gehören zu den häufigsten Teilnehmern des Kompass-Programms. Dass ihr Start in den Arbeitsmarkt dennoch schwierig ist, liegt in erster Stelle an der Sprachbarriere. Nicht einmal zwei Prozent der Asylbewerber aus dem Jahr 2015 hatten bei ihrer Ankunft Deutschkenntnisse, weniger als ein Drittel konnte Englisch. Die Kompass-Teilnehmer absolvieren denn auch zunächst einen vierwöchigen Deutsch-Intensivkurs. Anschließend werden sie in Vokabular geschult, das für die von ihnen angestrebte Branche wichtig ist.

Unrealistische Vorstellungen

Allerdings haben die Flüchtlinge laut Garanin oft unrealistische Vorstellungen davon, für welche Berufe sie geeignet sind. Das Problem teilen sie mit deutschen Jugendlichen, die Joblinge bereits seit fast zehn Jahren in den Arbeitsmarkt vermittelt. Auch deshalb gehören laut Garanin zum Programm Kulturprojekte, bei denen die Teilnehmer beispielsweise eine Tanzaufführung einstudieren. "Die wenigsten empfinden das als beglückend, sondern eher als Zumutung", sagt Garanin. "Aber es ist wichtig, offener zu werden."

Die Integration in den Arbeitsmarkt sei "kein Sprint, sondern ein Langstreckenlauf", hatte Arbeitsministerin Andrea Nahles (SPD) kürzlich bereits im SPIEGEL-Interview gewarnt. Ähnlich äußern sich nun Wirtschaftsvertreter, nachdem Unions-Vize Julia Klöckner die Mahnungen von Merkel noch einmal wiederholte.

Dass die Aufrufe zu mehr Geduld keine reinen Floskeln sind, zeigen Zahlen der Bundesagentur für Arbeit. Demnach beschäftigte die deutsche Wirtschaft im Frühjahr gut 136.000 Menschen aus Asylherkunftsländern - immerhin rund 30.000 Menschen mehr als noch ein Jahr zuvor. Die meisten davon kamen noch vor Beginn der Flüchtlingswelle. Sie hatten also mehr Zeit, sich an den Arbeitsmarkt anzupassen.

Doch ein Jahr nach Angela Merkels umstrittener Entscheidung, die Grenzen zu öffnen, wächst offenbar bei manchen die Ungeduld. Da werden manchmal auch alte Fakten als Neuigkeiten verkauft: Der am Dienstag von "Bild" gemeldete mögliche Anstieg der Arbeitslosen auf 2,86 Millionen im Jahr 2017 geht nicht nur mit einem deutlich stärkeren Wachstum der Beschäftigtenzahlen einher. Die Zahl steht auch in der Frühjahrsprojektion der Bundesregierung - und ist damit fast vier Monate alt.

Zusammengefasst: Die Wirtschaft tut zur wenig zur Integration von Flüchtlingen - dieser Vorwurf wird durch Angela Merkels Einladung zum einem Gipfeltreffen mit Dax-Konzernen unterstrichen. Doch die geringe Zahl von Neueinstellungen erkärt sich auch daraus, dass die meisten Migranten zunächst geschult werden müssen - vor allem in Deutsch.

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