S.P.O.N. - Die Rechnung, bitte! Gebt uns unsere Krise wieder!

Wenn derzeit so viele fremde Menschen nach Deutschland drängen, hat das vor allem einen Grund: Uns geht es wirtschaftlich relativ gut, das lockt an. Höchste Zeit, mal wieder übers Kriseln nachzudenken.

Flüchtlinge beim Probearbeiten
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Flüchtlinge beim Probearbeiten

Eine Kolumne von


Es wird bei uns derzeit ganz schön viel Energie verbraucht, um den Willen flüchtender Menschen zu bändigen, nun gerade nach Deutschland zu kommen. Ob durch das Verschärfen von Asylgesetzen oder das Streichen von Hartz-IV-Ansprüchen für Neuankömmlinge. Mancher im Land versucht seinen Beitrag auch durch eingeschränkte Gastfreundlichkeit zu leisten.

Ob das reicht, ist allerdings nicht ganz sicher. Der Verdacht drängt sich sogar auf, dass wir gar nicht deshalb so unheimlich attraktiv sind, weil wir so lockere Asylgesetze oder ein so durchaus sympathisches Wesen haben, sondern: wegen unserer recht guten wirtschaftlichen Lage. Was die Sache natürlich schwieriger macht, da man die Konjunktur ja nicht im Bundestag schnell kippen oder durch freudloses Auftreten eintrüben kann. Womöglich haben die Leute, die kommen, einfach keine Lust, gerade dorthin zu fliehen, wo sie ohnehin keinen Job finden - und sie das nächste Desaster erwartet. Tricky.

Wenn es nur die hiesigen sozialen Wohltaten wären, die die Leute anziehen, müsste es zumindest ähnlich viele Asylsuchende, sagen wir, in Frankreich geben, wo die Sozialausgabenquote noch höher ist. Schon 2014 kamen bei uns auf tausend Einwohner aber gut zwei Asylsuchende - in Frankreich nicht einmal einer. Vergangenes Jahr wanderten zu uns per Saldo rund eine Million (nicht nur vor Krieg flüchtende) Menschen, auf die andere Seite des Rheins wollte nur ein Bruchteil. Abgesehen davon müssten wir, wenn die Aussicht auf Staatsgeld entscheidend wäre, auch viel unattraktiver geworden sein, seit Gerhard Schröder beim Reformieren einst das eine oder andere gekappt hat.

Wie anziehend eine gute Konjunktur wirkt, haben etliche Länder in ihren besten Zeiten erlebt. Ins boomende Spanien zogen allein 2005 bis 2008 mehr als drei Millionen Menschen, vor allem aus Marokko und Rumänien - da kamen netto jährlich fast 14 Einwanderer auf 1000 Einwohner. In Irland lag die Quote in denselben guten Jahren bei 11, in Island zur Boomzeit bei fast 13 Zuwanderern.

Und, wie zum Beleg: Als die Wirtschaft dort kollabierte, war die Zugkraft weg. In Spanien fiel die Zahl der Einwanderer von fast einer Million im Jahr 2007 binnen kurzer Zeit auf weniger als ein Drittel. Per Saldo verließen Spanien, Irland und Island in den ersten vier Krisenjahren mehr Menschen als reinkamen (siehe Grafik). Was auch jeden Zweifel an der Wirkungsrichtung beseitigt: je weniger Konjunktur, desto weniger Einwanderung.

Für Deutschland gilt die Regel ebenso, auch hier gingen die Migranten mit der Konjunktur - nur zeitlich umgekehrt. Seit bei uns die Lage am Arbeitsmarkt von 2006 an besser wurde, stieg Jahr für Jahr die Zahl der Zuwanderer - erst vor allem aus Rumänien und Polen, dann aus den Kriegsgebieten. Zum Vergleich: In Frankreich sind die Zahlen seitdem kaum gestiegen. Aber da ist die Arbeitslosigkeit ja auch nicht zurückgegangen.

Wenns gut geht, fangen die Probleme an

Nun ist die Konjunktur natürlich nicht alles. Auch Gesetze und geografische Lage spielen mit. Dass die Wirtschaftslage im Zweifel entscheide, bestätigten aber auch systematische empirische Auswertungen, sagt Herbert Brücker vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB).

Wenn das stimmt, steckt hier natürlich doch einiges an Lösungspotenzial, zumindest für die, die doch gern weniger Zuwanderer hätten. Immerhin ist der Befund auch bei uns eindeutig: Selten gab es in Deutschland unter dem Strich so relativ wenig Einwanderung wie in den Krisenjahren nach 2001, als Hans-Werner Sinn und andere sonntags bei Sabine Christiansen den Untergang Deutschlands prophezeiten - und es am Ende fünf Millionen Arbeitslose gab. Damals wanderten etwa so viele jährlich aus wie ein. Da gab es keine Wutbürger. Und keine Alternative für Deutschland, warum auch - war doch schön. Das Problem begann eindeutig, als es begann, uns wieder besser zu gehen. Klarer Fall.

Die AfD hat in dieser Woche schon erste konstruktive Vorschläge gemacht, wie wir uns wieder deutlich unattraktiver machen können. Etwa, indem wir einen Austritt aus der Europäischen Union erwägen. Wie schnell schon so ein Vorschlag das Problem einer guten Konjunktur beheben kann, erleben gerade die Briten. Da sind die Geschäftsklimawerte nach der Ankündigung des Referendums eingebrochen. Und die Industrie ist fast wieder in der Rezession. Das dürfte in Deutschland als großer Exportnation noch viel effizienter wirken. Schöne Idee für den Anfang.

Doch kein Zweifel: Da geht noch mehr. Noch Vorschläge? Aus dem Euro austreten, zum Beispiel. Oder das Land einfach wieder etwas abschotten. Da wäre ganz schnell Schluss mit guter Konjunktur. Wäre doch gelacht, wenn wir nicht bald wieder richtig schön unter uns wären.


Thomas Fricke ist seit Mitte April neuer Kolumnist auf SPIEGEL ONLINE (mehr dazu hier).

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Kolumne - Die Rechnung, bitte!


insgesamt 277 Beiträge
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Seite 1
Racer77 06.05.2016
1. Kenne die Statistiken nicht...
Ich kenne die verwendeten Statistiken nicht, aber mancher Nationalist könnte diese auch etwas anders deuten. In den Ländern in denen es boomte wurde die Krise durch die verstärkte Einwanderung ausgelöst. Es ist wie immer. Statistiken kann man so oder so auslegen. Wer am Ende recht hat zeigt sich meist erst einige Jahre später.
barth1808 06.05.2016
2. Endlich ...
... machts mal jemand verständlich. Einfach und gut die Zusammenhänge erklärt. Leider - werden genau die, die es angeht nicht verstehen oder nicht lesen. Die AfD bietet eben keine Lösungen - kaum eine Nation ist International so abhängig wie Deutschland - wir leben nun mal vom Exportüberschuss und der sichert Arbeitsplätze in der Industrie. Und am Ende entscheidet am Weltmarkt nicht das beste Produkt sondern das beste Preis-Leistungsverhältnis. Und ohne Euro und Eu wirds da genz schnell eng. Aber ich bin mir sicher, werden millionen Industriearbeitsplätze vernichtet findet die AfD auch dann einen Schuldigen - mal gespannt, wer nach Einwanderern, Muslimen, ... dran ist.
munaykim 06.05.2016
3. Uns geht es wirtschaftlich gut,
das sagen Sie einmal den 5 Millionen H4 Empfängern, den 2,80 Millionen Arbeitslosen, den 25 Millionen Rentnern und den 12 Millionen Geringverdienern in Deutschland. Ja, denen geht es alle zu gut. Wie sehr muss ein Journalist abgehoben sein um so einen Artikel schreiben zu können ?
postmaterialist2011 06.05.2016
4. Ach was
Zitat von Racer77Ich kenne die verwendeten Statistiken nicht, aber mancher Nationalist könnte diese auch etwas anders deuten. In den Ländern in denen es boomte wurde die Krise durch die verstärkte Einwanderung ausgelöst. Es ist wie immer. Statistiken kann man so oder so auslegen. Wer am Ende recht hat zeigt sich meist erst einige Jahre später.
Schön wenn man schon im ersten Satz mitteilt, dass man keine Ahnung hat aber trotzdem gerne kommentiert. In Spanien wurde die Krise nicht durch die Zuwanderung ausgelöst sondern durch billiges Geld der Banken und einen sinnlosen Bauboom, ähnlich in Irland. In Island waren es die Banken die die Krise auslösten, nicht die Flüchtlinge. Wir werden von den Flüchtlingen noch viel mehr profitieren in der Zukunft wenn wir diese aktiv integrieren, bilden und ihnen gleiche Chancen wie den Einheimischen geben. Denn die Masse der Zuwanderer is jünger, hat ein grosses Konsumdefizit und wird jeden Euro in den Verbrauch stecken. Anders als eine Frau Schäffler oder eine Frau Klatten, deren Milliarden der deutschen Wirtschaft so schon gar keinen Konsumschub geben.
katzenheld1 06.05.2016
5. Es lebe der Unterschied
Gastfreundlichkeit gegenüber Gästen will ich gerne leisten. Unter Gästen verstehe ich alle nach dem GG anerkannten Asylanten und Kriegsflüchtlinge, denen allerdings nur temporäre freundliche Hilfe geboten werden kann. Einwanderer müssen sich nach Einwanderungskriterien messen lassen. Für Gäste aus allen Regionen der Welt gilt für mich, was H.M. Enzensberger sagte: „Der Fremde ist heilig. Aber er muss wieder gehen“. Ende letzten Jahres waren mehr als 200.000 abgelehnte Asylbewerber zu versorgen, die Gesellschaft mit ihren Sozial- und Transfersystemen eines Gastlandes sind nach Meinung des Kolumnisten wohl als unendlich belastbar anzusehen. Dachten die Schweden auch mal …
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