Flüchtlinge in deutschen Firmen Suche Job, bekomme Praktikum

Deutschland ist ihr Lieblingsziel: Die meisten Flüchtlinge hoffen hier auf einen Job - doch wegen der Bürokratie gibt es höchstens mal ein Praktikum.
Asylbewerber (r.) und Meister (in einem Werk für Windkraftanlagen): "Fachliche Eignung ist entscheidend"

Asylbewerber (r.) und Meister (in einem Werk für Windkraftanlagen): "Fachliche Eignung ist entscheidend"

Foto: Patrick Pleul/ picture alliance / dpa

"Die meisten Flüchtlinge sind jung, gut ausgebildet und hoch motiviert", sagt Dieter Zetsche. Damit seien sie eine Chance für Deutschlands Unternehmen. Der Daimler-Chef kündigte vor wenigen Tagen an, in Flüchtlingszentren nach potenziellen Arbeitnehmern zu suchen.

Die deutsche Unternehmenselite stimmt dem Autoboss zu - tatsächlich passiert ist bislang aber wenig. Der Tenor unter den Top-Unternehmen ist gleichlautend, wie eine SPIEGEL-ONLINE-Umfrage ergab: Grundsätzlich sind Deutschlands Konzerne für Flüchtlinge in ihrem Betrieb offen, wenige aber haben Sonderinitiativen wie die von Zetsche gestartet.

Die Flüchtlinge hätten die gleichen Chancen wie ein deutscher oder europäischer Bewerber, heißt es beispielsweise beim Automobilzulieferer Bosch. "Die fachliche Eignung ist entscheidend - wenn ein Kandidat sich auf eine offene Position bewirbt."

Die Deutsche Telekom   bietet auf ihrer Website immerhin bezahlte Praktika an. Die Anforderungen sind allerdings hoch: Das Unternehmen sucht vor allem Wirtschaftsstudenten, mit guten Deutsch- und Englischkenntnissen. Noch habe man keine Praktikanten über diesen Weg gefunden, heißt es von Seiten des Bonner Konzerns. Aber erste Bewerbungen seien bereits eingetroffen.

Zurzeit beschränken sich wie die Telekom auch die meisten anderen Dax-Konzerne darauf, Flüchtlingen für betriebsinterne Hochschulen Stipendien zu stellen oder berufsorientierende Praktika anzubieten. Siemens  beispielsweise schuf an zehn Standorten solche Praktikumsplätze für Asylbewerber.

Daimler ist bereits einen Schritt weiter. In mehreren Werken des Autokonzerns haben einige Syrer und Iraker mit Arbeitserlaubnis einen Ausbildungsplatz gefunden.

Handwerkskammer schafft 1200 Lehrstellen

Dass sich das Engagement steigern lässt, zeigt ein Blick auf Verbände und mittelständische Unternehmen. Allein die Handwerkskammer München hat in diesem Frühjahr bei ihren Mitgliedern 1200 Lehrstellen und Praktikumsplätze für Flüchtlinge eingeworben.

Auch kleinere Verbände erreichen ähnliches: Das Berufsförderwerk der Bauindustrie NRW hat eine Ausbildungsvorbereitung eingerichtet. 45 Flüchtlinge lernen an privaten Berufskollegs Deutsch und werden in die Bauindustrie eingeführt, als Vollzeitunterricht. Es ist eine Art Qualifikationstest für spätere Ausbildungen.

Zu den Vorreitern gehört auch die Industrie- und Handelskammer (IHK) Köln. Sie ermittelt in einem eigens entwickelten Test die Kompetenzen und Talente  der Asylbewerber und will darauf aufbauend gezielt Weiterbildungen organisieren.

Bisher findet so nur ein geringer Teil der Flüchtlinge den Weg auf den Arbeitsmarkt. Allein im ersten Quartal dieses Jahres haben in Deutschland mehr als 73.000 Flüchtlinge Asyl  beantragt. Auch wenn die Vielzahl kleiner Projekte kaum erfassbar ist: Viele potenzielle Arbeitnehmer werden auf dem Arbeitsmarkt leer ausgehen.

Das liegt nicht zuletzt an den gesetzlichen Vorschriften. Nicht jeder Flüchtling, der nach Deutschland gekommen ist, darf auch hier arbeiten. Erst wenn Asylsuchende mit Aufenthaltsgenehmigung und Personen mit Duldung bereits drei Monate in Deutschland gelebt haben, können sie sich für einen Job bewerben. Kommt für den ausgeschriebenen Arbeitsplatz kein Deutscher oder EU-Bürger infrage, darf der Arbeitgeber den Platz an den Asylsuchenden vergeben. Die sogenannte Vorrangprüfung entfällt zurzeit erst nach 15 Monaten.

Was Konzerne zusätzlich bremst, ist die unsichere Aussicht, ob sich die Anstellung von Flüchtlingen am Ende für den Betrieb überhaupt auszahlt: Muss der Asylbewerber womöglich mittendrin gehen, weil er abgeschoben wird?

Bald könnte es für Unternehmen allerdings interessanter sein, Lehrstellen auch mit Flüchtlingen zu besetzen. Verbände und Kammern dringen auf die Lockerung der gesetzlichen Regeln: So will die bayerische Landesregierung Asylbewerber, die ihre Ausbildung erfolgreich in Bayern abgeschlossen haben, auch zwei Jahre danach dulden. Zurzeit kämpft die IHK München dafür, dass Flüchtlinge für die zwei Jahre einen noch sichereren Status bekommen. Das sogenannte "Drei-plus-Zwei-Modell" der Bayern ist nun ein Vorbild für viele andere IHK, die dieses in ihrem Land ebenfalls durchsetzen wollen.

Ehrenamtliche Helfer unterrichten junge Flüchtlinge

Wie es abseits der Unternehmen und der Bürokratie geht, Flüchtlinge in den Arbeitsmarkt zu integrieren, zeigt ein Projekt in der Münchner Bayernkaserne. Dort kümmert sich etwa der Verein Lernwerkstatt Halle 36 ähnlich wie die IHK um unbegleitete minderjährige Flüchtlinge und will ihnen mit sogenannten Berufsorientierungsmaßnahmen den Weg ins Erwerbsleben ebnen.

Ab kommenden Montag bietet der Verein zweiwöchige Kurse in den Bereichen Elektro, Trockenbau, Malerhandwerk sowie Sanitär und Heizung an, wie Bernhard Vornehm, Gründungsmitglied des Vereins, erklärt. Mehrere Innungen würden das Projekt zurzeit stützen. Bislang laufe alles über Spenden.

Die Idee für den Verein entstand durch einen Handwerker, der auf dem Gelände der Bayernkaserne zu tun hatte. Ihm war aufgefallen, dass viele Flüchtlinge großes Interesse an den Instandhaltungs- und Reparaturarbeiten hatten. Die Sprachbarriere sei kein großes Problem, so Vornehm, handwerkliche Dinge könne man gut und anschaulich zeigen: "Wir wollen, dass die jungen Leute eine Perspektive haben."

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