Abgewiesene Asylsuchende aus Albanien Frau Allmetas Suche nach dem Glück

Mehr als 87.000 Albaner und Kosovo-Albaner beantragten 2015 Asyl in Deutschland. Fast alle wurden abgewiesen. Die Bundesregierung will die Fluchtursachen bekämpfen - und hilft bei der Ausbildung vor Ort.

Claus Hecking

Aus Tirana und Pristina berichtet


Plötzlich brennt es in der Pfanne in Sabrina Allmetas Hand. Die Kochschülerin hat zu viel Weißwein auf den Fisch gespritzt, die Flamme ist übergesprungen vom Gasherd auf die Pfanne. Und Sabrina Allmetas Dorade in Oliven-Weißweinsauce wird nun flambiert. Doch die junge Frau reagiert sofort. Sie pustet dreimal, viermal, das Feuer erlischt. Der Fisch hat jetzt eine dünne braune Kruste, und in der nagelneuen Schulküche duftet es hochprozentig. Sabrina Allmeta lächelt.

Genau darum ist die 19-jährige Albanerin hier in der Berufsschule von Kamza nahe der Hauptstadt Tirana: Um zu lernen, um Fehler zu machen und sie auszubügeln. In ein paar Monaten ist sie fertig mit ihrer vierjährigen Ausbildung, dann wird sie beste Aussichten haben auf eine anständig bezahlte Stelle. Ausgebildete Köche sind gefragt in Albanien; schon jetzt arbeitet Sabrina Allmeta nebenher in einem Restaurant.

Sie hat in ihrem Heimatland eine Perspektive. Ihre beiden älteren, arbeitslosen Geschwister nicht.

Allmetas Bruder und Schwester waren mit dabei im Spätsommer 2015: als binnen weniger Wochen Hunderttausende Migranten nach Deutschland kamen - politisch Verfolgte aus Syrien, Flüchtlinge aus Afghanistan, dem Irak oder Eritrea, aber auch Zehntausende Wirtschaftsmigranten aus Albanien und dem Kosovo, die auf einen Job oder Sozialleistungen hofften.

Keine Hoffnung auf einen Job in der Heimat

Mehr als 87.000 Albaner und Kosovo-Albaner beantragten 2015 Asyl in der Bundesrepublik. Damit waren sie hinter den Syrern die größte Gruppe. Und fast alle wurden abgewiesen. Auch die Geschwister Allmetas.

Ihre Herkunftsländer sind ja auch politisch sicher. Wirtschaftlich indes hängen sie Mitteleuropa weit hinterher. Arbeitslosigkeit und Armut haben die Albaner und Kosovaren fliehen lassen aus ihrer Heimat. Deutschland war für viele das Traumziel, denn kein Land bewundern sie so sehr wie dieses. Nun sind sie zurück, enttäuscht und desillusioniert.

Doch viele werden bei der erstbesten Chance wieder gehen - solange sie keine Zukunft für sich sehen. Die Jugendarbeitslosigkeit in Albanien liegt bei 32 Prozent, im Kosovo bei mehr als 50 Prozent. Und dann sind die Probleme des Balkans auch Deutschlands Probleme.

Wie können die Rückkehrer eine Perspektive in ihren Herkunftsländern bekommen? Was würde Albaner und Kosovaren von der illegalen Migration nach Nordeuropa abhalten? Und wie kann man Fachkräften helfen, eine legale Stelle in Deutschland zu finden? Diese Fragen haben sich die Bundesregierung und ihre Entwicklungshilfeorganisationen gestellt. Sie haben ein paar Projekte entwickelt, welche die Probleme zumindest abmildern sollen.

IT oder Altenpflege

"Wir wollen hier Strukturen aufbauen, die dauerhaft Beschäftigung fördern", sagt Hans-Jürgen Cassens, der Leiter des Albanien-Büros der Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ). Sabrina Allmetas Berufsschule in der tristen Vorstadt Kamza ist ein Vorzeigeprojekt der Deutschen. Die GIZ hat nicht nur einen großen Teil der neuen Schulküche bezahlt, sie fördert auch seit Längerem andere zukunftsträchtige Bildungsgänge wie IT oder Altenpflege. Der Schuldirektor hofft auf einen Zuschuss der Förderbank KfW von 4,5 Millionen Euro für neue Werkstätten, in denen Schüler zu Automechanikern oder Automatisierungstechnikern ausgebildet werden.

"Das ist die beste Berufsschule Albaniens", sagt Endri Hametaj langsam, aber auf Deutsch. Der 17-Jährige macht in Kamza eine Ausbildung zum Programmierer. Er reiste 2015 im Tross nach Deutschland, zusammen mit seiner Familie. Der Asylantrag wurde abgelehnt; der deutsche Staat hat Albanien als sicheres Herkunftsland eingestuft. "Wir hatten keine Chance. Die Reise war ein Fehler", sagt der junge Mann. "Aber wir wussten das nicht."

Hätte Ismail Çerpia die Aussichtslosigkeit seines Plans gekannt, hätte er sich auch die Reise gespart, sagt er. Der Albaner kam mit Frau und zwei Kindern Ende August 2015 über Italien nach Deutschland: in der Hoffnung auf eine gut bezahlte Stelle. Denn in Albanien verdienen Arbeitnehmer im Durchschnitt nur etwa 340 Euro pro Monat. "Ein Freund in Hamburg hatte uns erzählt, dass wir Arbeit und eine Aufenthaltsgenehmigung bekommen könnten", sagt der 48-Jährige. "Doch das war eine Fehlinformation. Wenn wir das geahnt hätten, wären wir nie gekommen." Nach einem halben Jahr mussten die Çerpias heim. Eine Arbeit hat Ismail bis heute nicht wieder gefunden.

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Albanien und Kosovo: Hauptsache Arbeit

Um solche Fälle zu vermeiden, hat die GIZ im Kosovo und in Albanien Informationsstellen eröffnet. Jeder, der mit dem Gedanken spielt, nach Deutschland zu gehen, kann sich an diese Büros wenden. Die Berater erklären den Fragestellern, dass sie so gut wie keine Chance auf Asyl haben - und dass sie auch nicht hoffen können, nach einer verbotenen Einreise irgendwann eine Aufenthaltsgenehmigung zu kriegen.

Sie stellen ihnen aber auch legale Wege vor, in Deutschland zu arbeiten. Immerhin haben im Januar und Februar 2017 mehr als 7000 Bürger des gesamten Westbalkans eine solche Bewilligung gekriegt. Schließlich gibt es in der Bundesrepublik durchaus Bedarf an Arbeitskräften, etwa in der Altenpflege oder in einigen Handwerksberufen.

Jobmesse in Pristina

In Kosovos Hauptstadt Pristina veranstaltete das GIZ-Büro vergangenes Jahr eine Jobmesse. Rund 5000 Besucher kamen, etwa jeder Zehnte fand tatsächlich eine Stelle - allerdings nicht nur in Deutschland. Die sprachlichen und bürokratischen Hürden sind groß, ein Arbeitsvisum kann Monate dauern, Einstellungsgespräche müssen über Skype oder Telefon laufen. Und insbesondere Kosovo-Albaner haben kein gutes Image hierzulande.

In Pristina arbeitet der über die GIZ entsandte Berater Michael Sauer im kosovarischen Arbeitsministerium gemeinsam mit der bayerischen Bauinnung daran, 20 junge Kosovaren als Auszubildende in bayerischen Baufirmen unterzubringen. Nach langem Hin und Her dürfte es wahrscheinlich klappen, aber das Projekt hat Sauer Monate gekostet: für 20 Stellen. Jahr für Jahr kommen 30.000 junge Kosovaren neu auf den Arbeitsmarkt.

Die deutschen Helfer werden das strukturschwache, von Korruption und Armut geprägte Land nicht retten.

"Unsere Mittel reichen für einzelne Leuchtturm-Projekte", sagt GIZ-Mann Cassens. "Sie sollen zeigen, welche Möglichkeiten es gibt. Und sie sollen die Institutionen und Menschen in der Region anregen, sie nachzumachen."

Familienvater Ismail Çerpia kann von einem Job in Deutschland weiterhin nur träumen: Er ist schon 48, hat keine richtige Ausbildung, kann kaum ein Wort Deutsch. Aber seine Söhne, 19 und 15, schickt er nun zum Sprachkurs. "Sie sollen einmal nach Deutschland gehen und viel Geld verdienen", wünscht er sich. "Bei uns in Albanien wird es noch einige Generationen dauern, bis das Land genug Arbeit für alle bietet."



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