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18. Juli 2019, 08:25 Uhr

Joghurts und Frühstücksflocken für Kinder

Achtung, Zuckerbombe

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Hersteller von Frühstücksflocken und Joghurts haben versprochen, den Zuckergehalt ihrer Waren zu reduzieren. Doch laut einer Foodwatch-Analyse wären die meisten Produkte selbst danach noch zu süß für Kinder.

Knallige bunte Farben und eine breit lächelnde Comicfigur - so bewerben viele Hersteller ihre Frühstücksflocken oder Joghurts für Kinder. Dabei sind viele der Produkte für den Nachwuchs wahrscheinlich gar nicht geeignet. Laut einer Untersuchung der Verbraucherorganisation Foodwatch, die dem SPIEGEL vorliegt, enthalten sie mehr Zucker, als für Kinder gesund ist.

Foodwatch-Mitarbeiter haben in Filialen der sechs größten Einzelhändler Deutschlands - bei Aldi, Edeka, Kaufland, Lidl, Real und Rewe - entsprechende Produkte gekauft und untersucht. Insgesamt begutachteten sie 78 Frühstücksflocken und 32 Joghurts für Kinder von 14 Herstellern. Den Zuckergehalt dieser Produkte glich Foodwatch mit den Empfehlungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) für gesunde Kinderlebensmittel ab.

Das Ergebnis ist für die Hersteller wenig schmeichelhaft. Demnach liegen aktuell alle untersuchten Joghurts und 90 Prozent der Frühstücksflocken über den empfohlenen Zuckerwerten.

Die Joghurts hätten im Schnitt einen Zuckergehalt von 14 Prozent, resümiert Foodwatch. Die WHO findet, Joghurts mit mehr als zehn Prozent Zucker seien für junge Menschen ungeeignet, und empfiehlt, diese nicht für Kinder zu bewerben. Die Frühstücksflocken bestanden sogar zu durchschnittlich 25 Prozent aus Zucker, die WHO sieht hier bei 15 Prozent die Obergrenze.

Das sagen die Hersteller

Die Hersteller der am schlechtesten bewerteten Produkte bekräftigen gegenüber dem SPIEGEL, den Zuckergehalt eines oder vieler ihrer Lebensmittel bereits reduziert zu haben.

Danone teilt mit, den "Mars Mix mit Karamellsauce" und den "Twix Mix mit Karamellsauce" im Herbst dieses Jahres aus dem Sortiment zu nehmen, und schrieb außerdem, "dass beide Produkte von Danone zu keiner Zeit als Kinderprodukte beworben wurden".

Foodwatch hingegen begründete die Einordnung als Kinderlebensmittel damit, dass die Produkte sich "mit ihrer spielerischen Knickverpackung und dem Zusatz von beliebten Süßigkeiten" an Kinder richten würden.

Lidl schreibt zur geplanten Zuckerreduktion um 20 Prozent beim Joghurt "Safari Bunter Vogel" von einem "ersten Schritt". Nestlé teilt mit, der Gehalt an zugesetztem Zucker seines Joghurts mit Smarties sei seit 2015 bereits um 27 Prozent gesenkt worden und solle bis Ende des Jahres um weitere zehn Prozent reduziert werden.

Kellogg teilt mit, aktuell keine Verringerung des Zuckergehalts der "Frosties" zu planen. Die Frühstücksflocken würden aber "hauptsächlich von Erwachsenen konsumiert". Eine Produktversion mit weniger Zucker sei wegen der geringen Verbraucherakzeptanz wieder vom Markt genommen worden. Bei den "Smacks" sei der Zucker 2018 bereits um 20 Prozent reduziert worden.

Real bezeichnete das schlechte Abschneiden der TiP-Frühstücksflocken als "nicht akzeptabel". Der Produzent habe zugesichert, den Zuckergehalt zu reduzieren. Außerdem solle das Layout - sobald das aktuelle Verpackungsmaterial aufgebraucht sei - künftig keine Löwen-Comicfigur mehr zeigen.

Freiwillige Zuckerreduktion reicht nicht aus

Die Hersteller geloben also zum Teil Besserung. Doch laut Foodwatch würde selbst das nicht immer ausreichen. Die Organisation hat auch analysiert, wie gesund die Lebensmittel wirklich wären, wenn Produzenten ihre Selbstverpflichtung zur Zuckerreduktion umsetzen würden.

Bundesernährungsministerin Julia Klöckner (CDU) hatte sich im vergangenen Dezember mit mehreren großen Branchenverbänden darauf geeinigt, dass Lebensmittelhersteller bis 2025 den Gehalt von Zucker, Salz und Fett in Fertigprodukten von sich aus reduzieren sollen.

Für einige Produktgruppen wurden sogar schon konkrete Rezepturanpassungen festgelegt: So soll der Zuckergehalt von Kinderfrühstücksflocken um mindestens 20 Prozent sinken, der von Kinderjoghurts um mindestens zehn Prozent.

Foodwatch ist das zu wenig. Selbst wenn die Hersteller ihrer Selbstverpflichtung zur Zuckerreduktion nachkommen würden, wären viele ihrer Produkte noch immer nicht für Kinder geeignet, schreibt die Verbraucherorganisation. Denn der Zuckergehalt von 94 Prozent der Kinderjoghurts und 87 Prozent der Kinderfrühstücksflocken läge selbst dann noch über den WHO-Werten für gesunde Kinderlebensmittel.

Lesen Sie hier: Klöckner und die Industrie - Zu viel Süßstoff

In den untersuchten Kinderfrühstücksflocken müsste der Zuckergehalt laut Foodwatch um durchschnittlich 40 Prozent sinken, um in Einklang mit den WHO-Empfehlungen für gesunde Kinderlebensmittel zu stehen. Das ist doppelt so viel, wie Klöckners Vereinbarung mit der Getreidewirtschaft vorsieht.

Bei den Joghurts müsste der Zuckergehalt im Schnitt 30 Prozent niedriger sein als aktuell, das ist dreimal so viel, wie die Vereinbarung mit der Milchwirtschaft festlegt.

"Statt einen unwirksamen Pakt mit der Industrie zu schließen, sollte sich Julia Klöckner endlich für die Gesundheit von Kindern starkmachen und das Kindermarketing für Zuckerbomben und ungesunde Snacks komplett verbieten", fordert Manuel Wiemann von Foodwatch.

Im Video: Droge Zucker

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