Fracking-Industrie in den USA Der Fluch des schwarzen Goldes

Dank Fracking-Technologie sind die USA so unabhängig von Ölimporten wie noch nie. Doch die Industrie hat ihre besten Zeiten womöglich hinter sich - und gerät nun durch fallende Ölpreise zusätzlich unter Druck.
Von Ines Zöttl, Washington
Fracking im US-Bundesstaat Colorado: Wachstum, Wachstum, Wachstum

Fracking im US-Bundesstaat Colorado: Wachstum, Wachstum, Wachstum

Foto: Brennan Linsley/ AP

Mit der berühmtesten Ölsorte der Welt ist es bald vorbei. Das Brent Feld in der Nordsee, an dem Europa jahrzehntelang den Preis des schwarzen Goldes gemessen hat, ist erschöpft. Die Förderung lohnt sich für den Konzern Royal Dutch Shell nicht mehr. Demnächst wird "Brent Charlie" als die letzte von vier Öl- und Gasbohrinseln außer Betrieb gehen.

Noch vor nicht allzu langer Zeit hätte dieses Szenario für Panik gesorgt. Noch nach der Jahrtausendwende herrschte Angst vor dem "Peak Oil" - dem Zeitpunkt, von dem an es mit der globalen Erdölförderung bergab geht. Heute dagegen hat die Branche eine ganz andere Sorge: Es gibt zu viel Öl und Gas - und das Überangebot drückt den Preis. Schön für die Autofahrer, schlecht für die Produzenten.

Die Epidemie des Coronavirus in China dürfte den Trend noch verstärken. Denn China ist der weltgrößte Öl- und Gasimporteur. Und wenn die Wirtschaft dort langsamer wächst, brauchen die Fabriken auch weniger Energie. Der Goldman-Sachs-Rohstoffexperte Jeff Currie fürchtet einen "Nachfrageschock" wie zuletzt in der Finanzkrise 2008. Am Freitagmittag kostete ein Barrel Brent 51,13 US-Dollar - vor eineinhalb Jahren kostete ein 159-Liter-Fass noch mehr als 70 Dollar.

Auch die Internationale Energieagentur IEA hat bereits auf die Folgen der Virusausbreitung reagiert - und ihre Prognose für das Wachstum der Nachfrage in diesem Jahr um 365.000 Barrel auf 825.000 Barrel gesenkt. Die Organisation erdölexportierender Länder (Opec) und die Ölexportnation Russland wollen Anfang März beraten, ob sie ihre Fördermengen reduzieren, um einen Preisverfall zu verhindern.

Der Niedergang des Ölpreises trifft ein Land besonders stark: die Vereinigten Staaten von Amerika. Das hat vor allem mit der Erfindung des Fracking zu tun - einer Technologie, bei der das Öl und Erdgas mithilfe von Wasser, Chemikalien und Quarzsand aus dem Boden gepresst wird. Diese sehr umweltschädliche Fördermethode hatte der Branche zunächst einen neuen Boom beschert - doch nun ist sie zum Opfer ihres eigenen Erfolges geworden.

Die US-Rohölproduktion ist auf Rekordhoch. Aber mit jedem Dollar, der weniger in die Kasse kommt, wird die Kalkulation der Unternehmen knapper. Ihr Geschäftsmodell beruht auf Wachstum, Wachstum, Wachstum. Viele der kleineren Förderer sind hoch verschuldet, zugleich sind Investoren aufgrund der Lage am Weltmarkt zusehends verunsichert. "Das Virus könnte der finale Schlag für einige Energiefirmen sein", warnte jüngt das "Wall Street Journal".

208 Pleiten in fünf Jahren

Schon vor dem Ausbruch des Coronavirus sah die Lage im texanischen Permian-Becken, das der Finanznachrichtendienst Bloomberg einmal das "heißeste Ölfeld" Amerikas taufte, nicht allzu rosig aus. In dem Gebiet gut halb so groß wie Deutschland kämpfen viele der Fracking-Pioniere ums Überleben. Seit 2015 sind nach Zählung der Kanzlei Haynes and Boone 208 amerikanische Öl- und Gasproduzenten pleitegegangen – sie häuften einen Schuldenberg von insgesamt 122 Milliarden Dollar an.

Allein im vergangenen Jahr erwischte es 42 Unternehmen. Die Geldgeber sind vorsichtig geworden. Schon seit einer Weile sei es "eng" bei der Kreditvergabe, sagte der Branchenveteran Steven Pruett, Vorstandschef von Elevation Resources, der "New York Times". "Und es wird noch viel enger werden." Die Aktie von Chesapeake Energy, einem der Vorreiter beim Einsatz der neuen Technologie, kostet heute weniger als 50 Cent. In den besten Zeiten wurde sie mit fast 70 Dollar gehandelt.

Für viele Unternehmen ist das Geschäftsmodell, das während des letzten Ölrauschs geschaffen wurde, zur Falle geworden. Die Förderraten beim aufwändigen Fracking sinken viel schneller als bei konventionellen Bohrungen. Teils verringert sich der Ertrag schon binnen eines Jahres um 70 Prozent. Um den Gesamtausstoß stabil zu halten, müssen weitere Löcher gebohrt werden. Das kostet Kapital. Für die Anleger heißt das angesichts niedriger Ölpreise: Rendite adé. Der Wall Street könnte die Lust an diesem Modell vergehen.

Tanklaster in North Dakota: Der Boom hat viele Jobs geschaffen

Tanklaster in North Dakota: Der Boom hat viele Jobs geschaffen

Foto: Andrew Burton/ Getty Images

Finanzstarke Konzerne wie Exxon Mobil, die in die Förderung von Schieferöl und -gas erst vergleichsweise spät eingestiegen sind, können die Flaute aussitzen – wenn es denn nur eine Flaute ist. Manche Experten glauben, dass die Probleme der Branche strukturell sind. Der zweitgrößte US-Ölkonzern Chevron hat angekündigt, wegen des Gaspreisverfalls zehn Milliarden Dollar abzuschreiben und prüft den Verkauf von Anteilen an seinen Feldern.

Dazu kommt die Umwelt- und Klimadebatte, die Ölmultis vor die Existenzfrage stellen könnte. Während der breit gefasste US-Aktienindex S&P 500 in der vergangenen Dekade um 180 Prozent gestiegen ist, schaffte der Energie-Teilindex nur ein Plus von rund vier Prozent.

Manch Experte sieht ein fundamentales Problem auf die USA zukommen: Der Fracking-Boom hat womöglich schon die besten Zeiten hinter sich. Die Exploration des Schieferöls habe den Höhepunkt, den "Peak", schon überschritten, erklärte kürzlich Jeff Miller, Chef des Öldienstleisters Halliburton. Der Konzern hat deshalb seine sogenannte Fracturing-Flotte, also Pumpen und andere Ausrüstung für die Ölförderung, um ein Fünftel reduziert.

Andere Branchenkenner sehen längst nicht so schwarz. Denn der baldige Tod der US-Fracking-Industrie wurde schon öfter angekündigt - und trat zumindest bisher nie ein. Gerade in Krisenzeiten hat sich die Branche bisher als besonders flexibel erwiesen. Zudem haben die größeren Firmen bislang stets Wege gefunden, die Produktionskosten durch Effizienzsteigerungen zu drücken.

Nicht zuletzt ist der Fracking-Sektor momentan ein Schützling des US-Präsidenten. Denn der US-Ölboom hat viele Jobs geschaffen. Und die gesunkene Abhängigkeit Amerikas von den Opec-Staaten rund um den Persischen Golf bietet zudem Raum für eine aggressivere Außenpolitik: Donald Trump kann Sanktionen gegen Iran verhängen oder gar einen Krieg riskieren, ohne dass der Ölpreis explodiert.

Die Regierung hilft der Branche daher bislang, wo sie kann. Trump hat Umweltauflagen gestrichen, verkleinert Naturschutzgebiete und will wieder Bohrungen vor Amerikas Küsten erlauben.

"Amerika ist jetzt energieunabhängig", jubelte er in seiner Rede zur Lage der Nation Anfang Februar. Das stimmt nicht ganz. Zwar exportierten die USA im September 2019 zum ersten Mal seit Jahrzehnten mehr Rohöl und Raffinerieprodukte, als sie importierten. Die Raffinerien aber brauchen trotzdem noch das Rohöl aus dem Ausland. Immerhin: 2011 haben die USA Russland als größten Gasproduzenten abgelöst, 2018 Saudi-Arabien beim Petroleum überholt.

Gut möglich also, dass der Ölboom noch eine Weile am Leben erhalten wird - koste es, was es wolle.