Fragwürdige Beratung Krankenversicherer wimmelt Senioren ab

Die Vorwürfe wiegen schwer: Laut einem Zeitungsbericht sperrt sich die Hanseatische Krankenkasse gegen Senioren. Sie versuche, älteren Interessenten in Beratungsgesprächen gezielt auszureden, zu ihr zu wechseln. Das Unternehmen spricht von einem Missverständnis.
City BKK in Berlin: Ältere Kunden haben Probleme, neue Versicherung zu finden

City BKK in Berlin: Ältere Kunden haben Probleme, neue Versicherung zu finden

Foto: dapd

Hamburg - Für die Betroffenen muss es ein Alptraum sein: Erst geht ihre Krankenkasse City BKK pleite - jetzt haben einige der fast 140.000 Mitglieder offenbar Probleme, in eine neue Kasse zu wechseln. Wie die "Financial Times Deutschland" berichtet, wimmelt die Hanseatische Krankenkasse (HEK) aus Hamburg vor allem Senioren ab - obwohl sie gesetzlich verpflichtet ist, diese aufzunehmen.

Demnach wird älteren Mitgliedern der City BKK von der HEK-Service-Hotline nahegelegt, sich stattdessen nach einem Versicherer aus der Gruppe der Betriebskrankenkassen umzuschauen, zu der auch die City BKK gehört. Laut "FTD" hat die HEK "extra für Interessenten von der City BKK" eine Hotline eingerichtet. Ältere Interessenten werden dem Bericht zufolge unter anderem mit folgenden Argumenten abgespeist:

  • Für eine Mitgliedschaft bei der HEK müssten zunächst die Rabattverträge mit den Arzneimittelherstellern überprüft werden, so dass Patienten nicht mehr unbedingt ihre gewohnten Medikamente weiter beziehen könnten.
  • Zudem müsse ein möglicherweise ungünstigeres, neues Gutachten über die Pflegestufe erstellt werden.
  • Der Wechsel könne ziemlich lange dauern.

Laut Gesetz sind Versicherte der City BKK bei der Auswahl der neuen Kasse frei: Niemand darf abgelehnt werden. Alle bisherigen Leistungen müssen von der neuen Kasse übernommen werden. Dies gilt auch für mitversicherte Angehörige.

Bei der Hamburger Betriebskrankenkasse Securvita liefen Ende vergangener Woche Dutzende Anrufe von City-BKK-Mitgliedern auf, die bei der HEK den Eindruck erhalten hatten, sie könnten nicht aufgenommen werden. "Die alten Frauen, die bei mir anriefen, waren sehr irritiert", berichtete eine Mitarbeiterin der "FTD". Den Anrufern sei systematisch ein Wechsel zu einer Betriebskrankenkasse empfohlen worden.

"Moralisch nicht in Ordnung"

Die Hamburger Verbraucherschutzzentrale habe die HEK wegen des Vorwurfs, statt der teuren alten und kranken Mitglieder nur junge und gesunde haben zu wollen, schon länger im Visier, berichtet die "FTD". "Wir haben schon öfters gehört, dass Ältere und sehr Kranke bei dieser Kasse nicht willkommen sind", sagte der Leiter für Patientenschutz, Christoph Kranich, der Zeitung. "Dieses Verhalten muss rechtlich geprüft werden - moralisch ist es auf jeden Fall nicht in Ordnung."

Die Abschreckung teurer Versicherter liege jedoch in der Logik des Gesundheitssystems, das auf mehr Wettbewerb unter den Kassen setze. Er rät, das Verhalten der HEK - die gerne mit ihrer "exzellenten Finanzstabilität" wirbt - beim Bundesversicherungsamt anzuzeigen.

Die HEK weist die Vorwürfe zurück. Es gebe kein gesondertes Team für Anrufe von Mitgliedern der City BKK, sagte ein Sprecher SPIEGEL ONLINE. Im Telefon-Service arbeiteten gerade 21 Leute, man hätte dafür gar nicht die Kapazitäten. Auch gebe es kein standardisiertes Antwortverfahren für Versicherte der City BKK.

Generell weise man im Rahmen einer Beratung stets auf Vor- und Nachteile eines Wechsels hin, teile der Vorstand am Montagmorgen in einer Stellungnahme mit. Dabei würde eben auch auf Fragen zu Rabattverträgen und Gutachten über die Pflegestufe eingegangen.

"Wenn es im Einzelfall zu missverständlichen Äußerungen gekommen sein sollte, dann tut es uns leid", sagte der stellvertretende Vorsitzende Torsten Kafka der "FTD". Es lasse sich nicht jedes Gespräch nachvollziehen. Es gebe die gesetzliche Verpflichtung, Versicherte der City BKK aufzunehmen. "Daran halten wir uns natürlich."

ssu
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