Wirtschaftspolitik Leben wie Hollande in Frankreich

Früher in Rente, noch mehr Beamte: Warum regen die Deutschen sich eigentlich so auf über die Pläne des neuen französischen Präsidenten? Die Nachbarn leisten sich seit Jahrzehnten eine Wirtschaftspolitik, die eigentlich gar nicht funktionieren dürfte. Und leben ziemlich gut damit.
Beinahe-schon-Präsident Hollande: Es gilt, manches neoliberale Klischee zu beerdigen

Beinahe-schon-Präsident Hollande: Es gilt, manches neoliberale Klischee zu beerdigen

Foto: JEAN-PIERRE MULLER/ AFP

Der Termin der Journalisten in der Pariser Zentrale des Autokonzerns Renault begann genau so, wie es sich für Frankreich gehört: Mit einem knapp zweistündigen Mittagessen. Natürlich nicht in der Kantine, sondern im nahegelegenen Restaurant Cap Seguin. Drei Gänge, jeder einzelne angetan, Kardiologen erbleichen zu lassen. Dazu eine Flasche Weißwein und ein wunderbarer Blick auf die Seine. Zum Abschluss Kaffee und Pralinchen. Gegen halb drei war man dann endlich bereit zu arbeiten. Aber irgendwie auch wieder nicht mehr.

Phänomen Frankreich! Seit Jahrzehnten leistet sich dieses Land eine Wirtschaft, die nach den gängigen Gesetzen der Ökonomie einfach nicht funktionieren dürfte. Nicht nur wegen der cholesterinreichen Mittagspausen. Sondern auch wegen der weltweiten Spitzenposition bei den Urlaubstagen, der flächendeckenden 35-Stunden-Woche und dem frühen effektiven Rentenbeginn (gut zwei Jahre eher als in Deutschland). Hinzu kommen noch der strenge Kündigungsschutz und der überbordende öffentliche Dienst: 56,6 Prozent der französischen Wirtschaftsleistung fließen durch die Hand des Staates, ein Rekordwert unter den Industriestaaten. In Deutschland sind es rund zehn Prozentpunkte weniger.

Und jetzt hat Frankreich mit François Hollande auch noch einen Präsidenten gewählt, dessen wichtigstes Versprechen lautet: Mehr vom Gleichen! Noch mehr Jobs im öffentlichen Dienst, finanziert mit einem Spitzensteuersatz von 75 Prozent. Noch früher in Rente: Während Deutschland gerade die Rente mit 67 einführt, sollen sich viele Franzosen künftig schon mit 60 abschlagsfrei in den Ruhestand verabschieden können.

Angesichts dieser Fakten kann sich eigentlich niemand wundern, dass sich Frankreich im Moment mit ein paar wirtschaftlichen Problemen plagt - dickes Haushaltsdefizit, hartnäckige Wachstumsschwäche, hohe Jugendarbeitslosigkeit. Erstaunlich ist eher, wie gut die Franzosen trotz ihres eigenwilligen Wirtschaftsmodells immer noch dastehen. Bereinigt um Unterschiede in der Kaufkraft liegt die Wirtschaftsleistung pro Kopf in Frankreich gerade mal acht Prozent unter der deutschen. Kein großer Unterschied, wenn man bedenkt, dass die Franzosen seit Jahrzehnten in aller Welt als Meister des Savoir Vivre gelten - und die Deutschen als verkniffene Arbeitsdrohnen.

Mit anderen Worten: Ein Land, das nach gängigen ökonomischen Lehrsätzen eigentlich eher in der Liga von Griechenland spielen müsste, hält seit Jahrzehnten überraschend gut Schritt mit Deutschland. Wie konnte das gelingen?

  • Erster Teil der Antwort: Zum Teil führen Frankreichs statistische Daten in die Irre.
  • Zweitens lebt das Land von der Substanz, die es in der Vergangenheit aufgebaut hat.
  • Und drittens funktionieren in Frankreich tatsächlich einige Mechanismen ziemlich gut, die sich mit der reinen Lehre der Marktwirtschaft nicht vereinbaren lassen.

Zur Statistik: Trotz langem Urlaub und 35-Stunden-Woche arbeitet der durchschnittliche französische Arbeitnehmer sogar mehr als der deutsche. Viele sitzen im Alltag länger im Büro als im Gesetz steht. Vor allem aber gibt es in Frankreich deutlich weniger Teilzeitbeschäftigte. In Deutschland arbeiten 27 Prozent der Beschäftigten mit reduzierter Stundenzahl, vor allem Mütter. In Frankreich machen das nur 19 Prozent der Arbeitnehmer - auch, weil der Staat für eine erstklassige Kinderbetreuung sorgt.

Frankreich kam das Geschäftsmodell abhanden

Doch klar ist auch: Frankreich zehrt im Moment vom Wohlstand vergangener Dekaden. "Bis zur Einführung des Euro hatte Frankreich tatsächlich ein eigenes und durchaus funktionsfähiges Wirtschaftsmodell", sagt Matthias Kullas, Frankreich-Experte am Centrum für Europäische Politik in Freiburg. "Der wirtschaftliche Aufbau in den fünfziger und sechziger Jahren gelang anders als im deutschen Wirtschaftswunder durch ein hohes Maß an staatlicher Planung." Anschließend, sagt Kullas, habe Frankreich seine Wirtschaft durch immer neue Abwertung des Franc gegenüber der D-Mark wettbewerbsfähig gehalten. Seit dem Start des Euro sei dieser Weg versperrt, so Kullas, "und seitdem treten die Schwächen des Systems immer deutlicher zutage".

In der Tat: Im französischen Bürokratiedschungel gedeihen kaum mittelständische Unternehmen, die nach deutschem Vorbild Innovationen vorantreiben und Jugendlichen Ausbildungsplätze bieten könnten. Das starre Arbeitsrecht sorgt dafür, dass sich zwar die Mehrzahl der Franzosen über einen sicheren Job freuen kann - aber junge Arbeitnehmer haben es schwer, in dieses geschlossene System vorzudringen. Der wachsenden Konkurrenz aus aufstrebenden Industrienationen wie China haben Frankreichs Unternehmen weniger entgegenzusetzen als die deutschen.

Aber es gilt bei einem genaueren Blick auf Frankreich auch manch liberales Vorurteil zu beerdigen. Etwa jenes, wonach ein großer öffentlicher Sektor immer schlecht ist für die Wirtschaft. Im Gegenteil: Die erfolgreichsten französischen Konzerne gedeihen nicht trotz, sondern gerade wegen ihrer Nähe zum Staat. "In Deutschland sind Politiker und Top-Manager sich einander in Wahrheit fremd", sagt Joachim Bitterlich, "in Frankreich spielen sie sich selbstverständlich die Bälle zu." Der Frankreich-Kenner und ehemalige außenpolitische Berater von Helmut Kohl steht heute in Diensten des französischen Dienstleistungskonzerns Veolia. Als die französische Regierung beispielsweise einen Käufer gesucht habe für die marode, aber aufgrund ihrer Bedeutung politisch hochsensible Fährreederei SNCM, sei Veolia eingesprungen.

Starke Konzerne, aber kaum Mittelstand

Umgekehrt sieht sich die Regierung immer auch als Türöffner, wenn französische Konzerne Geschäfte im Ausland machen wollen. In seiner Zeit als deutscher Botschafter in Madrid, erinnert sich Bitterlich, habe die Außenhandelsabteilung der deutschen Botschaft drei Mitarbeiter gehabt. Die der französischen 100. Mit teutonischen Vorstellungen von Ordnungspolitik mag das französische Miteinander von Staat und Wirtschaft nicht vereinbar sein - doch es funktioniert erstaunlich gut. Auch weil sich viele Manager und Beamte aus ihrer gemeinsamen Zeit an Elitehochschulen wie ENA oder HEC kennen.

"Der französische Mittelstand mag schwach sein, aber Konzerne wie Accor, Danone oder Saint Gobain sind Weltmarktführer in ihrem Segment", sagt Bitterlich, "sie werden mindestens so effizient geführt wie deutsche Großunternehmen."

Zu diesem zwiespältigen Frankreichbild passt das Ende des üppigen Geschäftsessens. Die Teilnehmer waren nämlich allesamt Abgesandte der deutschen Tochtergesellschaft von Renault. Als sie nach dem Kaffee in die Konzernzentrale zurückkamen, um sich mit einer französischen Renault-Top-Managerin zu treffen, zerknüllte die gerade eine Twix-Verpackung. "Mein Mittagessen", murmelte sie kauend.