Möglicher Euro-Austritt Frankreichs "De facto wäre das ein Staatsbankrott"

Frankreich, Italien, die Niederlande: In gleich mehreren Ländern liebäugeln Populisten mit dem Euro-Austritt. Der Ökonom Guntram Wolff warnt vor verheerenden Folgen - auch für Deutschland.
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Guntram Wolff ist Direktor der Brüsseler Denkfabrik Bruegel, die von Deutschland und Frankreich gegründet wurde. Er ist zudem Mitglied im Beratergremium des französischen Premierministers. Zuvor arbeitete er unter anderem für die Bundesbank und war Berater des Internationalen Währungsfonds (IWF).

SPIEGEL ONLINE: Bei der Wahl am Mittwoch in den Niederlanden will einer der Wahlfavoriten, Geert Wilders, sein Land aus dem Euro führen. Die Hälfte aller Italiener will die Lira wiederhaben und ein Drittel der Franzosen will den Franc zurück. Würde die europäische Gemeinschaftswährung einen Austritt überleben?

Wolff: Ein Austritt der Niederlande würde zu großen Turbulenzen führen. Wenn absehbar ist, dass Italien oder Frankreich den Euro aufgeben, werden wir sehr schnell sehr starke Kapitalabflüsse aus diesen Ländern sehen. Dann müssen wir Kapitalverkehrskontrollen einführen, und letztendlich wird die Gemeinschaftswährung auseinanderdividiert.

SPIEGEL ONLINE: Viele Italiener glauben, dass es ihrer Wirtschaft ohne den Euro und mit der Lira besser gehen würde. Sie könnten ihre Währung abwerten und wären auf einen Schlag wieder konkurrenzfähig.

Wolff: Abwertungen haben in der Vergangenheit höchstens kurzfristige Verschnaufpausen gebracht. Aber sie haben nicht wirklich langfristig Beschäftigung geschaffen. Die Arbeitslosigkeit in Italien ist jetzt ungefähr auf dem Niveau, auf dem sie 1998, vor der Einführung des Euro, war. Die Produktivitätszahlen in Italien sind seit mehr als 20 Jahren dramatisch schlecht. Italien hat am Anfang der Währungsunion nicht verstanden, dass nun andere Spielregeln gelten und die Löhne nicht einfach viel stärker als in den Nachbarländern steigen können. Insofern hat Italien jetzt tatsächlich ein enormes Anpassungsproblem. Ein Ausstieg würde aber dramatische Konsequenzen haben und nicht wirklich helfen.

SPIEGEL ONLINE: Was passiert eigentlich mit den französischen Staatsschulden, wenn in Frankreich Marine Le Pen triumphiert und den Franc wieder einführt?

Wolff: Wenn Marine Le Pen gewinnt, will sie ein Referendum durchführen. Und wenn das Referendum dann positiv ausfällt, könnte sie von Euro auf Franc als offizielles Zahlungsmittel umstellen. Das ist für alle Verträge, die nach französischem Recht abgeschlossen wurden, grundsätzlich möglich. De facto wäre das aber ein Staatsbankrott, weil die neue Währung im Vergleich zum Euro abwerten wird. Frankreich würde seine Glaubwürdigkeit einbüßen und Finanzierungskosten würden in die Höhe schnellen.

SPIEGEL ONLINE: Was hieße das konkret, zum Beispiel für Unternehmen?

Wolff: Das kommt darauf an. Viele Unternehmen haben erhebliches Eigentum außerhalb von Frankreich und Verträge auch nach internationalem Recht abgeschlossen. Wer in Euro verschuldet bliebe, hätte große Probleme. Wer dagegen Euro-Vermögen besäße, stünde gut da. "Frexit" wäre wie Würfeln, einige würden gewinnen, andere verlieren. Aber insgesamt käme es zu schweren Verwerfungen auch beim Handel, und die französische Wirtschaft würde leiden.

SPIEGEL ONLINE: Und die Finanzmärkte?

Wolff: Es würde einen globalen Finanzschock geben. Weil Frankreich so vernetzt ist mit dem gesamten globalen Finanzsystem, würde das einen massiven Infarkt für das gesamte Finanzsystem bedeuten. Die finanziellen Verwerfungen im Euroraum wären unkalkulierbar.

SPIEGEL ONLINE: Was wären die Auswirkungen für den Rest der Eurozone, also vor allem für Deutschland?

Wolff: Ein großes historisches Projekt würde auseinanderfallen, mit unkalkulierbaren politischen Konsequenzen. In der Folge würden wahrscheinlich auch Italien und die anderen Länder Südeuropas austreten. Die alte D-Mark-Zone, also die Benelux-Länder, Deutschland, vielleicht noch die Balten, die Slowakei und Österreich, könnten eine Art Nord-Euro aufmachen. Dieser würde massiv an Wert gewinnen. Deutsche Unternehmen müssten dann damit zurechtkommen, dass ihre Produkte 10, 20 oder 30 Prozent teurer würden im globalen Wettbewerb. Aber wir hoffen jetzt erst einmal, dass es nicht so weit kommen wird.