Möglicher Euro-Austritt Frankreichs "De facto wäre das ein Staatsbankrott"

Frankreich, Italien, die Niederlande: In gleich mehreren Ländern liebäugeln Populisten mit dem Euro-Austritt. Der Ökonom Guntram Wolff warnt vor verheerenden Folgen - auch für Deutschland.

AFP

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Zur Person
  • AP
    Guntram Wolff ist Direktor der Brüsseler Denkfabrik Bruegel, die von Deutschland und Frankreich gegründet wurde. Er ist zudem Mitglied im Beratergremium des französischen Premierministers. Zuvor arbeitete er unter anderem für die Bundesbank und war Berater des Internationalen Währungsfonds (IWF).

SPIEGEL ONLINE: Bei der Wahl am Mittwoch in den Niederlanden will einer der Wahlfavoriten, Geert Wilders, sein Land aus dem Euro führen. Die Hälfte aller Italiener will die Lira wiederhaben und ein Drittel der Franzosen will den Franc zurück. Würde die europäische Gemeinschaftswährung einen Austritt überleben?

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Heft 11/2017
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Wolff: Ein Austritt der Niederlande würde zu großen Turbulenzen führen. Wenn absehbar ist, dass Italien oder Frankreich den Euro aufgeben, werden wir sehr schnell sehr starke Kapitalabflüsse aus diesen Ländern sehen. Dann müssen wir Kapitalverkehrskontrollen einführen, und letztendlich wird die Gemeinschaftswährung auseinanderdividiert.

SPIEGEL ONLINE: Viele Italiener glauben, dass es ihrer Wirtschaft ohne den Euro und mit der Lira besser gehen würde. Sie könnten ihre Währung abwerten und wären auf einen Schlag wieder konkurrenzfähig.

Wolff: Abwertungen haben in der Vergangenheit höchstens kurzfristige Verschnaufpausen gebracht. Aber sie haben nicht wirklich langfristig Beschäftigung geschaffen. Die Arbeitslosigkeit in Italien ist jetzt ungefähr auf dem Niveau, auf dem sie 1998, vor der Einführung des Euro, war. Die Produktivitätszahlen in Italien sind seit mehr als 20 Jahren dramatisch schlecht. Italien hat am Anfang der Währungsunion nicht verstanden, dass nun andere Spielregeln gelten und die Löhne nicht einfach viel stärker als in den Nachbarländern steigen können. Insofern hat Italien jetzt tatsächlich ein enormes Anpassungsproblem. Ein Ausstieg würde aber dramatische Konsequenzen haben und nicht wirklich helfen.

SPIEGEL ONLINE: Was passiert eigentlich mit den französischen Staatsschulden, wenn in Frankreich Marine Le Pen triumphiert und den Franc wieder einführt?

Wolff: Wenn Marine Le Pen gewinnt, will sie ein Referendum durchführen. Und wenn das Referendum dann positiv ausfällt, könnte sie von Euro auf Franc als offizielles Zahlungsmittel umstellen. Das ist für alle Verträge, die nach französischem Recht abgeschlossen wurden, grundsätzlich möglich. De facto wäre das aber ein Staatsbankrott, weil die neue Währung im Vergleich zum Euro abwerten wird. Frankreich würde seine Glaubwürdigkeit einbüßen und Finanzierungskosten würden in die Höhe schnellen.

SPIEGEL ONLINE: Was hieße das konkret, zum Beispiel für Unternehmen?

Wolff: Das kommt darauf an. Viele Unternehmen haben erhebliches Eigentum außerhalb von Frankreich und Verträge auch nach internationalem Recht abgeschlossen. Wer in Euro verschuldet bliebe, hätte große Probleme. Wer dagegen Euro-Vermögen besäße, stünde gut da. "Frexit" wäre wie Würfeln, einige würden gewinnen, andere verlieren. Aber insgesamt käme es zu schweren Verwerfungen auch beim Handel, und die französische Wirtschaft würde leiden.

SPIEGEL ONLINE: Und die Finanzmärkte?

Wolff: Es würde einen globalen Finanzschock geben. Weil Frankreich so vernetzt ist mit dem gesamten globalen Finanzsystem, würde das einen massiven Infarkt für das gesamte Finanzsystem bedeuten. Die finanziellen Verwerfungen im Euroraum wären unkalkulierbar.

SPIEGEL ONLINE: Was wären die Auswirkungen für den Rest der Eurozone, also vor allem für Deutschland?

Wolff: Ein großes historisches Projekt würde auseinanderfallen, mit unkalkulierbaren politischen Konsequenzen. In der Folge würden wahrscheinlich auch Italien und die anderen Länder Südeuropas austreten. Die alte D-Mark-Zone, also die Benelux-Länder, Deutschland, vielleicht noch die Balten, die Slowakei und Österreich, könnten eine Art Nord-Euro aufmachen. Dieser würde massiv an Wert gewinnen. Deutsche Unternehmen müssten dann damit zurechtkommen, dass ihre Produkte 10, 20 oder 30 Prozent teurer würden im globalen Wettbewerb. Aber wir hoffen jetzt erst einmal, dass es nicht so weit kommen wird.

insgesamt 132 Beiträge
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Seite 1
cosmo9999 13.03.2017
1. man man
verbreitet doch nicht immer angebliche Horrorszenarien von Leuten die absolute Nutznießer des Europäischen System sind. Sie würden ja auch nur Gutes über ihre Arbeitgeber berichten, solange sie einkommenstechnisch von ihm abhängig sind. Ein bißchen mehr Statements von unabhängigen Quellen und nicht von Lobbyisten
auweia 13.03.2017
2. Das Ende des Euros...
Das Ende des Euros muss nicht das Ende der EU sein. Ich bin ein großer Freund Europas und der EU. Aber der Euro (so wie wir ihn jetzt kennen und so wie er verwaltet wird) kam zu früh und zu unkontrolliert. Die Anhänger der "Krönungstheorie" hatten Recht. Ich wäre für eine Beendigung dieses Experiments - bis eine vereinheitlichte Managementstruktur steht. Eine EU die ähnlich tickt, gleiche Werte hat und international koordiniert auftritt muss nicht notwendig auch eine gemeinsame Währung haben.
spiegelobild 13.03.2017
3.
Herr Wolff tut so, als gäbe es keine großen Probleme und die Stimmen, die für einzelne Länder einen Austritt aus dem Euro fordern, aus nationalistischem Übermut kommen und nicht aufgrund der Krisensituation der Eurozone. Er bietet keinerlei Krisenlösungen an, außer dass die Italiener besser arbeiten sollen. So kann man die Krise nicht aussitzen.
tropfstein 13.03.2017
4. Es ist ein kulturelles Problem
Entgegen allem Gerede ist der Euro eine großartige Sache - auch und gerade für wirtschaftlich Schwache Länder wie Litauen oder die Slowakei. Wenn, ja wenn man sich anndie Regeln hält und mittelfristig nur so viel ausgibt wie man einnimmt. Das haben die Franzosen und Italiener früher nicht gemacht, die hatten eher eine Schulden-und-Weichwährungskultur. Und Kultur ändern ist immer schwer.
Ottokar 13.03.2017
5. Kaffeesatzleserei
denn erstens kommt es anders und zweitens als man denkt. Übrigens sind deutsche Produkte derzeit schon teuer als die der anderen Länder und trotzdem werden sie gekauft. Es gibt auch Produkte die nur aus Deutschland zu haben sind und dabei rede ich nicht von Autos.
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