Frankreich-Herabstufung Der heilsame Schock

Schuldenkrise, war's das schon? Leider nein. Dass Frankreich nun seine Rating-Bestnote verliert, zeigt einmal mehr: Die alten, fatalen Mechanismen an den Finanzmärkten sind noch intakt. Die Herabstufung könnte eine nützliche Warnung sein.
Bankenviertel Canary Wharf: Hier lässt sich mit Staatsanleihen prächtig reich werden

Bankenviertel Canary Wharf: Hier lässt sich mit Staatsanleihen prächtig reich werden

Foto: Oli Scarff/ Getty Images

Es war eine Woche der Euphorie - bis Freitagnachmittag. Die Anleger rissen sich förmlich um die frischen Anleihen von Spanien und Italien. Bei den längerlaufenden Papieren, die Italien versteigerte, war die Begeisterung am Freitagmorgen schon nicht mehr so groß. Aber auch hier: Niedrigere Zinsen, mehr Vertrauen also in Italiens Staatsfinanzen. Doch dann ließ am frühen Abend die drohende Herabstufung Frankreichs durch die Rating-Agentur Standard & Poor's die Euphorie jäh verfliegen.

Bis Donnerstag hätte sich die Erholung mit etwas Wohlwollen so erklären lassen: Die Krisenmanager in den Hauptstädten der Euro-Zone und in der Europäischen Zentralbank (EZB) haben im Prinzip alles richtig gemacht. In Rom und Madrid sind neue Regierungschefs angetreten, die glaubwürdig fürs Sparen stehen. Mit ihrem gemeinsamen Fastenschwur namens Fiskalpakt machen die meisten EU-Staaten deutlich, dass sie nie wieder über ihre Verhältnisse leben werden. Der Problemfall Griechenland wurde per Rettungsschirm unter Quarantäne gestellt, um die Ansteckungsgefahr zu minimieren. Und auch die Notenbanker spielen mit: Dank der Großzügigkeit der EZB können sich die Banken zu extrem günstigen Konditionen frisches Geld leihen. Geld, das sie anschließend in Form von Krediten an Unternehmen weiterreichen, die damit ihre Investitionen finanzieren und die Konjunktur stützen. Krisenmanagement wie aus dem Lehrbuch.

Doch in Wahrheit handelt es sich eher um ein weiteres, trauriges Kapitel aus dem schier endlosen Krisenepos. Denn hinter der gestiegenen Nachfrage nach Anleihen aus Spanien und Italien steht eben keine substantielle Erholung. Sie wird vor allem gespeist durch den Geldregen der EZB. Noch immer liegen die Zinsen für spanische Anleihen bei 3,38 Prozent für Dreijahresanleihen, für italienische bei 4,83 Prozent. Deutlich höher, als die Niedrigstzinsen, zu denen sich die Banken bei der EZB derzeit Geld leihen können. Gleichzeitig akzeptiert die EZB Staatsanleihen problemlos als Sicherheit für neue Kredite - die sich dann wiederum in Staatsanleihen anlegen lassen. Und so weiter, und so fort. Mit jeder Runde des Spiels wird eine Handvoll Investmentbanker noch ein bisschen reicher - und ein Staat rückt dem Bankrott ein Stück näher.

Das Frankreich nun seine Bestnote verliert, zeugt davon, wie wenig sich - jenseits von hochfliegenden Ankündigungen - wirklich getan hat in der Finanzpolitik der europäischen Staaten. Hinter vorgehaltener Hand sprechen Banker gerne vom faustischen Pakt, den sie vor Jahren mit der Politik eingegangen seien: Die EZB sorgt für niedrige Zinsen, die Banken leihen sich billiges Geld bei der Notenbank und kaufen großzügig Staatsanleihen. Mit der Eskalation der Schuldenkrise war das Finanzierungskarussell kurz zum Stillstand gekommen. Anfang der Woche nahm es wieder Fahrt auf. Jetzt hat Standard & Poor's einmal mehr auf die Bremse getreten. Es könnte eine heilsame Warnung sein vor vorschneller Euphorie.

Sicher, je niedriger die Anleihenzinsen, desto einfacher lassen sich die Staatshaushalte in Ordnung bringen. Bis zu einem gewissen Grad ein wünschenswerter Effekt: Kein Staat, der zweistellige Zinssätze für seine Schulden zahlen muss, wird sich jemals aus dem Schuldensumpf herausarbeiten können.

Doch künstlich niedrig gehaltenen Zinsen bedeuten stets auch eine Versuchung für Politiker, weiterhin über ihre Verhältnisse zu leben. Diese Gefahr ist real. Jörg Asmussen, der deutsche Vertreter im Direktorium der Europäischen Zentralbank, warnt bereits vor einer Verwässerung des europäischen Fiskalpakts.

Auf einem Karussell dreht man sich mal schneller, mal langsamer. Vorwärts kommt man nie.

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