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Frankreich: Mit Regionalgeld gegen die Krise

Foto: La Bogue

Ersatzwährungen in Frankreich Bezahlen mit Bienen

In Frankreich haben lokale Zahlungsmittel Konjunktur: Dutzende von Kleinwährungen sollen mit bunten Scheinen die örtliche Wirtschaft und den sozialen Zusammenhalt fördern - und ein Zeichen gegen Finanzkrise und Börsenspekulationen setzen.

"Zwei trockene Weißwein, macht vier sechzig", knurrt Jo Martinez und schiebt den kleinen Blechuntersetzer mit der Rechnung über den Tresen. Der grauhaarige Kunde klaubt eine blaue Fünfer-Note aus seinem Portemonnaie und Jo kassiert, ohne mit der Wimper zu zucken. Dabei ist der Schein, den der 59-jährige Kneipier des "Café Couleur" ganz selbstverständlich in die Kasse packt, kein Euro, sondern bloß ein Papier mit dem Aufdruck "La Bogue" - "Kastanienschale".

Willkommen beim alternativen Zahlungsverkehr von Aubenas. Die Stadt im südfranzösischen Département Ardèche ist nicht nur bekannt für ihr mittelalterliches Schloss, ihre Kirchen und die heimischen Produkte aus Esskastanien. Die 12.000-Einwohner-Gemeinde (Motto: "Wir hören nicht auf, Sie zum Träumen zu bringen.") sorgt auch durch ein ungewöhnliches Wirtschaftsexperiment für Schlagzeilen. Seit 2012 zirkulieren in Geschäften rund um das pittoreske Zentrum neben dem Euro die bunten Scheine der Lokalwährung - ganz legal.

Die Papiere, die ähnlich aussehen wie das Spielgeld von "Monopoly", existieren nicht nur in Aubenas. Von der Bretagne bis zum Baskenland, vom Elsass bis an die Mittelmeerküste existieren in Frankreich bereits 17 Ersatzwährungen. Die Idee ist simpel und auch aus Deutschland bekannt: Örtlich zirkulierende Scheine, im Wert dem Euro gleichgestellt, sollen den lokalen Wirtschaftskreislauf stärken und den Zusammenhalt zwischen Produzenten und Verbrauchern festigen.

"Den sozialen Zusammenhalt fördern"

In Zeiten der Euro-Krise, so die Zeitung "Le Parisien", gilt der Griff zur "ganz eigenen Währung" als Heilmittel wider den "Wahn der Finanzmärkte und der Börsenspekulation". In der Ardèche zirkulieren neben der "Kastanienschale" daher noch "Goldkäfer", in Saint Etienne ist die "Kartoffel" im Umlauf, in Grenoble die "Sonnenblume". In Angers schuf man die "Muse" in Villeneuve-sur-Lot heißt das Lokalgeld "Biene". Und wer in der Südbretagne die Fischer und Bauern fördert will, bezahlt in Concarneau oder Quimper mit der "Sardine". In einem halben Dutzend weiterer Ortschaften sind Lokalwährungen in Vorbereitung, selbst im Großraum Paris.

In Aubenas startete Bertrand Blaise das Projekt zusammen mit einer Handvoll Freunden eines alternativen Kulturvereins: "Alt-Hippies, Globalisierungsgegner und Öko-Aktivisten", schmunzelt der Geograf, der beim Gemeindeverband arbeitet. Die bunte Truppe konnte sich dabei an historischen Vorbildern orientieren. Denn als nach dem Zweiten Weltkrieg in Aubenas Geldscheine fehlten, ließ die örtliche Handelskammer Coupons drucken, um den stagnierenden Warenaustausch anzuschieben. Das funktionierte jedoch nur so lange, bis die Notenbank Ende der vierziger Jahre wieder genügend Francs in Umlauf brachte.

"Mit unserer Lokalwährung knüpfen wir an diese Erfahrung. Wir wollen die Solidarität zwischen Produzenten und Verbrauchern stärken und zugleich den sozialen Zusammenhalt fördern", erklärt Blaise den ideologischen Überbau der Zusatzwährungen, von denen weltweit rund 5000 im Gebrauch sind. Vor Ort, in Aubenas, bedarf es dazu der Vereinsmitgliedschaft, erhältlich für einen symbolischen Euro. Dazu tauscht man nach Belieben Euro in "La Bogue" und nutzt zum Einkauf bei den beteiligten Händlern, die ihrerseits die Zusatzwährung zum Einkauf bei ihren Zulieferern nutzen. "Im Idealfall zirkulieren die Scheine in einem engen Netzwerk regionaler Akteure und kurbeln untereinander den Austausch an", erklärt Blaise.

Die Idee ist gut, die Abrechnung umständlich

Zielgruppe sind die Bauern und Händler des Umlands. "Wir sind nicht sektiererisch oder ökologisch korrekt", sagt Blaise, "jeder kann mitmachen." Das örtliche Lebensmittelgeschäft nimmt die "Kastanienschale" an, der Pony-Hof vor den Toren der Stadt, ein Friseur, ein Bauunternehmer und eine Autowerkstatt. Immerhin haben sich sechs Gemeinden im Umland mit für die Lokalwährung engagiert und sind im Gegenzug auf den Scheinen mit ihren Wahrzeichen abgebildet.

Dennoch ist der Rahmen des Versuchs auch zwei Jahre nach dem Start noch eher bescheiden. In einem Radius von gut 25 Kilometern rund um Aubenas sind ganze 4000 Einheiten von "La Bogue" im Umlauf. Am Marktplatz vor dem Schloss hat Patrick Vialle an diesem Sonntagmorgen gerade mal eine Handvoll "Bogue" kassiert. "Die Idee ist gut", sagt der Gemüsebauer, "aber die Abrechnung mit der zweiten Währung umständlich." Auch Jean, Verkäufer der Back-Kooperative "Les Co'Pains" ("Handgemachte Bio-Brote, gebacken im Holzofen") findet nur fünf "Bogue" in seiner Kasse: "Ich bin auch noch nicht so lange dabei", meint er entschuldigend.

"Kein Problem", meint Mit-Initiator Blaise, "uns geht es in erster Linie ja nicht um wirtschaftlichen Erfolg, es geht um die Reduzierung der ökonomischen Kreisläufe auf ein überschaubares, menschliches Maß", sagt der Familienvater. Und dann habe "La Bogue" noch einen praktischen Vorteil: "Wenn mir die Kinder zum Ausgehen am Samstagabend die Euros aus dem Portemonnaie stibitzen, bleibt mir am Sonntagfrüh noch immer genug Geld für den Einkauf von Baguette und Croissants."