Billigkonkurrenz aus der EU Frankreichs Winzer sehen rot

Französischer Rotwein ist Genussmittel und höchstes Kulturgut zugleich. Doch die Weinbauern sehen sich von der EU nicht genügend gegen Billigkonkurrenz aus Spanien geschützt - und gehen auf die Barrikaden.

Rotwein fließt aus einem gekaperten spanischen Tankwagen (im April 2016)
AFP

Rotwein fließt aus einem gekaperten spanischen Tankwagen (im April 2016)

Von , Paris


Vollgelaufene Keller, überschwemmte Tiefgaragen, Sturzbäche auf dem "Quai d'Orient", Blaulicht und Sirenen: Bei einem Noteinsatz im Herzen der malerischen Hafenstadt Sète fuhren Polizei und Feuerwehr auf, Pumpfahrzeuge waren über eine Stunde vor Ort.

Der Grund für die Sintflut, die sich Dienstagnacht über die Straßen des Mittelmeerortes in der bei Touristen so beliebten Region Languedoc-Roussillon ergossen hatte, war keine Naturkatastrophe - sondern Sabotage.

Aktivisten des Regionalkomitees Aktion Weinbau (CRAV) hatten fünf Tanks des Weingroßhandels Biron geöffnet - bis zu 50.000 Liter Rotwein schwappten über die Avenue du Maréchal Juin und ergossen sich bis in den nahen Quai d'Orient. "Ein kräftiger Geruch von Rotwein war wahrnehmbar", berichtete der Regionalsender France3.

Mit der brachialen Aktion protestieren die "zornigen Winzer" gegen die anhaltenden Billigimporte aus Spanien, die den französischen Markt aufmischen. "Man hört uns nicht an", sagt ein Vertreter der Untergrundorganisation. Die eigenen Gewerkschaften hätten tatenlos zugesehen, wie die Billigkonkurrenz immer mehr Marktanteile gewinne. Also habe man die Sache selbst in die Hand genommen.

Der Anschlag auf die Tanks von Sète ist nicht die erste Aktion von CRAV. Im April hatten Winzer aus der Grenzregion Ost-Pyrenäen bei einer falschen "LKW-Kontrolle" Tankwagen an der Auffahrt auf die Autobahn A9 gestoppt. Rund 600 Hektoliter Rotwein, bestimmt für den französischen Markt, ergossen sich in den Straßengraben.

Die Hijacking-Aktion führte zu diplomatischen Verwicklungen, die Regierung in Madrid bestellte Frankreichs Botschafter ein und verwahrte sich gegen die "flagrante Verletzung von Grundprinzipien der EU - wie den freien Warenverkehr unter Mitgliedstaaten".

Französische Winzer leeren spanischen Weintank (Archivbild)
AFP

Französische Winzer leeren spanischen Weintank (Archivbild)

Der "Krieg des Weins", wie ihn manche nennen, war damit noch nicht beendet. Der Zorn der militanten Aktivisten ist seit April eher noch gestiegen. Im Juli hatte ein Kommando die Büros eines Grossisten bei Béziers verwüstet, wenig später ging die Probierstube eines Händlers im Ort Ouveillan in Flammen auf.

Ohnehin ist die Wut der Winzer über unfairen Wettbewerb nur Teil einer breiteren Bewegung von Frankreichs Landwirten. Wein-, Gemüse- und Milchbauern, Rinderzüchter wie Eier-Farmer fürchten angesichts von Billigimporten um ihre Existenz. Einige von ihnen blockierten Anfang Juli die Rheinbrücken nach Deutschland mit ihren Traktoren, ebenfalls aus Protest.

In Languedoc-Roussillon hat sich der Konflikt zuletzt deutlich zugespitzt: "Wir können nicht verstehen, warum das Importvolumen spanischer Weine 2015 von zwei auf 7,2 Millionen Hektoliter zugenommen hat", erregt sich ein Winzer.

Mit den Billigmarken zu rund 32 Euro pro Hektoliter können die örtlichen Weinbauern nicht konkurrieren - hier kostet der Hektoliter im Schnitt doppelt so viel. Der Grund, so die Vermutung: Der Rote aus Spanien sei mit Rebensaft aus Chile oder Argentinien verschnitten.

Ein Unding, verteidigen sich Spaniens Hersteller: "Die Vorstellung, dass wir unseren Wein mit günstigen Weinen aus Übersee vermischten, ist absurd", sagte Rafel del Rey vom Nationalen Handelsverband dem britischen "Observer". "Wir brauchen keine Importe, wir produzieren selbst genug." Spaniens Exporte seien wegen der hohen Nachfrage auf Rekordniveau. "Die französischen Unternehmen machen damit große Profite."

Striktere Kontrollen fordern jedoch nicht nur die kleinen französischen Winzer, sondern auch der Verband der lokalen Wein-Kooperativen (CCVF): "Nicht hinnehmbar ist der übertriebene Zugriff vieler regionaler Händler auf spanische Weine, die nicht zu denselben Umwelt- und Verbraucherauflagen hergestellt werden wie französische Weine", heißt es beim CCVF. Man brauche "möglichst schnell" Richtlinien für das gesamte EU-Gebiet.

Auf Hilfe aus Brüssel wollen die militanten Winzer jedoch nicht mehr warten. "So geht es nicht weiter, wir werden einen Schritt zulegen", sagt ein CRAV-Aktivist und warnt vor neuen Schlägen gegen Einzelhandelsriesen, Verbrauchermärkte und mächtige Handelsketten: "Sollten die nicht mitspielen", so die unverhohlene Drohung, "dann werden wir denen bei Gelegenheit einen 'Höflichkeitsbesuch' abstatten."

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insgesamt 253 Beiträge
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folchupichu 07.08.2016
1.
Spanischer Rotwein ist einfach günstiger und besser!
vukoff 07.08.2016
2.
Französischer Wein ist: 1. Völlig überbewertet 2. Völlig überteuert. Nicht, dass er nicht lecker wäre aber Mondpreise sind in Zeiten der globalen.. bzw. hier freien EU Marktwirtschaft nicht mehr einforderbar.
lezel 07.08.2016
3. Sachbescchädigung
Man sollte nicht jedem Kriminellen politische Motive unterstellen, auch dann nicht, wenn er sie ausdrücklich für sich reklamiert. Dir "Aktivisten" gehören vor Gericht, sie gehören straf- und zuvilrechtlich zur Verantwortung gezogen, und wenn sie dann irgendwann all ihre Schulden bezahlt haben, dann können sie ja darüber nachdenken, welche Mittel die Demokratie ihnen bietet, Mehrheiten zu überzeugen und damit Politik zu gestalten. Nur: Mehrheiten überzeugen können sie eben nicht. Denn die meisten Menschen haben gar nichts dagegen, einen gleich guten Weil für weniger Geld zu kaufen. Das ist also völlig in Ordnung. Genau darum greifen sie zur Gewalt. Der "Aktivismus" ist das Eingeständnis des Scheiterns.
rubikon2016 07.08.2016
4. Richtig so!
Immer wieder müssen uns die Franzosen zeigen, wie man sich gegen diesen verdammten, angeblich alternativlosen freien Markt wehren sollte. Das einzige, was ein unregulierter Markt erzeugt, sind Monopole, ein Absenken von Umweltschutzstandards, Arbeitslosigkeit, ein Anwachsen des Niedriglohnsektors, Korruption und Vetternwirtschaft. Für den Durchschnittsbürger und kleine Unternehmen bringt er keine Vorteile, außer, daß wir nur noch Kleidung und Unterhaltungselektronik Made in Fernost kaufen können!
andy_bcn 07.08.2016
5. unakzeptabel
Das Verhalten der französischen Winzer ist völlig unakzeptabel. Die Landwirtschaft wird prima subventioniert, auch in Frankreich. Wenn die teurer produzieren, müssen sie halt bessere Qualität liefern. Oder sich einen anderen Beruf suchen.
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