Frankreichs Wirtschaft Gute Lage, schlechte Laune

Die Arbeitslosigkeit sinkt rapide, das Wachstum ist so hoch wie lange nicht. Frankreichs Wirtschaft brilliert, doch die Franzosen freuen sich kaum. Das liegt auch am Ego von Präsident Macron.
Macron-Statue beim Karneval in Nizza

Macron-Statue beim Karneval in Nizza

Foto: JEAN-PIERRE AMET/ REUTERS

Frankreichs Wirtschaft liefert klare Signale: Noch nie arbeiteten so viele Beschäftigte links vom Rhein wie heute. Nie zuvor sank in Frankreich die Arbeitslosigkeit so schnell wie heute. Doch Achtung: Bloß nicht jubeln!

Das würde nicht zum Selbstbild der Franzosen passen. Seit Jahren klagen sie über ihre wirtschaftliche Lage, gerade im Vergleich zum angeblich so privilegierten Deutschland. Daran soll sich nichts ändern.

Doch die Zahlen sprechen inzwischen eine ganz andere Sprache. In den vergangenen Tagen korrigierte das staatliche französische Statistikinstitut INSEE gleich mehrere Kennziffern für das große französische Selbstmitleid, und zwar dramatisch.

Auf 19,3 Millionen stieg laut INSEE in Frankreich die Zahl der Beschäftigten in der Privatindustrie im Jahr 2017 - ein historischer Rekord. Den letzten erreichte das Land im März 2008, vor der internationalen Finanzkrise.

Bedenkt man die Stimmung im Land etwa vor einem Jahr, als im französischen Präsidentschaftswahlkampf ständig vom Niedergang der eigenen Industrie die Rede war, kann sich der neutrale Beobachter nur wundern: Offenbar geht es den Franzosen doch besser, als sie es zugeben wollen.

Denn auch die zweite, stets bemühte Kennzahl für das französische Kollektivleid, die Arbeitslosigkeit, nahm 2017 rapide ab. Von Ende 2016 bis Ende 2017 sank die die französische Arbeitslosigkeit um 1,1 Punkte auf 8,9 Prozent. Nie zuvor seit Beginn der INSEE-Erhebungen im Jahr 1975 fiel die Arbeitslosigkeit so schnell wie in den letzten vier Monaten des vergangenen Jahres.

Berücksichtigt man die französischen Überseegebiete mit ihrer traditionell schwierigen Beschäftigungslage nicht, liegt die Arbeitslosigkeit in Frankreich nun bei 8,6 Prozent. Das ist guter EU-Durchschnitt. Der Rückgang betraf zudem alle Kategorien. Die durch ihre sozialen Auswirkungen besonders problematische Jugendarbeitslosigkeit sank von 25 auf etwa 20 Prozent. Sogar die schwer zu senkende Zahl der Langzeitarbeitslosen nahm im Jahresverlauf um 0,7 auf 3,6 Prozent der Bevölkerung ab.

Schon im Januar hatte INSEE ein Wirtschaftswachstum von 1,9 Prozent für 2017 gemeldet, das höchste seit sechs Jahren. Für das Jahr 2018 prognostiziert das Institut nun weitere zwei Prozent Wachstum.

Das Handelsdefizit wächst immer noch

Doch wie gesagt: Kein Grund zum Jubeln. "Für uns ist das alles noch der Anfang", kommentierte der französische Finanz- und Wirtschaftsminister Bruno Le Maire die Zahlen. "Echte Ergebnisse werden wir an der Arbeitslosenfront erst in zwei Jahren verbuchen." Warum trug Le Maire angesichts der spektakulären Verbesserung den Kopf nicht ein bisschen höher?

Einerseits gibt es für die Zurückhaltung des Ministers ein gewichtiges wirtschaftliches Argument. Noch immer nimmt das französische Außenhandelsdefizit zu. Im vergangenen Jahr belief es sich auf 62,3 Milliarden Euro, ein Anstieg um 28,9 Prozent im Vergleich zum Vorjahr.

Der Anstieg erklärt sich nicht nur durch die gestiegenen Ölpreise, sondern vor allem durch das französische Wachstum. Steigende Investitionen der Privatunternehmen in Frankreich führten 2017 zu mehr Einkäufen deutscher Werkzeugmaschinen und japanischer Roboter. Und steigender Konsum der französischen Privathaushalte führte zum Import von mehr chinesischer und osteuropäischer Ware.

Was zum Teil erklärt, dass französische Unternehmen trotz Rekordbeschäftigung globale Marktanteile verloren. Ihr Anteil an den weltweiten Exporten sank 2017 auf drei Prozent. Im Jahr 2000 lag er noch bei 4,7 Prozent. Das spricht für eine anhaltende Wettbewerbsschwäche der französischen Industrie. Sie verkaufe spanische Qualität zu deutschen Preisen, lautet ein häufiger Vorwurf. Aber Vorsicht: Der Vorwurf ist alt.

Tatsächlich hat die Regierung in Paris ein starkes Eigeninteresse daran, die wirtschaftlichen Erfolge herunterzuspielen. Denn sie gehen nicht auf das eigene Konto. So hoch der Stern von Präsident Emmanuel Macron bereits stehen mag, so wenig ist Frankreichs wirtschaftlicher Erfolg bisher sein Werk.

Macron möchte die Lorbeeren zur Wahl

Die konservative Tageszeitung "Figaro" nannte jetzt drei naheliegende Gründe für das französische Comeback: Erstens die vor vier Jahren gestartete Angebotspolitik von Macrons Amtsvorgänger François Hollande, zweitens die gute internationale Konjunkturlage und drittens der allgemeine Vertrauensgewinn in Frankreich seit der Wahl Macrons im vergangenen Mai. Mit Macrons konkreter Politik, seinen Arbeitsreformen, die erst im September starteten, hatten all diese Faktoren nichts zu tun.

Also sagte Macron vergangene Woche: "Mich kümmert zu diesem Zeitpunkt wenig, ob die Leute mir vertrauen, was ihre Kaufkraft betrifft. Wir sind doch alle gleich und würden immer sagen: Wir wollen mehr." Entscheidend an dieser Aussage war der Zusatz "zu diesem Zeitpunkt".

Macron will sich als großer Reformer und treibende Kraft der Wirtschaft feiern lassen - doch nicht jetzt, sondern später, wenn Wahlen anstehen und ihm die Lorbeeren auch wirklich zustehen. Bis dahin dürfte die schlechte Laune der Franzosen noch eine Weile anhalten.

Trotz der guten Wirtschaftszahlen verlor Macron von Januar auf Februar in Umfragen etwa fünf Prozentpunkte an Zustimmung in der Bevölkerung. Erstmals seit Monaten waren wieder mehr Franzosen unzufrieden als zufrieden mit seiner Amtsführung. Als hätten die Franzosen ihren eigenen Erfolg noch nicht verstanden - und würden abwarten, bis Macron ihn verkündet.

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