Frankreichs Präsidentschaftskandidaten Wahlkampf der Wirtschaftspatrioten

Im Wahlkampf der Grande Nation überbieten sich die Kandidaten mit vaterländischen Parolen: "Kauft Französisches", fordern sie von den Bürgern - und "industriellen Patriotismus" von den Firmen. Jetzt schwenkt auch Nicolas Sarkozy auf diese Linie ein.

Sarkozy beim Ski-Hersteller Rossignol: "Produziert in Frankreich!"
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Sarkozy beim Ski-Hersteller Rossignol: "Produziert in Frankreich!"

Von , Paris


Mal klebt die kleine Trikolore auf dem Camembert, mal ziert die Karte in den Farben Frankreichs einen Schinken; ein Aufkleber im Stempel-Look auf Textilien verheißt "Made in France". Qualitätsweinlagen werden geadelt mit der Abkürzung AOC (Appellation d'Origine Controlée), ein poetisches Frauenporträt in Blau-Weiß-Rot verspricht französische Herkunft nach dem Motto: "Rendez-vous en France".

Zwar sind die Symbole verschieden, die Botschaft aber bleibt stets dieselbe - das ausgezeichnete Produkt stammt aus Frankreich, wurde dort hergestellt oder erhielt dort mindestens den entscheidenden letzten Schliff. Über fast ein Dutzend solcher Bezeichnungen verfügt die Republik. Jetzt hat auch Nicolas Sarkozy angesichts des bevorstehenden Wahlkampfs die in der Heimat verankerte Produktion als zugkräftiges Thema entdeckt.

Bei einem Besuch des Ski-Produzenten Rossignol schaltete der Präsident in den Kampagnen-Modus und pries die Fabrikation innerhalb der Landesgrenzen. "Unsere Politik besteht darin, die Unternehmen darin zu bestärken, in Frankreich zu produzieren", so Sarkozy bei seinem jüngsten Abstecher in die Haute-Savoie, "egal ob sie französisch oder ausländisch sind".

Ein eigenes Label soll nach dem Willen des Präsidenten künftig auch Auto-Ersatzteile, elektronische Geräte oder eben Ski-Ausrüstungen zieren: eine naheliegende Idee in Zeiten von Rezession, Firmenpleiten und einer steigenden Arbeitslosigkeit, die Mitte Dezember den Rekordstand von 9,3 Prozent erreichte. Neu ist die Vision der heimisch blühenden Unternehmenslandschaft allerdings nicht.

Auch die Rechte fordert "Kauft Französisches!"

Denn lange bevor der Staatschef das zugkräftige Thema für seinen Wahlkampf wählte, hatten einige Rivalen den Wirtschaftspatriotismus zum Thema gemacht: Marine Le Pen, Chefin des rechtsextremen Front National und erbitterte Gegnerin des Euro, fordert längst: "Kauft französisch." Sie glaubt, mit einer derartigen Wende im Verbraucherverhalten seien innerhalb von fünf Jahren 500.000 Arbeitsplätze zu schaffen.

Der Präsident, dessen Bilanz nach vier Jahren Amtszeit von Finanz- und Wirtschaftskrise gezeichnet ist, beschränkte sich freilich nicht darauf, das Motto zu kopieren, mit dem er hofft, gleichermaßen rechte Nationalisten wie linke Vertreter der Arbeiterklasse zu überzeugen. Bei seiner Ansprache in Sallanches versuchte Sarkozy seine Konkurrenten noch zu übertrumpfen: "Alle Welt spricht von 'Französisch kaufen', ich ziehe es vor zu sagen: Produziert in Frankreich!" Ein nicht unerheblicher Unterschied: Ausländische Unternehmen auf französischem Boden beschäftigen 2,8 Millionen Menschen und sind verantwortlich für knapp 40 Prozent der Exporte.

Nur: Ganz neu ist auch dieses Motto nicht. François Bayrou, Spitzenkandidat der Zentristen, hatte "produzieren in Frankreich" zur "Obsession seiner Kampagne" gemacht. Auf die Aussagen Sarkozys reagierte er belustigt: "Ich bin sehr zufrieden, dass meine Ideen weitere Kreise ziehen und die, die taub und blind gewesen sind, Blick und Gehör wiedergewonnen haben."

Tatsächlich hatte Sarkozy bislang eher andere Töne angeschlagen. "Was den Begriff 'Französisch kaufen' angeht, so muss man ihn mit Takt und Mäßigung verwenden", zitiert die Internetausgabe des Magazins "Marianne" den Präsidenten: "Frankreich ist der viergrößte Exporteur weltweit, der zweitgrößte in Europa, da können wir nicht anstreben, unsere Lokomotiven, Züge und AKW zu verkaufen, und zugleich den Eindruck erwecken, wir seien zartbesaitet und protektionistisch."

"Was zählt, ist, dass wir in Frankreich produzieren"

Das war vor dem Wahlkampf. Vor den Beschäftigten des Sportartikelherstellers Rossignol, der die Produktion seiner Kinder-Skis aus Taiwan zurück nach Frankreich geholt und damit an seinem Stammsitz 40 neue Arbeitsplätze geschaffen hat, gab sich der Kandidat Sarkozy gewandelt. "Es zählt, dass wir in Frankreich produzieren", sagte der selbsternannte Schutzpatron der französischen Wirtschaft. "Ich bin im Prinzip nicht gegen die Errichtung französischer Fabriken im Ausland; es ist normal, dass man in China Autos herstellt, die man in China verkaufen will. Nicht einverstanden bin ich, wenn man im Ausland Wagen produziert, die man anschließend in Frankreich verkauft."

Die Rüge galt dem Autohersteller Renault, der seine Fahrzeuge für den französischen Binnenmarkt in Slowenien herstellen lässt. Peinlich nur für den Präsidenten: Der Staat ist Mitbesitzer des Automobilgiganten und hat den Job-Export in den billigen Osten mit durchgewinkt. Zudem ist der Kauf eines wirklich französischen Autos fast unmöglich: Nicht einmal drei Dutzend aller Modelle, hat das Wirtschaftsmagazin "Challanges" herausgefunden, werden innerhalb der Landesgrenzen montiert.

Selbst Frankreichs Behörden und öffentliche Unternehmen stehen nicht in vorderster Reihe, wenn es um die Anschaffung einheimischer Produkte geht. Der staatliche TV-Sender France2 listete auf, dass etwa die Post den Kauf von 3000 Motorrollern in Taiwan und nicht beim Hersteller Motobecane tätigte und dass die Gesundheitsscheckkarte "Vitale" in Indien und nicht in der Dordogne geordert wurde.

Frankreichs Polizei schießt schon lange nicht mehr französisch

Die Polizei fährt schon längst nicht mehr im Citroën Streife, sondern im Ford oder Subaru - die Pistole kommt seit 2004 nicht mehr aus der Waffenschmiede Manurhin in Mulhouse, sondern vom deutsch-schweizerischen Unternehmen Sig Sauer. Das Gleiche gilt für die Streitkräfte, die ihre Uniformen mal im Maghreb, mal in Sri Lanka schneidern lassen, und auch die Feuerwehr fährt überwiegend in Trucks der Marke Fiat zum Einsatz. Der offizielle Grund: Die Ankäufe für den Staat müssten europaweit ausgeschrieben werden.

Da ist es kein Wunder, dass sich das bereits existierende Staatslabel "Origine Français Garantie" schwertut, seinen Platz unter den anderen patriotischen Herkunftsbezeichnungen zu erobern. Die geografische Qualitätsauszeichnung, die immerhin rund 3000 Euro kostet, ziert gerade mal Produkte von einem guten Dutzend französischer Hersteller. Darunter geräucherte Forelle, Backöfen, Brillengestelle und Bier.

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handknauf 26.12.2011
1.
Zitat von sysopIm Wahlkampf*der Grande Nation überbieten sich die Kandidaten mit vaterländischen Parolen: "Kauft Französisch", fordern sie von den Bürgern - und "industriellen Patriotismus" von den Firmen. Jetzt schwenkt auch Nicolas Sarkozy auf diese Linie ein. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,804677,00.html
Ich finde das gut. Kaufe selber schon seit Jahren keine angelsächsischen/chinesischen Produkte mehr. Wenn es sich vermeiden lässt. Das stärkt die lokale Wirtschaft und entlastet die Gemeinden. Ein Nebeneffekt ist die geringere Ressourcenverschwendung für den Transport unter anderem.
munch 26.12.2011
2. Naja
Zitat von sysopIm Wahlkampf*der Grande Nation überbieten sich die Kandidaten mit vaterländischen Parolen: "Kauft Französisch", fordern sie von den Bürgern - und "industriellen Patriotismus" von den Firmen. Jetzt schwenkt auch Nicolas Sarkozy auf diese Linie ein. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,804677,00.html
Naja, das französische Volk war schon immer rechts angehaucht. Aber was da abläuft ist nur armseliges Wahlkampfgetue mit den billigsten Tricks - und zwar den Patriotismus der Franzosen auszunutzen und mit nationalistischen Gesülze aufzuwerten, damit die Front National nicht so viele Wähler bekommt. Rechtspopulismus und Nationalismus überschwemmt wieder mal Europa - genau wie vor dem 2. Weltkrieg. Immer wenn es irgendwelche Krisen gibt, dann kommen die ganzen rechten Parteien und erzählen die einfachsten Sachen, um die Menschen zu beeinflussen. Und je mehr Einfluss solche Parteien bekommen, desto mehr fahren die ''normalen'' Parteien auf dieser Schiene. Sarkozy ist ein gefährlicher Mann. Der hat ja ohne zu zögern auch Roma-Siedlungen zerstört und hat viele abschieben lassen - und das nur weil er Angst vor der Front National hatte und hat. Natürlich waren da auch welche kriminell. Aber wen wundert es auch ? Armut ist die Krankheit, Kriminalität das Symptom Europa bricht zusammen. Und ich freue mich, aber ich habe auch große Bedenken. Denn was passiert danach ? Werden die Völker in Europa nachdenken und keine nationalistische Parteien wählen oder werden sie so verzweifelt sein und die Probleme in Migranten sehen und dann Parteien wählen, die so drauf sind wie Front National oder die deutsche Partei (mit dem merkwürdigen Namen) ''Die Freiheit'' ? Ich habe da große Zweifel und denke eher, dass es einige Völker solche Parteien wählen werden. Menschen lernen eh nie aus den Fehlern der Vergangenheit und wiederholen sie dann. Reicht ja schon, wenn man die Beiträge im SPON Forum anguckt, wo es um Türkei-News oder Gewalt in einer U-Bahn geht. Da kriegt man ja Gänsehaut.
marypastor 26.12.2011
3. ES geht ja nicht nur um Wirtschaft.
Zitat von sysopIm Wahlkampf*der Grande Nation überbieten sich die Kandidaten mit vaterländischen Parolen: "Kauft Französisch", fordern sie von den Bürgern - und "industriellen Patriotismus" von den Firmen. Jetzt schwenkt auch Nicolas Sarkozy auf diese Linie ein. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,804677,00.html
Wer heute eine Reise nach Paris macht kommt sich fast vor wie in Nigerien. Ich kenne Paris noch aus den 50-ziger Jahren. Andere Zeiten, anderes Flair, Marcel Marceau, George Brassens. Wenn der Zustrom afrikanischer Voelker nach Frankreich nicht gestoppt werden kann, wird das bald kippen, und dann waehlen die Franzoen wirklich rechts.
diefreiheitdermeinung 26.12.2011
4. Aha
Zitat von sysopIm Wahlkampf*der Grande Nation überbieten sich die Kandidaten mit vaterländischen Parolen: "Kauft Französisch", fordern sie von den Bürgern - und "industriellen Patriotismus" von den Firmen. Jetzt schwenkt auch Nicolas Sarkozy auf diese Linie ein. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,804677,00.html
"Nicht einverstanden bin ich, wenn man im Ausland Wagen produziert, die man anschließend in Frankreich verkauft." bloed aber auch, dass ich einen Renault gekauft habe statt einen Volkswagen. Aber weil es "nicht ok" ist im Ausland zu produzieren nehme ich an, dass Frankreich nun ein Exportverbot fuer die in F hergestellten Wagen erlassen wird. Ach was; das ganze ist einfach nur hanebuechener Unsinn!
bürgerxx 26.12.2011
5.
... Wenn der Zustrom afrikanischer Voelker nach Frankreich nicht gestoppt werden kann, wird das bald kippen, ... Im Umkehrschluss - Wenn jede Nation nur noch die im eigenen Land produzierten Güter kauft, brechen die Exporte/Importe ein. Bei 7 Mrd. Menschen die einen ähnlichen Lebensstandart anstreben oder auch nur Nahrung und Arbeit möchten, gehen diese halt dorthin wo sie Nahrung und Arbeit vermuten - Europa eben. Nahrung und Wohnraum ist hier das kleinere Problem.
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