Kommentar zur Papst-Rede im EU-Parlament Franziskus, lies ihnen die Leviten!

Der streitbare Papst Franziskus spricht heute im Europäischen Parlament. Höchste Zeit für eine donnernde Moralpredigt. Hier schon mal ein Entwurf.
Papst Franziskus: Reichlich Stoff für eine Moralpredigt

Papst Franziskus: Reichlich Stoff für eine Moralpredigt

Foto: AP/dpa

Der letzte Papst, der dem Europaparlament einen Besuch abstattete, war Johannes Paul II. - im Jahr 1988. Damals stellte sich dem Heiligen Vater eine echte Missionsaufgabe: Der Eiserne Vorhang war noch nicht gefallen, der Kontinent tief gespalten. Wenn am Dienstag der Argentinier Franziskus dort spricht, sind Mauern mit Stacheldraht und Schießbefehl nur noch Geschichte. Aber an ihre Stelle sind andere Grenzen getreten, sie stützen sich auf Gleichgültigkeit und Ignoranz. Deswegen muss dieser Papst genauso wie sein Vorgänger als Missionar für Europa wirken. Er sollte die Politiker und mit ihnen die 500 Millionen EU-Bürger an drei unbequeme Wahrheiten erinnern, die moralische statt nur politische Antworten verlangen.

Du sollst nicht töten: An Europas Grenzen sind allein dieses Jahr mehr als 3000 Menschen gestorben, deren einzige Sünde darin bestand, eine bessere Zukunft zu suchen. Europa kann gewiss nicht alle Flüchtlinge dieser Welt retten. Aber Deutschland und andere Staaten fordern nun, das erfolgreiche Seerettungsprogramm "Mare Nostrum" einzustellen, weil derlei Hilfe nur mehr Flüchtlinge anlocke. Das ist menschenverachtend. Oder sollen Ertrunkene ernsthaft zur Abschreckung dienen?

Hochmut und Geiz sind Todsünden: Selbst Schuld, lautet gerade in Deutschland oft die Reaktion, wenn sich ganze Generationen in den Krisenstaaten im Süden des Kontinents um ihre Lebenschancen gebracht sehen. Stimmt aber nur bedingt - das Staatsversagen in Griechenland und anderswo hat auch viele unschuldige Bürger getroffen. Zudem haben sehr viele Europäer, auch viele Deutsche, bei jener Großzockerei mitgemacht, die zur Krise führte - und haben die Konstruktionsfehler der Währungsunion zu lange ignoriert. Diese zu reparieren muss ein Solidarakt sein. Gerade für Deutschland, das von Europa profitiert hat wie kein anderes Land.

Pharisäer kommen nicht ins Himmelreich: Ist alles schon legitim, nur weil es legal ist? Dazu könnte Papst Franziskus sich direkt an Kommissionspräsidenten Jean-Claude Juncker wenden, der in diesen Tagen ein Misstrauensvotum im Parlament überstehen muss. Als die Lux-Leaks enthüllten, in welchem großen Ausmaß er sein kleines Großherzogtum in eine Anlaufstelle für Steuervermeider verwandelt hat, rechtfertigte sich der Luxemburger damit, nie gegen geltendes Recht verstoßen zu haben. Er zeigte auf andere Staaten wie die Niederlande, die ganz ähnlich agiert hätten. Wird Junckers früheres Verhalten damit europäisch verantwortungsbewusster? Natürlich nicht. Juncker will nun endlich Initiativen gegen Steueroasen anstoßen. Franziskus sollte ihn ermutigen und daran erinnern, dass wir von Sündern TÄTIGE Reue erwarten.

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