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05. März 2012, 14:44 Uhr

Frauen in Europa

Deutschland ist bei Lohn-Diskriminierung spitze

Weniger Gehalt, geringere Karrierechancen und kaum familienfreundliche Strukturen: Frauen in Deutschland haben im Beruf viel weniger Chancen als Männer, kritisiert die OECD. In keinem anderen europäischen Land ist der Lohnunterschied zwischen den Geschlechtern demnach größer.

Berlin - Deutsche Politiker und Unternehmen reden zwar viel über Gleichberechtigung im Beruf, in der Realität haben Frauen aber meist die schlechteren Karten. Zu diesem Ergebnis kommt die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD). Demnach ist in keinem anderen europäischen Land das Lohngefälle zwischen Frauen und Männern so groß wie in Deutschland.

Vollzeitbeschäftigte Frauen verdienen durchschnittlich 21,6 Prozent weniger als ihre männlichen Kollegen, teilte die OECD mit. In den 34 Industriestaaten, die sich in der Organisation zusammengeschlossen haben, liegt die Differenz im Schnitt bei 16 Prozent. In Norwegen etwa bekommen Frauen lediglich 8,4 Prozent und in Belgien 8,9 Prozent weniger als ihre männlichen Kollegen.

Deutsche Behörden haben sogar eine noch krassere Lohnkluft errechnet als die OECD. Laut Statistischem Bundesamt verdienten Frauen 2010 im Schnitt 23 Prozent weniger als Männer.

Doch nicht nur in Sachen Lohn hinkt Deutschland hinterher. Die OECD kritisiert auch den Anteil von Frauen in Spitzenjobs in deutschen Firmen. "Auch was die Anzahl der Frauen in Führungspositionen angeht, ist Deutschland im internationalen Vergleich weit abgeschlagen", hieß es. "Auf kaum vier von hundert Vorstandsposten findet sich hierzulande eine Frau."

Im OECD-Schnitt liegt die Frauenquote in Aufsichtsräten bei zehn Prozent. Den höchsten Anteil an Frauen in Führungspositionen gibt es in Norwegen, das Land hat 2006 eine Frauenquote von 40 Prozent eingeführt. Auch in Schweden, Frankreich, Finnland und der Slowakei ist der Anteil von Frauen im Top-Management mit 15 bis 20 Prozent vergleichsweise hoch.

EU-Kommissarin will Firmen per Gesetz Druck machen

In vielen Ländern versuchen die Regierungen per Gesetz mehr Frauen in Vorstandsetagen zu bringen - etwa in Spanien, Island, Frankreich, Belgien und den Niederlanden. Auch die EU-Kommission macht Druck auf Unternehmen in Europa. Justizkommissarin Viviane Reding sagte, im Sommer wolle sie konkrete Vorschläge für eine EU-weite Regelung machen.

Ein wichtiger Grund für die berufliche Benachteiligung von Frauen in Deutschland sei die schlecht ausgebaute Kinderbetreuung, kritisiert die OECD. Der Mangel an Tagesstätten hindere Mütter daran, in den Beruf zurückzukehren, kritisierte die Organisation. Nur für 18 Prozent der Kinder bis zwei Jahre steht demnach ein Betreuungsplatz zur Verfügung. Der OECD-Schnitt liegt etwa doppelt so hoch. Auch die Betreuungsmöglichkeiten für ältere Kinder und Schüler seien vergleichsweise schlecht und zwängen viele Mütter zur Teilzeitarbeit, hieß es.

mmq/Reuters

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