Friedhöfe in der Krise "Der Gräberkult ist überholt"

Gestorben wird immer. Doch im klassischen Erdgrab auf Friedhöfen lassen sich weniger Menschen bestatten. Für Kommunen wird das mitunter teuer - auch weil sie aktuelle Trends teils verschlafen haben.

Friedhof in Schwerin: 20 bis 25 Prozent der Angehörigen wählen eine Alternative
Jens Büttner/ DPA

Friedhof in Schwerin: 20 bis 25 Prozent der Angehörigen wählen eine Alternative


Kämmerer sahen in den kommunalen Friedhöfen offenbar viel zu lange schlicht ein todsicheres Geschäftsmodell. Und auch wenn diese Woche zu Allerheiligen wieder mehr Menschen die Friedhöfe besuchen, um ihrer Angehörigen zu gedenken, könnten viele klassische Friedhöfe in den Gemeinden in Deutschland nach Einschätzung von Experten schon bald in eine Krise rutschen. Manche stecken sogar schon mittendrin.

"Es fällt auf, dass die Leerflächen immer größer werden", sagt Ralf Michal, Vizepräsident des Bundesverbandes Deutscher Bestatter, in Schweinfurt. "Der Gräberkult, wie man ihn von früher kennt, ist überholt, und die Kommunen haben es verschlafen, vernünftige, zeitgemäße Bestattungsformen zu schaffen."

Gebühren können steigen

Inzwischen entscheiden sich die Angehörigen dem Verband zufolge in 20 bis 25 Prozent für eine Alternative zur normalen Grabstätte - eine Gemeinschaftsgrabstätte, Waldbestattungen, eine Seebestattung. Die Tendenz sei steigend, sagt Michal. Die Folge: "Friedhöfe werden immer defizitärer."

Hinter den populärer werdenden alternativen Formen steckten oft Unternehmen. Diese müssten qua Gesetz zwar mit einem Friedhof kooperieren, heimsten aber einen Großteil der Kosten ein - "und der fehle den Kommunen dann für den Unterhalt der Friedhöfe", sagt Michal. "Wir vom Bestatterverband haben immer gesagt: Macht Eure Friedhöfe attraktiver. Aber inzwischen sind die Kommunen da 10, 15 Jahre zurück."

Individuelle Angebote gefragt

"Die Bedürfnisse sind heute ganz andere", sagt der Soziologe Thorsten Benkel von der Uni Passau, der zur Trauerkultur in Deutschland forscht. "Die Menschen sind viel mobiler und verbringen nicht mehr ihr ganzes Leben an einem Ort", sagt er. "Darum geht der Trend weg vom pflegeintensiven Familiengrab zu alternativen, individuellen Bestattungsformen." Er spricht von Friedhofsflucht.

Mit seinem Kollegen Matthias Meitzler betreibt Benkel eine Homepage zur, wie sie schreiben, Friedhofssoziologie. "Man muss Friedhof neu denken", sagt Meitzler. Mischformen seien das Konzept der Zukunft: Klassische Gräberfelder neben Urnengräbern, ein Waldgebiet für die Naturbestattung neben einem gemeinsamen Feld für Hund und Herrchen - individuelle Angebote für die individualisierte Gesellschaft.

Der Deutsche Städtetag hat das Problem ebenfalls erkannt. "Auch wenn insgesamt weniger Fläche benötigt wird, müssen die Friedhöfe einschließlich ihrer baulichen Anlagen weiterhin unterhalten werden", beschreibt der Hauptgeschäftsführer des Städtetages, Helmut Dedy, das Problem. "Einige Städte erhöhen deshalb die Gebühren für Urnengräber, um diese stärker an den Erhaltungskosten des Gesamtensembles Friedhof zu beteiligen" - andere erhöhen die Zuschüsse.

apr/dpa

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insgesamt 183 Beiträge
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jujo 29.10.2019
1. ...
Ich werde mich nicht traditionell bestatten lassen. Dennoch bin ich für die Erhaltung, vor allem, der innerstädtischen Friedhöfe als Oasen der Ruhe, des Abschaltens. Dem Erhalt und Existens von Natur in der Steinwüste. Den Kommunen, dem Bürger sollte es Wert sein dieses zu erhalten.
harald441 29.10.2019
2. Ursache für den neuen,
weil bequemen Gräber"kult" ist m. E. die Faulheit der nächsten Angehörigen gepaart mit eienr guten Portion Lieblosigkeit gegenüber den Eltern und Großeltern, denen man ja schließlich sein Leben verdankt. "Omas gesparte Geld" wird gerne genommen, aber daß daraus auch gewisse Pflichten erwachsen, ist offenbar immer Wenigeren klar. Klar ist natürlich auch, daß ein gepflegtes Grab etwas für die pflegenden Angehörigen ist, die darunter Liegenden haben nichts mehr davon. Meine Frau und ich können der Enrfernung wegen nur einmal im Jahr das Elterngrab besuchen. Aber es befriedigt uns ungemein, wenn wir das Grab wieder aufgeräumt und ggflls. neu und besser bepflanzt haben, so daß es hernach wieder schön aussieht. Schön für uns und schön auch für die anderen Friedhofsbesucher, von denen die meisten unsere verstorbenen Eltern kannten. Und, übrigens: Die Fahrtkosten mitsamt einer mehrtägigen Übernachtung, die ja auch ein wenig Urlaub für uns ist, bezahlen wir im Grunde genommen vom ererbten Geld - und auch dafür sind wir dankbar.
berthadammertz 29.10.2019
3. Markt geht über alles ...
Ach, ich dachte immer, es bestände eine Bestattungspflicht und Sargpflicht. Letzteres entbehrt bei Feuerbestattungen nicht einer gewissen Komik: Ein Sarg für 24 Stunden. Ein tolles Geschäftsmodell. neulich sprach der Kabarettist Christoph Sieber von dem Kampf Markt gegen Demokratie, den diese schon längst verloren hat. Vielleicht der letzte Kampf: Markt gegen Sterben, Tod etc. Wetten - den gewinnt der Markt auch.
wo_st 29.10.2019
4.
Seit mindestens 20 Jahren ist die Veränderung vorhanden und deutlich sichtbar.
Pfaffenwinkel 29.10.2019
5. Es gibt immer weniger Großfamilien,
die in einem Ort leben und ein Familiengrab haben. Heute leben die Familienangehörigen in aller Welt, das erschwert die Grabpflege der Hinterbliebenen. Das pflegeleichte Urnengrab, wo auch immer, ist die einzige Lösung.
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