Steuerliche Begünstigung Der Haken an Merz' Aktienidee

Die Deutschen sollen mehr Geld in Aktien stecken, rät Friedrich Merz - bestimmte Produkte will er steuerlich fördern. Dabei lässt er außer Acht: Die Hälfte der Bevölkerung kann sich seinen Vorschlag gar nicht leisten.
Friedrich Merz

Friedrich Merz

Foto: ODD ANDERSEN/ AFP

Auf ihrem am Freitag beginnenden Parteitag entscheidet die CDU, wer sie künftig anführen soll. Friedrich Merz, einer der aussichtsreichen Kandidaten, hat nun mit einem Vorstoß zur Altersvorsorge für Aufmerksamkeit gesorgt. Der Staat solle Aktienkäufe privater Haushalte steuerlich fördern. Konkret sollten Privatleute jedes Jahr bis zu einem gewissen Freibetrag in Aktienprodukte investieren können, auf deren Gewinne später im Rentenalter keine Steuern mehr fällig würden.

Merz galt bis zu seinem vorläufigen Abschied aus der Politik im Jahr 2009 als einer der profiliertesten Wirtschafts- und Finanzpolitiker. Danach wechselte er in die Wirtschaft und fungierte als Kontrolleur diverser Finanzdienstleister. Seine Expertise in Sachen Vermögensaufbau und Kapitalanlage ist also unbestritten. Dennoch erntet Merz mit seinem Vorstoß sowohl bei Ökonomen als auch bei Verbraucherschützern mehr Kritik als Lob - und das weitgehend über alle Denkschulen hinweg.

Dabei geht es gar nicht so sehr um die Frage, ob es politisch klug ist, wenn Merz, zuletzt vor allem für den Aktienfondsanbieter Blackrock tätig, den Deutschen nun ausgerechnet das empfiehlt, was auch seinen Arbeitgeber glücklich macht. Vielmehr setzt die Kritik inhaltlich an.

Was das Ziel angeht, trifft Merz dabei noch auf breite Zustimmung: Es wäre tatsächlich sinnvoll, wenn Privatleute für ihre Altersvorsorge viel stärker in Aktien investieren würden. Zwar sparen die Deutschen im Schnitt weit mehr als zehn Prozent ihres Nettoeinkommens, doch in den vergangenen Jahren bekamen sie darauf wegen der Nullzinsen meist nur mickrige Renditen.

Lediglich rund zehn Millionen Menschen in Deutschland besitzen überhaupt Aktien oder Anteile von Aktienfonds  - und profitierten so in den vergangenen Jahren von den immensen Kurssteigerungen. Besonders auffällig: Sechs von zehn Aktienbesitzern sind bereits 50 Jahre oder älter. Es mangelt also vor allem bei den Jungen an Begeisterung fürs Aktiensparen.

Skepsis vor einseitiger Bevorzugung

Das ist vor allem deshalb ein Problem, weil die gesetzliche Rente bereits seit 2001 erklärtermaßen nicht mehr den Lebensstandard im Alter sichern soll. Nur mit zusätzlicher privater Vorsorge ist das möglich - aber auch nur dann, wenn diese entsprechende Kapitalerträge abwirft. Aktien tun das gerade über lange Zeiträume hinweg zuverlässig, selbst wenn die Kurse zwischenzeitlich einige Jahre sinken. Wer in jungen Jahren anfängt, pro Tag vier oder fünf Euro in Aktien zu investieren, wie Merz es in der ARD riet, macht es durchaus richtig.

Dennoch sieht etwa Niels Nauhauser, Finanzexperte der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg, den Vorstoß des möglichen neuen CDU-Vorsitzenden skeptisch. Noch seien dessen Vorschläge zu vage, um sie endgültig bewerten zu können. Allerdings gebe es mit der Riester- und der Rürup-Rente bereits Formen der staatlich geförderten kapitalgedeckten Vorsorge. Es sei unklar, wie sich Merz' Vorschlag in das Gesamtkonzept einfüge.

Problematisch sei es auf jeden Fall, so Nauhauser, dass damit eine bestimmte Form der Altersvorsorge steuerlich bessergestellt würde als andere Formen, wie etwa vermietete Immobilien oder Zinsprodukte. "Es gibt aber auch in der Altersvorsorge aus gutem Grund unterschiedliche Bedarfe der Sparer, denen man dann nicht gerecht würde", sagt der Verbraucherschützer.

Riester verbessern

Diese Kritik deckt sich mit der vieler Ökonomen. Sowohl die Wirtschaftsweise Isabel Schnabel als auch der Chef des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW), Michael Hüther, sprechen sich explizit gegen die einseitige Förderung einer bestimmten Anlageform aus. Auch der Chef des Ifo-Instituts, Clemens Fuest, hält eine solche Einzelmaßnahme für "nicht zielführend".

Sinnvoller - und dringender - wäre es, die existierende Riester- und Rürup-Förderung zu verbessern, sind sich IW-Chef Hüther und Verbraucherschützer Nauhauser einig. Bislang helfe diese Förderung nämlich kaum, Sparer an den hohen Erträgen der Aktienmärkte zu beteiligen, kritisiert Nauhauser. "Das liegt zum einen an den hohen Verwaltungs- und Abschlusskosten. Zum anderen sind dort auch Produkte mit zweifelhaften Anlagestrategien zugelassen."

Ein Grundproblem sei, dass die Anbieter von Riester- und Rürup-Produkten ganz andere Interessen hätten als ihre Kunden. Die Sparer bräuchten eigentlich eine bedarfsgerechte Beratung, bekämen stattdessen aber provisionsgetriebene Verkaufsgespräche, sagt Nauhauser. Vermittler bei Banken und Versicherungen würden dafür belohnt, Produkte mit hohen Kosten zu verkaufen sowie ihre Kunden alle paar Jahre zu Umschichtungen und damit Neuabschlüssen zu bewegen.

Vorbild Schweden

Just für dieses Problem gibt es aber bereits einen Lösungsvorschlag, argumentiert der Verbraucherschützer - den sogenannten Vorsorgefonds . Der würde auf gesetzlicher Grundlage eingerichtet und könnte etwa von der gesetzlichen Rentenversicherung verwaltet werden - oder aber auch von der Bundesbank. "Es gibt wissenschaftlich fundierte Kriterien dafür, wie man Geld solide und langfristig ertragreich anlegen kann." Verbraucher könnten freiwillig einzahlen - ohne Provisionen zahlen zu müssen.

Und auch ansonsten wären die Kosten sehr gering. "Die Verwaltungskosten eines solchen Standardprodukts wären um das Zehn- bis Zwanzigfache geringer als heute in der geförderten Vorsorge üblich", sagt Nauhauser. Das belege das Beispiel des staatlich organisierten Pensionsfonds in Schweden.

Tatsächlich bewegt sich auch die Bundesregierung in diese Richtung. Im Koalitionsvertrag haben Union und SPD das "Ziel einer zügigen Entwicklung eines attraktiven standardisierten Riester-Produkts" festgeschrieben - allerdings soll dieses in einem "Dialogprozess mit der Versicherungswirtschaft" entstehen.

Ein Problem würden allerdings weder Merz' Steuererlass für Aktiensparer noch ein Standardvorsorgefonds lösen: Große Teile der Bevölkerung können schlicht nichts für ihre Altersvorsorge zurücklegen. Jüngsten Zahlen des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin) zufolge kann die Hälfte der deutschen Haushalte im Monat im Schnitt weniger als 150 Euro im Monat sparen  - also jene fünf Euro am Tag, die Merz für eine einzige Person als angemessen betrachtet.

Wer die absehbar stark steigende Altersarmut bekämpfen möchte, müsste Konzepte vorlegen, wie dieser ärmeren Hälfte mehr Geld bleibt, um es zum Beispiel in Aktien zu investieren.

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