Frühjahrsgutachten Ökonomen erwarten Aufschwung ohne Job-Boom

Gespannt wartet die Bundesregierung auf das Gutachten der Wirtschaftsforscher, doch die Aussichten sind ernüchternd: Zwar erholt sich die Konjunktur langsam von der Krise. Aber die Wende am Arbeitsmarkt bleibt aus - und der hohe Ölpreis könnte den Aufschwung bald wieder abwürgen.

Stahlproduktion bei ThyssenKrupp: Widersprüchliche Indikatoren
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Stahlproduktion bei ThyssenKrupp: Widersprüchliche Indikatoren

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Berlin - Dieses Mal sind die Wirtschaftsforschungsinstitute um ihre Aufgabe nicht zu beneiden: Am Donnerstag stellen die Ökonomen ihre Einschätzungen zum Konjunkturverlauf in diesem und im kommenden Jahr vor - doch die Indikatoren sind so widersprüchlich wie selten zuvor.

Einerseits sind die Auftragsbücher der exportorientierten deutschen Industrie wieder gut gefüllt. Die Frachtflugzeuge der Lufthansa sind wieder so gut ausgelastet wie vor dem massiven Einbruch im März 2008 - auf manchen Strecken liegen die Werte sogar auf dem Vor-Krisenniveau.

Andererseits zeigen sich Finanzexperten in den monatlichen Umfragen des Mannheimer Zentrums für europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) seit längerem skeptisch - und warnen entsprechend vor zu viel Optimismus. "Die deutsche Konjunktur ist aus der Intensivstation in die Reha gewechselt, aber von einer kräftigen Gesundung kann noch keine Rede sein", kommentierte ZEW-Präsident Wolfgang Franz jüngst das Ergebnis der März-Umfrage.

Auch das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung bleibt zurückhaltend: In seiner am Mittwoch veröffentlichten Konjunkturprognose sagen die DIW-Forscher ein Wachstum von 1,7 Prozent für 2010 und 1,8 Prozent für 2011 voraus. "Damit kommen wir nur mühsam aus der Krise heraus. Mit Blick auf die Finanzmärkte bleiben aber große Unsicherheiten", sagte DIW-Präsident Klaus F. Zimmermann.

Schwierige Prognose

Bei aller Vorsicht demonstriert das DIW mit seiner Prognose immerhin mehr Zuversicht als die Forschungsinstitute, die im Auftrag der Bundesregierung das Frühjahrsgutachten erstellen. Sie gehen nach Informationen der Nachrichtenagentur Reuters im Mittel von rund 1,4 Prozent Wachstum in diesem und im kommenden Jahr aus.

"Die Prognose war diesmal außerordentlich schwierig", räumte ein Forscher aus dem Kreis der Institute gegenüber SPIEGEL ONLINE ein. Entsprechend groß sei die Bandbreite der Schätzungen gewesen, aus denen sich der Mittelwert abgeleitet habe. Die Prognosen reichten von 1,2 bis 1,9 Prozent für 2010 und 0,8 bis 2,0 Prozent für 2011.

In ihrem Herbstgutachten im vergangenen Jahr waren die Institute für 2010 noch von einem Wachstumsplus von nur 1,2 Prozent ausgegangen. Daran angelehnt hatte die Bundesregierung einen Zuwachs von 1,4 Prozent prognostiziert.

Von einer spürbaren Entspannung am Arbeitsmarkt gehen die Experten dagegen nicht aus. "Sehr viele Unternehmen haben während der Krise dank der Kurzarbeiterregelung Entlassungen vermeiden können. Dementsprechend dürften mit dem Aufschwung auch kaum neue Stellen geschaffen werden", hieß es aus Institutskreisen. Die Durststrecke werde auch noch eine Weile dauern, denn die meisten Betriebe litten trotz der sich wieder füllenden Auftragsbücher noch immer unter der geringen Kapazitätsauslastung.

Entsprechend gehen die Experten in ihrem Gutachten für 2011 nach Informationen der Nachrichtenagentur dpa auch nur von einem leichten Rückgang der Arbeitslosenzahl auf 3,382 Millionen in diesem und auf 3,313 im kommenden Jahr aus. 2009 waren noch gut 3,4 Millionen Deutsche ohne Job.

Schuldenlast größte Herausforderung

Ebenso wenig euphorisch sind die Schätzungen im Hinblick auf den Staatshaushalt. Dass die Neuverschuldung 2010 und 2011 deutlich über der im Maastrichtvertrag festgelegten Quote von drei Prozent des Bruttoinlandsprodukts liegen wird, gilt als sicher. Einige Experten sehen in der hohen Aufnahme von Schulden auch die größte Gefahr für die konjunkturelle Entwicklung. "Die größte Herausforderung wird es sein, angesichts der enorm gestiegenen Schuldenlast wieder politische Handlungsfähigkeit zurückzugewinnen", sagte DIW-Präsident Zimmermann.

Die Internationale Energieagentur (IEA) sieht dagegen noch eine ganz andere Gefahr: Steigende Ölpreise könnten den Aufschwung in den großen Industriestaaten im Ernstfall zum Erliegen bringen. In ihrem jüngsten Monatsbericht setzte die in Paris ansässige Organisation ihre Vorhersage für die weltweite Ölnachfrage am Dienstag nochmals um 30.000 Barrel nach oben. Getrieben durch eine unerwartet starke Nachfrage in den USA, im Nahen Osten und in Asien werde der globale Ölbedarf 2010 um zwei Prozent auf täglich 86,6 Millionen Barrel steigen - trotz des hohen Preises von derzeit rund 80 Dollar pro Barrel (159 Liter).

Die IEA verwies gleichzeitig darauf, dass auf Basis vorläufiger Daten die Nachfrage nach Ölprodukten in Europa im Februar im Vergleich zum Vorjahresmonat um 3,4 Prozent gefallen sei. Dies wecke Zweifel, wie nachhaltig die wirtschaftliche Erholung in Europa sei, heißt es in dem Bericht weiter.

Die Signale sind uneinheitlich - klar aber ist: Die Top-Ökonomen überreichen ihre Gemeinschaftsprognose am Donnerstag Bundeswirtschaftsminister Rainer Brüderle (FDP). In Regierungskreisen hieß es, die eigene Prognose werde wie bisher eng an das Gutachten der Institute angelehnt. In gut einer Woche wird Brüderle die Konjunkturerwartungen der Bundesregierung dann vorstellen. Diese dient als Basis für die Steuerschätzung im Mai. Und von der - glaubt man der Regierung - hängen die geplanten Großprojekte Steuerreform und Kopfpauschale ab.

mit Material von Reuters und dpa



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Seite 1
beliyana 31.03.2010
1. ....
Zitat von sysopIm Juni ist die Zahl der Erwerbslosen wieder gesunken. Ist die Krise am Arbeitsmarkt jetzt vorbei?
Nein,alles getürkt,schließlich ist im Mai NRW Wahl.
zynik 31.03.2010
2.
Zitat von sysopIm Juni ist die Zahl der Erwerbslosen wieder gesunken. Ist die Krise am Arbeitsmarkt jetzt vorbei?
Der 1. April ist erst morgen. Seit Beginn dieser seltsamen Krise wird zu jedem neuen Statistik-Pups gefragt, ob die Krise denn jetzt vorbei ist. Zumindest wenn es um die Arbeitslosenzahlen geht. Wenn es jedoch um die "Flexibilisierung" des Arbeitsmarktes, Lohndumpung und Abbau von Arbeitnehmerrechten geht, liegt es stets woran? Richtig. Der Krise natürlich. Davon abgesehen gibt es wohl keine Statistik, in der die Zahlen so hemmungslos geschönt und frisiert wurden. Und jeder weiß es. Umso trauriger, dass hinter jeder Zahl ein persönliches Schicksal steckt. Also liebe Leute, der Aufschwung ist da. Zumindest bis zu euer nächsten Gehaltsverhandlung und der Wahl in NRW. Bitte belügt uns weiter, wir wollen es ja nicht anders.
Wolfghar 31.03.2010
3. Aufschwung
Zitat von sysopIm Juni ist die Zahl der Erwerbslosen wieder gesunken. Ist die Krise am Arbeitsmarkt jetzt vorbei?
Ja 300.000 offene Stellen bei nur 6 Millionen Arbeitslosen, von Krise kann keine Rede mehr sein. Das ist der Aufschwung. Und diesen glückseeligen Aufschwung haben wir nur den etablierten Parteien mit ihrer weisen Politik zu verdanken. Also alle wiederwählen in NRW
mexi42 31.03.2010
4. Nein, ...
Zitat von sysopIm Juni ist die Zahl der Erwerbslosen wieder gesunken. Ist die Krise am Arbeitsmarkt jetzt vorbei?
sie ist nicht vorbei, weil es noch keine auskömmlichen Löhne und feste Arbeitsverhältnisse gibt. "Experten" zeichnen sich immer darin aus, dass sie die Wirklichkeit überrascht.
FastFertig, 31.03.2010
5. Experten
Die Experten sagen alles was eintreten kann voraus und derjenige der richtig liegt hat gewonnen. Wenn etwas Eintritt, das gar kein Experte vorhergesagt hat, dann sind die Experten überrascht. Welchen Sinn hat das? Und warum heißen die Experten? Man könnte sie doch "Zigeuner mit Glaskugel" nennen. Das Ergebnis wäre das gleiche, aber man wüßte schon vorher, was man von den Weissagungen zu halten hat.
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