G-8-Gipfel IWF warnt vor gigantischer Finanzlücke in Arabien

Der Internationale Währungsfonds warnt vor finanziellen Engpässen in der arabischen Welt. Jetzt nimmt der IWF die Industrienationen in die Pflicht: Die G-8-Staaten sollen den demokratischen Wandel mit Milliarden fördern.

Kairo: Es fehlen Millionen Arbeitsplätze, die Privatwirtschaft ist schwach
AP

Kairo: Es fehlen Millionen Arbeitsplätze, die Privatwirtschaft ist schwach


Washington/Deauville - Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy vergleicht die Aufstände im arabischen Raum mit der Situation nach dem Fall der Mauer: Wie damals den osteuropäischen Ländern müsse man auch nun energisch helfen - und das Streben nach Demokratie im Nahen Osten und Nordafrika fördern.

Konkret bedeutet das vor allem finanzielle Unterstützung. Diese sicherten die acht führenden Industrieländer auf ihrem Gipfel in Deauville zu. Wie umfangreich die Finanzhilfen ausfallen, soll am Freitag in der Abschlusserklärung formuliert werden. Zu den G8 gehören die USA, Kanada, Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Italien sowie Japan und Russland.

Konkrete Forderungen kommen jetzt vom Internationalen Währungsfonds. Nach Einschätzung des IWF benötigen die von Aufständen erfassten Staaten in den kommenden drei Jahren Hilfen von mehr als 160 Milliarden Dollar. "Die Region muss sich auf einen grundlegenden Wandel ihres Wirtschaftsmodells vorbereiten", teilte der Fonds mit - und forderte die G-8-Staaten und reiche arabische Länder auf, einzuspringen.

"In naher Zukunft muss das Vertrauen in die öleinführenden Länder wieder hergestellt werden", so der IWF. Die Staaten litten unter anderem an den weltweit steigenden Rohstoffpreisen. Länder wie Ägypten, Jordanien, Marokko, Tunesien, Syrien und der Libanon würden wegen der höheren Lebensmittel- und Energiepreise mit einem höheren Inflationsdruck zu kämpfen haben. Weil an den Finanzmärkten Unsicherheiten über die politische und wirtschaftliche Entwicklung herrsche, müsse die internationale Gemeinschaft in den kommenden 18 Monaten den Großteil der Hilfen stemmen.

Merkel sagt 130 Millionen Euro zu

Der Fonds selbst will etwa 35 Milliarden Dollar beisteuern. Hintergrund ist, dass in den arabischen Ländern wie Tunesien oder Ägypten nicht nur der Wille nach demokratischen Reformen die Menschen auf die Straße gedrängt hat, sondern vor allem die wirtschaftliche Not - und die düsteren Aussichten auf dem Arbeitsmarkt.

Laut dem IWF-Regionalbeauftragten Masud Ahmed müssen die ölimportierenden Länder in den kommenden zehn Jahren 55 bis 70 Millionen Arbeitsplätze vor allem für junge Menschen schaffen. Zugleich müsse die zugunsten der Staatsbetriebe vernachlässigte Privatwirtschaft in Schwung gebracht werden.

Kanzlerin Angela Merkel versprach am Donnerstag, Deutschland werde seinen Beitrag zum Wandel in Tunesien und Ägypten leisten. Es bestehe eine historische Pflicht, den jungen Demokratiebewegungen zu helfen. Zur Unterstützung beider Länder werde die Bundesregierung noch in diesem Jahr 30 Millionen Euro einsetzen. In den nächsten Jahren sollen 100 Millionen Euro zusätzlich bereitgestellt werden.

cte/Reuters



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oliver twist aka maga 27.05.2011
1. ...
Zitat von sysopDie Industrieländer wollen die Demokratie in Ägypten und Tunesien fördern. Bei ihrem Treffen stehen umfangreiche Finanzhilfen auf dem Programm. Der Internationale Währungsfonds will sich auch beteiligen - und spricht von einem Bedarf in Höhe von 160 Milliarden Dollar. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,765179,00.html
Unterstützung für Ägypten und Tunesien ja, aber es besteht keinerlei Veranlassung, dem syrischen Regime beizustehen, dass Demonstranten niederschießen lässt.
baloo55 27.05.2011
2. Wohin die Reise geht
Solange nicht einigermaßen verlässlich zu sehen ist, wohin die Reise der vom "arabischen Frühling" erfassten Länder geht, würde ich keinen Cent zusagen. Zum Schluss finanzieren wir noch die Muslimbrüder. Diese Blauäugigkeit und Begeisterung vieler Politiker und der Mehrheit der Journaille lässt mich ratlos den Kopf schütteln.
maconaut, 27.05.2011
3. Warum G8 ?
Warum sollten die G8-Staaten Geld in die arabischen Staaten pumpen? Warum werden da nicht zuerst die ölmilliardenschweren "Bruderländer" wie Saudi Arabien, VER und Kuwait "zur Kasse gebeten"? Die Saudis haben ein Defizit von etwa 3% BIP, da träumen die meisten G8 von. Von VER (0,2% ÜBERSCHUSS) und Kuwait (10% ÜBERSCHUSS) wollen wir gar nicht reden....
kundennummer 27.05.2011
4. Historische Verpflichtung
Zitat von sysopDie Industrieländer wollen die Demokratie in Ägypten und Tunesien fördern. Bei ihrem Treffen stehen umfangreiche Finanzhilfen auf dem Programm. Der Internationale Währungsfonds will sich auch beteiligen - und spricht von einem Bedarf in Höhe von 160 Milliarden Dollar. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,765179,00.html
Gibts auf diesem großartigen Planeten eigentlich irgendeinen Flecken für den "wir" NICHT eine "historische Verantwortung" haben?? Ach was soll, dieser Verrat macht den Kohl auch nicht mehr fett.
Michael KaiRo 27.05.2011
5. Merkel sagt 130 Millionen Euro zu
Och, wie knauserig. Ich dachte, die sagt 130 Milliarden Euro zu. Ähem, wie wärs denn mal, wenn die reichen arabischen Brüder einen Hilsfond aufstellen würden? Für die sind ein paar Milliarden Euro doch nur Peanuts - zur Not schüttuen sie eine Insel weniger auf.
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