G20-Finanzministertreffen Planwirtschaft trifft Größenwahn

Ein Plus von zwei Prozent muss es schon sein. Die Finanzminister der G20-Länder wollen die Weltwirtschaft ankurbeln. Das Vorhaben offenbart nicht nur planerische Hybris, es zeigt auch die Bereitschaft zur arglistigen Täuschung.

IWF-Chefin Christine Lagarde in Cairns: Selbstüberschätzung übernimmt die Regie
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IWF-Chefin Christine Lagarde in Cairns: Selbstüberschätzung übernimmt die Regie

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Das Treffen der Finanzminister aus den großen Industrie- und Schwellenländern (G20), das am Wochenende im australischen Provinzstädtchen Cairns stattfand, hat zumindest zweierlei bewiesen: Fensterlose Konferenzräume versperren tatsächlich den Blick auf die Welt. Und wenn zu viele Spitzenpolitiker mit ihren Top-Beratern auf zu engem Raum zusammenhocken, dann übernimmt irgendwann Selbstüberschätzung die Regie.

Bester Beleg für beide Erkenntnisse ist der Beschluss, den die Runde schon im Frühjahr in Sydney fasste, nun aber mit neuem Elan anging. Bis Ende 2018 wollen sie ihre Volkswirtschaften um zusätzlich zwei Prozent wachsen lassen. Das sei nötig, findet die Runde, weil sich die Konjunktur nach der Wirtschafts- und Finanzkrise nur schleppend erholt.

Das Wachstum zu steigern, auf dass es allen besser gehe, ist an sich ein löbliches Ziel, doch die Vorstellung, Politiker könnten auf Knopfdruck die Höhe des Bruttoinlandsprodukts einstellen wie der Autofahrer die Temperatur seiner Klimaanlage, ist einigermaßen absurd. Das Vorhaben verrät eine Anmaßung von Wissen, die nach dem Untergang von Planwirtschaften à la DDR befremdlich anmutet.

Bereitschaft zur arglistigen Täuschung

Von solchen Bedenken lassen sich Finanzminister Wolfgang Schäuble und seine Kollegen nicht bremsen, im Gegenteil. Sie haben einen umfangreichen Maßnahmenkatalog zusammengestellt, mit dem sie dem Wachstum auf die Sprünge helfen wollen. 1000 Einzelvorhaben hätten die Teilnehmerstaaten bislang eingereicht, jubelten die australischen Gastgeber, und die Runde wusste auch ganz genau, welcher Wachstumsbeitrag damit zu erreichen ist: 1,8 Prozent. Nur noch ein kleines bisschen Anstrengung, so die Aufmunterung an sich selbst, dann ist die Vorgabe erreicht.

Das ganze Unternehmen offenbart nicht nur planerische Hybris, es zeigt auch eine erhebliche Bereitschaft zur arglistigen Täuschung. Finanzminister Schäuble zum Beispiel kündigt als Wachstumsbeschleuniger mehr Investitionen ins Verkehrsnetz und Mehrausgaben für Forschung und Bildung an. Peinlich nur, dass beide Maßnahmen schon 2013 im Koalitionsvertrag vereinbart wurden, lange bevor die G20-Runde ihr Zweiprozentziel beschloss. Es darf angenommen werden, dass seine Kollegen ähnliche Tricks auf Lager haben.

Doch warum machen langgediente Politiker sich und ihren Wählern etwas vor? Weil es sich für sie eher auszahlt, den Anschein von Tatkraft und Entscheidungsfreude zu erwecken, als in Ruhe abzuwarten. Aus dem gleichen Grund hechten Torhüter beim Elfmeter meist ins rechte oder linke Eck, obwohl sich eben so viele Strafstöße parieren ließen, wenn sie einfach in der Mitte stehen blieben.

Im November wird das Schauspiel auf höherem diplomatischen Niveau fortgesetzt. Dann werden die Staats- und Regierungschefs aus den G20-Staaten die Vorarbeiten ihrer Finanzminister in Brisbane billigen. Die Auswirkungen der Beschlüsse auf das Wachstum mögen unkalkulierbar sein, das Verhalten der Gipfelteilnehmer lässt sich aber schon jetzt voraussagen: Sie werden eine feierlich Miene aufsetzen und auch ein bisschen stolz sein auf sich selbst.



insgesamt 49 Beiträge
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Seite 1
karend 21.09.2014
1. Täuschung
"Doch warum machen langgediente Politiker sich und ihren Wählern etwas vor?" Weil sich die Mehrheit der Wähler immer wieder erfolgreich täuschen lässt. Einen Aufstand in Deutschland muss die Regierung nicht fürchten.
tailspin 21.09.2014
2. 1000 Projekte?
Das ist mir neu, dass Finanzpolitiker wie Schaeuble zur produktiven Klasse gerechnet werden, die tatsaechlich einen Beitrag zur Brutosozialprodukt Wertschoepfung leisten. Die 1.8 % Wachstum kommen wahrscheinlich direktaus dem Gehaltszettel der staunenden Steuerzahler und kosten am Ende 3.6 %.
analyse 21.09.2014
3. Wie gut,daß Schäuble noch was zu sagen hat,der ja auch
gleichzeitig gegen Banken-und Schuldenunion kämpft und außerdem auf deutsche Erfolge verweisen kann.Man stelle sich vor ,der Sozialist Hollande hätte das Sagen: dann wären Niedergang der Wirtschaft und Massenarbeitslosigkeit auch in Deutschland sicher !
abita 21.09.2014
4. KeinTitel
Politiker tun das, was sie meinen am besten zu können: Tolle Versprechungen machen, Superprognosen abgeben und anschliessend für nichts verantwortlich sein.
norman.schnalzger 21.09.2014
5. Schöner Artikel
der das groteske Gebaren der ach so Wichtigen mit ihrer Profilierungssucht wundervoll darstellt.
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