Globalisierungskritikerin Vandana Shiva "Wir brauchen eine Ökonomie der Erde"

Der globale Kapitalismus beutet den Planeten aus, sagt Vandana Shiva. Auf einem G20-Gegengipfel erläutert die Trägerin des Alternativen Nobelpreises, wie ein nachhaltiges Wirtschaftssystem aussehen könnte.
Vandana Shiva

Vandana Shiva

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Vandana Shiva, 64, ist Physikerin, Globalisierungskritikerin und Erfinderin des sogenannten Ökofeminismus, der mütterliche Werte als moralischen Kompass für eine nachhaltigere Landwirtschaft definiert. Für ihr Lebenswerk erhielt sie 1993 den alternativen Nobelpreis.

SPIEGEL ONLINE: Frau Shiva, Sie gelten als eine der schärfsten Kritikerinnen des globalisierten Kapitalismus. Wo sehen Sie das Hauptproblem dieses Wirtschaftssystems?

Shiva: Es hat den Rahmen dafür geschaffen, dass sich eine kleine Elite immer stärker auf Kosten der Natur und der restlichen Menschheit bereichern kann. Es ist für westliche Konzerne leichter, Billiglohnarbeiter in China und die Natur in Südamerika auszubeuten. Täten sie dies in ihren Heimatländern, wäre der politische und soziale Widerstand weit größer.

SPIEGEL ONLINE: Die Chefs von 19 führenden Wirtschaftsnationen und der Europäischen Union wollen solche Auswüchse des Kapitalismus ab Freitag in Hamburg besprechen. Was erhoffen Sie sich von dieser Veranstaltung?

Shiva: Nichts. Die G20-Staaten sind nicht dazu da, dieses System der Selbstsucht zu begrenzen, sondern um es zu verstärken. Einer der ersten G20-Gipfel fand 2001 nach einer Finanzkrise statt, um die Schwächen des globalen Finanzsystems zu bekämpfen. Dabei wurden vor allem Regeln außer Kraft gesetzt, die dem grenzenlosen Streben nach Profit entgegenstanden.

SPIEGEL ONLINE: Nach der Finanzkrise im Jahr 2008 passierte aber das Gegenteil. Damals diskutierten die G20 viele Regeln zur Begrenzung des Finanzkapitalismus, die dann später in nationale Gesetze gegossen wurden - zum Beispiel der Dodd-Frank-Act in den USA.

Shiva: Das Ziel blieb dennoch, die Profitmaximierung weiter voranzutreiben. Dabei zeigte sich gerade in der Finanzkrise, dass die Ökonomie der Gier die Menschheit immer weiter in die Katastrophe führt. Sie lässt sich nur aufrechterhalten, wenn die Ausbeutung stetig grausamer wird.

SPIEGEL ONLINE: Die Gier, also der Trieb, sich selbst rücksichtslos zu bereichern, ist im Menschen seit Urzeiten angelegt. Hätten wir ihn nicht, wären wir längst ausgestorben. Ist es nicht utopisch zu glauben, dass eine Welt ohne Gier möglich ist?

Shiva: Gier ist nur ein Potenzial, das wir in uns tragen. Es gibt aber auch noch den Gegenpol: Fürsorge, Zusammenhalt. Wir wären auch ausgestorben, wenn wir nicht seit Urzeiten füreinander eingestanden wären. Ich glaube, dass die Fürsorge letztlich die stärkere Kraft ist. Der Papst hat schließlich weit mehr Publikum als Bill Gates.

SPIEGEL ONLINE: Die derzeitige Weltordnung schafft aber einen Rahmen, in dem vor allem die Selbstsucht erblühen kann. Wie wollen Sie das ändern?

Shiva: Durch Einsicht. Die Menschheit ist dabei zu begreifen, dass der Raubbau an unseren begrenzten Ressourcen nicht funktionieren kann. Die einzige Ökonomie, die dauerhaft funktionieren kann, ist eine Ökonomie der Erde.

SPIEGEL ONLINE: Was verstehen Sie darunter?

Shiva: Eine Ökonomie, die statt der finanziellen Wertschöpfung die Natur ins Zentrum rückt. Dazu gehört zum Beispiel eine Landwirtschaft, die keine ökologischen und sozialen Schäden anrichtet. Eine Landwirtschaft ohne Gifte, Kunstdünger und Pflanzenpatente, in der die Bauern wieder selbst bestimmen, was sie anbauen.

SPIEGEL ONLINE: In Indien verfolgen Sie genau diesen Ansatz. Unter der Leitung Ihrer Organisation RFSTE betreiben rund 100.000 Kleinbauern biologischen Anbau, hauptsächlich Mischkulturen. Ihre Ernten verkaufen sie weitgehend lokal. Könnte man mit einem solchen Konzept die rund 7,5 Milliarden Menschen ernähren, die auf der Erde leben?

Shiva: Man könnte sogar fast doppelt so viele ernähren. Denn Böden, die nicht von Monokulturen ausgelaugt und von Pestiziden vergiftet werden, bringen weit mehr Pflanzen hervor. Die Produktivität der industriellen Landwirtschaft ist in Wahrheit niedriger, nicht höher.

SPIEGEL ONLINE: In Branchen, die auf Massenproduktion setzen, ist das anders. Sie würden durch eine Rückkehr zum Klein-Klein massiv an Produktivität verlieren.

Shiva: Das kommt darauf an, wie Sie Produktivität definieren. In der kapitalistischen Gesellschaft gilt meist ein Produkt als effizient, das mit möglichst wenigen Einheiten Arbeit möglichst viele Einheiten Ertrag erwirtschaftet. Dabei ist doch vor allem ein Produkt effizient, das mit möglichst wenigen Ressourcen möglichst viel Ertrag erwirtschaftet.

SPIEGEL ONLINE: Und das ist Ihnen zufolge offenbar bei der Massenproduktion nicht so.

Shiva: Nein. Zumindest nicht, wenn man all die Kosten mit einrechnet, die das Produkt tatsächlich verursacht. Bei Nahrungsmitteln zum Beispiel die Kosten im Gesundheitssystem, die entstehen, weil Menschen durch die in Pflanzen enthaltenen Pestizide krank werden. Oder die Kosten für Luft- und Wasserverschmutzung. Oder für die Bekämpfung von resistenten Keimen, die durch den inflationären Einsatz von Medikamenten in der Massentierhaltung eingesetzt werden.

SPIEGEL ONLINE: Das klingt so, als seien Sie gegen jeglichen Einsatz von Technik. Dabei haben Sie selbst ein Handy und einen Computer.

Shiva: Ich bin nicht per se gegen den Einsatz von Technik. Ich finde nur, dass technologischer Fortschritt kein Selbstzweck sein darf. In einer Ökonomie der Erde stehen Werte wie Nachhaltigkeit, Fürsorge für alle Lebewesen und der unbedingte Respekt für die Belastungsgrenzen der Natur an oberster Stelle. Technik sollte immer diesen Zielen dienen. In der Ökonomie der Gier hingegen, die die G20 propagieren, wird eine kleine Elite dafür belohnt, dass sie den Rest der Welt ausbeutet - inklusive vieler Menschen, die heute noch gar nicht geboren sind.

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