Henrik Müller

Müllers Memo Die wahre Macht der G7

Der Weltwirtschaftsgipfel befasst sich mit allerhand Großproblemen, auf die er nur sehr begrenzt Einfluss hat. Dabei hätten die G7 gerade in ihrem Kerngeschäft viel zu tun: Der globale Kapitalismus ist auf die schiefe Bahn geraten.
Anti-G7-Proteste in Elmau: Paradigma der vergangenen Jahrzehnte überdenken

Anti-G7-Proteste in Elmau: Paradigma der vergangenen Jahrzehnte überdenken

Foto: JOHN MACDOUGALL/ AFP

Bilder sind Nachrichten. Hohe Berge, saftige Wiesen, Frieden, Ruhe, Gelassenheit, ein Märchenschloss, sechs Männer und ihre Gastgeberin vereint im ehrlichen Bemühen, die Welt zu verbessern - Bilder, die in krassem Gegensatz zum heillosen Zustand der Welt vielerorts auf dem Globus stehen. Es ist, so gesehen, eine sehr deutsche Heilsbotschaft, die vom G7-Gipfel ausgehen soll, der heute und am Montag im bayerischen Elmau stattfindet. Vieles wird zur Sprache kommen: der Klimaschutz, die Seuchenvorsorge, die Arbeitsmarktchancen von Frauen in Entwicklungsländern, um nur einige zu nennen.

Gut, dass sie reden. Gut, dass die sieben wichtigsten Staaten westlicher Prägung das Signal aussenden, miteinander kooperieren zu wollen. Allerdings ist es unwahrscheinlich, dass sie in dieser Form viel bewirken.

Seit vielen Jahren befassen sich die Weltwirtschaftsgipfel mit allerhand Großproblemen, auf die sie aber nur sehr begrenzt Einfluss haben. So wichtig viele der Themen sein mögen: Der Beitrag der G7 wäre größer, wenn sie sich auf jene Felder konzentrierten, die sie selbst bestellen können.

Davon gibt es derzeit eine Menge. Die Weltwirtschaft ist in einem kritischen Zustand. Eine Ära der Volatilität, der großen Schwankungen, hat begonnen. Zinsen, Kurse, Ölpreise, Immobilienmärkte, Wechselkurse - von Ruhe keine Spur. Mühsam schützen die Notenbanken die Kartenhäuser des Kapitalismus vor dem Zusammenbruch. Aber eine systematische Antwort, wie das globale Wirtschafts- und Finanzsystem nachhaltig funktionieren kann, gibt es nicht.

Reichlich zu tun also für den Weltwirtschaftsgipfel. Eigentlich. Die G7 sind wieder in ihrem Kerngeschäft gefordert: der Stabilisierung der Weltwirtschaft. Aus diesem Blickwinkel ist der Ausschluss Russlands aus der zwischenzeitlich zur G8 erweiterten Runde sogar ein Vorteil: Die verbliebenen Mitglieder - die USA, Japan, Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Italien, Kanada sowie die EU (deshalb ist auch Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker in Elmau dabei) - sind sich in ihren Wirtschaftsstrukturen, Problem- und Wertvorstellungen ähnlich. Und sie verfügen über die Mittel, tatsächlich etwas bewirken zu können.

Im Kernbereich haben die G7 nach wie vor Macht

Es stimmt schon: Der Aufstieg der Schwellenländer hat in vielen Bereichen die Rolle der G7 dezimiert. Chinas Expansionsdrang im südchinesischen Meer können Nordamerikaner, Westeuropäer und Japaner nicht eindämmen, das Morden in Syrien nicht stoppen, das Weltklima nicht im Alleingang retten. Aber im Kernbereich der Wirtschafts-, Währungs- und Finanzpolitik sind sie nach wie vor die dominanten Spieler:

  • Immer noch tragen die G7 mehr als die Hälfte zum Weltsozialprodukt bei, jedenfalls in tatsächlichen Währungsrelationen. (Berücksichtigt man bei der Wirtschaftsleistung der ärmeren Länder die niedrigeren örtlichen Preise, wie es sich eingebürgert hat, kommen die G7 auf einen Anteil von einem Drittel.)
  • Beim globalen Wachstum spielen die G7 wieder eine Hauptrolle. In den vergangenen Jahren trieben zwar die Schwellenländer die Dynamik. Das ist vorerst vorbei: Chinas Dynamik schwächt sich immer weiter ab, Russlands und Brasiliens Volkswirtschaften schrumpfen.
  • Immer noch dominieren die Westwährungen die Welt: Dollar und Euro machen rund 85 Prozent der ausgewiesenen Währungsreserven aus. Ähnlich hoch ist der Anteil auf den globalen Anleihemärkten.
  • Im Welthandel kommen allein die G7 auf ein Drittel des Umschlags. Rechnet man die übrigen westlichen Länder hinzu, wickeln sie zusammen knapp 60 Prozent der Im- und Exporte ab.

Die Zahlen zeigen klar: Bei der Ausgestaltung der Regeln für den internationalen Handel, bei der Regulierung der Finanzmärkte, beim Management von Geld und Währung könnten die G7 unmittelbare Lösungen finden. Sie haben es in der Hand, für Sicherheit und Stabilität zu sorgen. Anders gewendet: Es ist ihre Verantwortung, dies zu tun - einfach weil es niemand anders kann.

Lösungen statt Bilder

Eine drängende Aufgabe: Der globale Kapitalismus ist auf die schiefe Bahn geraten. Die Weltwirtschaft findet keinen Ausstieg aus der Schuldenmanie, befeuert von Ultrabilliggeld. Blase reiht sich an Blase, Crash an Crash, während Investitionen in Knowhow und Maschinen ausbleiben. Das Paradigma der vergangenen Jahrzehnte zu überdenken und dem System neue Leitplanken und Institutionen zu verpassen, sollte die ureigene Aufgabe der G7 sein.

Auf anderen Feldern hingegen sind Deklarationen der G7 vielleicht populär, aber nicht sonderlich effektiv. Die Gleichstellung von Frauen auf den Arbeitsmärkten? Von den 3,2 Milliarden Beschäftigten weltweit arbeitet lediglich eine halbe Milliarden im Westen, kalkuliert die Internationale Arbeitsorganisation (ILO). Wenn der G7-Gipfel wohlklingende Initiativen ankündigt, wird das kaum unmittelbare Folgen haben.

Die Verbesserung des Weltklimas? Bei quasi jedem Weltwirtschaftsgipfel der vergangenen Jahre stand das Thema auf der Tagesordnung - auch in Elmau ist es wieder oben auf der Agenda. Entscheidende Durchbrüche sind nicht erreicht worden. Kein Wunder: Der globale CO2-Ausstoß wird nur noch zu einem Drittel von den USA, der EU und Japan verantwortet. Ohne den neuen Großemittenten China, Russland und die sich rasch industrialisierenden Golfstaaten lässt sich der Klimatrend nicht drehen.

Sicher, Bilder sind Nachrichten. Aber Lösungen wären echte Botschaften.


Die wichtigsten Wirtschaftstermine der Woche

MONTAG

ELMAU - Auf dem Gipfel - Die G7 setzen ihre Tagung fort und begrüßen allerlei Gäste aus dem Rest der Welt.

DIENSTAG

PEKING - Puls der Weltwirtschaft - Neue Zahlen vom chinesischen Außenhandel.

BERLIN - Immer nur reden - Der griechische Finanzminister Varoufakis spricht bei der Hans-Böckler-Stiftung des DGB über "Die Zukunft Griechenlands in der EU"

LISSABON - Zittern vor der Kettenreaktion - Die Unsicherheit um Griechenlands Finanzlage könnte auch andere schwächere Länder in Mitleidenschaft ziehen. Entsprechend interessiert werden die Finanzmärkte den neuen Wirtschaftsbericht der portugiesischen Notenbank aufnehmen, inklusive aktualisierter Wachstumsprognosen für 2015 und 2016.

PEKING - Deflationsalarm? - Neue Daten zur Preisentwicklung in China.

MITTWOCH

BRÜSSEL - Go south - Gipfeltreffen der EU und der Gemeinschaft lateinamerikanischer und karibischer Staaten.

STRASSBURG - Freiheit für Chlorhühnchen - Das EU-Parlament debattiert über das US-EU-Handelsabkommen TTIP.

DRESDEN - Arm gegen reich - Hauptversammlung des Deutschen Städtetages. Hauptthema: das immer stärkere Gefälle zwischen wohlhabenden und darbenden Städten.

DONNERSTAG

KÖLN - Das Ende naht - Der lange Prozess gegen die frühere Führungsriege des Bankhauses Sal. Oppenheim geht zu Ende. Die Verteidigung hält ihre Plädoyers.

WASHINGTON - Amerika goes shopping - Neue Zahlen zu den Einzelhandelsumsätzen in den USA.

FREITAG

BERLIN - Unternehmer-Kollektiv - Festakt zum 125-jährigen Bestehen des Arbeitgeberverbands Gesamtmetall.

Zum Autor
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Institut für Journalistik, TU Dortmund

Henrik Müller ist Professor für wirtschaftspolitischen Journalismus an der Technischen Universität Dortmund. Zuvor arbeitete der promovierte Volkswirt als Vizechefredakteur des manager magazin. Außerdem ist Müller Autor zahlreicher Bücher zu wirtschafts- und währungspolitischen Themen. Für den SPIEGEL gibt er jede Woche einen pointierten Ausblick auf die wichtigsten Wirtschaftsereignisse der Woche.

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