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09. Juni 2015, 13:52 Uhr

G7-Gipfel

Die Klima-Mogelei von Elmau

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Die G7 streben bis Ende des Jahrhunderts weltweit eine CO2-freie Energieversorgung an. Doch sie tun wenig, um diese Vision umzusetzen. In Deutschland kann man sich nicht einmal auf eine Abgabe für klimaschädliche Kraftwerke einigen.

Solarpaneele gleißen auf den Dächern, Windräder drehen sich majestätisch vor den Küsten. Die Städte sind C02-frei, die Häuser energetisch gedämmt, die Heizungen werden mit sauberem, synthetischem Gas aus heimischer Herstellung betrieben. Elektroautos surren, natürlich mit Ökostrom betrieben, durch die Straßen. Wir schreiben das Jahr 2099, die globale Strom- und Wärmeversorgung sowie der globale Verkehrssektor sind komplett auf erneuerbare Energien umgestellt.

Es klingt wie eine kühne Zukunftsvision, doch genau diese wollen die sieben mächtigsten Wirtschaftsnationen der Welt (G7) nach eigenem Bekunden erreichen. Am Montag haben sich die Staatschefs auf ihrem Gipfel in Elmau die komplette Dekarbonisierung des Planeten zum Ziel gesetzt. Das bedeutet: Bis Ende des Jahrhunderts soll der weltweite Ausstoß von Treibhausgasen auf null sinken. Ärmere Staaten sollen ab 2020 von den G7 unterstützt werden.

Nach Verkündung der G7-Ziele war die Euphorie zunächst groß. Klimaschützer feierten den Beschluss als "Meilenstein", als "historisches Versprechen". Tatsächlich handelt es sich - wie so oft beim Thema Klima - um eine reine Absichtserklärung. Und diese ist aus deutscher Sicht gleich in dreifacher Hinsicht verlogen.

1. Die Ziele sind pompös - aber unkonkret

Zwei Zahlen zeigen, welche Dimension die Umstellung der Welt auf eine CO2-freie Energieversorgung hat: 2014 wurden weltweit rund 270 Milliarden Dollar in erneuerbare Energien investiert. Der Anteil des Ökostroms an der weltweiten Energieproduktion aber wuchs im selben Zeitraum noch nicht einmal um ein Prozent.

Hauptgrund: In Schwellenländern wie China, Indien oder Brasilien gehen massig neue Kohlekraftwerke ans Netz, weil Wind- und Solaranlagen allein den Energiehunger der aufstrebenden Wirtschaftsnationen nicht stillen können. Bei Weitem nicht.

Angesichts solcher Probleme sind hochtrabende Ziele nicht genug. Denn spätestens wenn es darum geht zu handeln, sind die pompösen Klimabeschlüsse der G7 bislang regelmäßig gescheitert. 2009, vor der letzten Weltklimakonferenz in Kopenhagen etwa, hatten die Industrieländer sich geeinigt, ihre CO2-Emissionen bis 2050 um 80 Prozent zu senken. In Kopenhagen selbst konnte sich die Weltgemeinschaft dann doch nicht darauf verständigen.

Nun lautet das G7-Ziel, die CO2-Emissionen bis zum Jahr 2050 im Vergleich zu 2010 um "40 bis 70 Prozent zu reduzieren". Beim Klimagipfel in Paris Ende 2015 sollen erstmalig mehr als 190 Staaten einen entsprechenden Weltklimavertrag unterzeichnen. Ob das gelingt, ist ungeachtet aller Ankündigungen völlig unklar.

2. Merkel handelt anders als sie redet

Auf der globalen Bühne des G7-Gipfels hat Angela Merkel am Montag zu ihrer Rolle als Klimakanzlerin zurückgefunden; in Deutschland dagegen hat die CDU-Chefin zuletzt einen anderen politischen Kurs eingeschlagen: Ihr Kabinett hatte im Dezember beschlossen, dass im Kraftwerksbereich zusätzlich 22 Millionen Tonnen CO2 eingespart werden sollen. Das ist nötig, damit die Regierung ihr selbstgestecktes Ziel von 40 Prozent weniger CO2-Emissionen bis zum Jahr 2020 im Vergleich zu 1990 noch erreichen kann.

Um dieses Ziel zu erreichen, legte Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) das Konzept einer Zwangsabgabe für mehr als 20 Jahre alte Kohlekraftwerke vor, die ein bestimmtes CO2-Ausstoßlimit überschreiten. Der Widerstand war groß, Merkel ließ Gabriel mit seinem Vorschlag allein. Seitdem ist unklar, wie die vielen Tonnen CO2 im Kraftwerksektor gespart werden sollen. Deutschland läuft Gefahr, sein 40-Prozent-Ziel zu verfehlen. Das Hickhack, das sich Europas mächtigste Industrienation wegen ein paar Tonnen CO2 leistet, sendet ein verheerendes Signal in Richtung Pariser Klimagipfel.

3. Das Zwei-Grad-Ziel ist wahrscheinlich nicht zu halten

Bei ihrer Abschlusskundgebung in Elmau bekannten sich die G7-Staaten erneut zum Ziel, die Erderwärmung auf zwei Grad Celsius zu begrenzen. Doch das ist nach Meinung vieler Experten schon jetzt kaum noch realistisch. Der Uno-Klimarat IPCC geht davon aus, dass der Treibhauseffekt die Lufttemperatur auf der Erde schlimmstenfalls um bis zu 4,5 Grad Celsius erhöhen könnte.

Die Klimapolitik der meisten Länder verheißt nichts Gutes. Der weltgrößte Klimasünder China etwa will erst ab 2030 mit einer Reduzierung der CO2-Ausstöße beginnen. Und trotz aller Beschlüsse eilt der globale CO2-Ausstoß jährlich von Rekord zu Rekord. "Kein einziges Land ist bislang auf dem Weg, einen gefährlichen Klimawandel zu verhindern", moniert die Umweltorganisation Germanwatch. Wie unter solchen Umständen das Zwei-Grad-Ziel eingehalten werden soll, ist den Experten schleierhaft.

Zusammengefasst: Die G7, allen voran Kanzlerin Merkel, haben vollmundige Versprechen für den Klimaschutz gemacht. Doch es gibt keine Garantie, dass sie die Ziele je umsetzen. In Deutschland kann sich die Regierung derzeit noch nicht einmal auf eine Abgabe für besonders klimaschädliche Kraftwerke einigen. Das Ziel, die Erderwärmung auf zwei Grad Celsius zu begrenzen, scheint kaum zu halten.

Mit Material von dpa-AFX

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