Krim-Krise So abhängig sind wir von Putins Gas

Gibt es Alternativen zu Russlands Gas oder nicht? Täglich scheinen sich Politiker und Experten in dieser Frage zu widersprechen. Tatsächlich stimmt beides - es werden nur verschiedene Zeithorizonte vermischt.

Gas-Pipeline in Ungarn (Archivbild): Angst vor einem Lieferstopp
AP/dpa

Gas-Pipeline in Ungarn (Archivbild): Angst vor einem Lieferstopp

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Hamburg - In der Debatte ums russische Erdgas herrscht babylonische Sprachverwirrung. Kanzlerin Angela Merkel etwa sagt, man werde die Energiepolitik komplett überdenken. Ihr Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel dagegen meint: Es gebe gar keine vernünftige Alternative zum russischen Erdgas. Womit es dann ja nichts zu überdenken gäbe. Von Ökonomen, Analysten und anderen Experten sind ähnlich widersprüchliche Aussagen zu hören.

Dass so viel durcheinandergeht, hat im Kern zwei Ursachen, die eng zusammenhängen. Ursache Nummer eins ist, dass Aussagen zu Putins Gas oft entweder interessengeleitet oder ideologisch sind. Oder beides.

Kanadas Premier Stephen Harper verfolgt einfach Geschäftsinteressen, wenn er sagt: Liebe Europäer, fürchtet euch nicht. Wenn die Russen euch hängen lassen, dann schicken wir euch künftig mehr Rohstoffe per Tanker. (Zum Beispiel Öl, das auf enorm umweltschädliche Weise aus Teersanden gewonnen wird.) Ebenso interessengeleitet ist es, wenn Öko-Verbände fordern, man sollte sich durch mehr Windräder und Wärmedämmplatten von Putin emanzipieren.

Die Aussagen sind korrekt - und trotzdem trügerisch. Denn die Interessenvertreter präsentieren langfristige Ansätze als Lösung für ein kurzfristiges Problem. Womit wir bei Ursache Nummer zwei für die derzeitige Verwirrung sind: Es werden ständig Zeithorizonte vermischt.

Merkel und Gabriel haben beide recht

Wenn Angela Merkel sagt, sie werde die Energiepolitik komplett überdenken, dann spricht sie über einen langfristigen politischen Strategiewechsel. Und wenn Gabriel und sein norwegischer Amtskollege Tord Lien über höhere norwegische Gaslieferungen sinnieren, dann ist das ein Vorschlag für die kommenden Jahre oder Jahrzehnte.

Das ist sinnvoll, vor allem wenn man eine solche Debatte gleich auf europäischer Ebene führt. Im aktuellen Machtpoker zwischen Russland und Europa aber nützt es nichts. Kurzfristig lassen sich eben nicht genug Alternativen für Putins Gas mobilisieren. Gut 125 Milliarden Kubikmeter Gas hat die EU im vergangenen Jahr aus Russland bezogen, rund 27 Prozent ihres Bedarfs. Solche Mengen lassen sich auf die Schnelle nicht aus anderen Ländern beziehen.

Norwegen, neben Russland der größte Gaslieferant der EU, gibt zwar an, die Lieferungen kurzfristig um 130 Millionen Kubikmeter pro Tag erhöhen zu können. Das wäre etwa so viel Gas, wie Russland durch ukrainische Pipelines nach Europa pumpt. Man könne dieses Niveau jedoch nur wenige Tage aufrechterhalten, sagt Brian Bjordal, der Chef des norwegischen Pipeline-Betreibers Gassco. Andere Länder wie Katar oder Libyen könnten Flüssiggas nach Europa liefern, doch die kurzfristig verfügbaren Mengen sind klein. Und es ist unklar, ob kurzfristig genug Tanker frei wären, um das Gas zu liefern.

Bei einem plötzlichen Lieferstopp müssten die EU-Staaten ihre Versorgungslücke also zwangsläufig aus den eigenen Speichern decken. In Deutschland ginge das mehrere Monate, andere Länder wären wohl schon nach einigen Tagen unterversorgt. Die Speicher in Griechenland oder der Slowakei sind klein, die anderen EU-Staaten müssten Gas zuschießen - doch die Ströme in Europas Pipelines entsprechend umzulenken, ist kompliziert.

Lieferungen über die Ukraine drohen zu versiegen

Merkel hat also ebenso recht wie Gabriel. Man sollte sich nach Alternativen zu Russlands Gas umsehen, doch wenn Putin morgen den Hahn zudreht, hätte Europa ein großes Problem.

Diese fatale Abhängigkeit könnte die EU schon bald zu spüren bekommen. Denn das Risiko steigt, dass zumindest die russischen Gaslieferungen ausfallen, die über die Ukraine nach Europa gelangen. Die Ukraine schuldet Gazprom rund 1,6 Milliarden Dollar. Russland könnte bald Konsequenzen ziehen und die Ukraine vom Netz nehmen.

Die Regierung Kiew dürfte sich dann aus den Transitleitungen nach Europa bedienen, so hat sie es bislang fast in jeder Gaskrise gemacht. Russland könnte seine Lieferungen daraufhin noch weiter drosseln. Am Ende droht der Totalausfall aller Transitmengen nach Europa.

Rund 50 Prozent der russischen Gaslieferungen für Europa und die Türkei fließen durch die Ukraine. Schon diese Ausfälle wären schwer zu verkraften. Doch das russische Gas könnte ja noch an der Ukraine vorbei nach Europa geleitet werden. Vor allem die Ostsee-Pipeline Nord Stream hat freie Kapazitäten. Etwas Platz ist auch in den Gas-Pipelines durch Weißrussland und in der Schwarzmeer-Pipeline Blue Stream.

Abhängigkeit der EU-Staaten vom russischen Gas

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bauerbernd 28.03.2014
1. Jetzt wird sich herausstellen, ob die Energiewende wirklich so teuer ist.
Jetzt wird sich herausstellen, ob die Energiewende wirklich so teuer ist, oder ob die Abhängigkeit vn Putin vielleicht noch viel, viel teurer ist.
klugscheißer2011 28.03.2014
2. Merkels Pipleline...
Zitat von sysopAP/dpaGibt es Alternativen zu Russlands Gas oder nicht? Täglich scheinen sich Politiker und Experten in dieser Frage zu widersprechen. Tatsächlich stimmt beides - es werden nur verschiedene Zeithorizonte vermischt. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/gas-in-der-krim-krise-europas-abhaengigkeit-von-putins-russland-erdgas-a-961247.html
Naja, wenn Merkel nach Ihrer hoffentlich bald endenden Amtszeit erstmal einen Job bei einem kanadischen Gaskonzerne bekommt, dann bauen wir eine Pipeline quer durch den Atlantik, viel länger und größer als die Gasprom-Röhre von Schröder und dann machen wir uns zur Abwechslung mal von Kanada abhängig. Man könnte das Energieproblem aber auch lösen, in dem man Leute wie Gabriel, Altmeier oder Seehofer in ein großes Hamsterrad sperrt. Da können sie dann endlich mal einiges in Bewegung bringen, was sie ja sonst nie schaffen.
Thom-d 28.03.2014
3.
Zitat von sysopAP/dpaGibt es Alternativen zu Russlands Gas oder nicht? Täglich scheinen sich Politiker und Experten in dieser Frage zu widersprechen. Tatsächlich stimmt beides - es werden nur verschiedene Zeithorizonte vermischt. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/gas-in-der-krim-krise-europas-abhaengigkeit-von-putins-russland-erdgas-a-961247.html
Was nicht beachtet wird , sind die hohen Kosten der Alternativen zum russischen Gas. LNG ist schon seht teuer und erfordert sehr hohe Investitionen. Wegen der Nachfrage aus Eueopa würden die Preise sogar stark ansteigen, ob nun LNG oder Pipline-Gas aus anderen Quellen. Für Europa würde eine Alternative zum russischen Gas wohl auch langfristig ziemlich teuer werden und die Wirtschaftskrise verschärfen
soziökoeco 28.03.2014
4. Gut so, das wir Handelsbeziehungen haben
WIr Liefern Maschinen, ICs, ICEs, Autos, sie liefern uns Gas. Wechselseitige Abhängigkeit ist gut.
pjotr_perwi 28.03.2014
5. eieiei....
.... wie kommt man denn bei SPON auf die Idee, dass die "neuen, dankbaren" Verbündeten in Kiew unser Gas aus den durch die Ukraine führenden Pipelines klauen könnte. Hat man sich nun doch mit Kriminellen liiert? Und der viel gescholtene Gerhard Schröder, der ja in den gleich geschalteten Medien auf einmal zum "Putin-Freund" gemacht wurde, war vielleicht doch nicht so verkehrt drauf, als er den Bau der Ostsee-Pipeline vorantrieb?
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