Krisensimulation Deutschland käme fünf Monate ohne Gas aus Russland aus

Sollte die Ukraine-Krise eskalieren, könnte Deutschland bis zu fünf Monate ohne russisches Gas auskommen. Das geht aus einer neuen Krisensimulation hervor, die SPIEGEL ONLINE vorliegt. Andere EU-Länder bekämen schneller Probleme.
Pipelines in der Ukraine: Versorgungsstörungen nach sechs Monaten

Pipelines in der Ukraine: Versorgungsstörungen nach sechs Monaten

Foto: ALEXANDER ZOBIN/ AFP

Hamburg - Im Herbst 2014 verschärft sich der Streit um die Ostukraine zusehends, die EU und Russland bekriegen sich mit immer härteren Sanktionen, schließlich, im November, greift der russische Präsident zum Äußersten: Wladimir Putin dreht Europa den Gashahn zu. Dem ganzen Kontinent droht ein kalter Winter.

Es ist das ultimative Krisenszenario, mit dem sich das Energiewirtschaftliche Institut an der Universität zu Köln (EWI) mehrere Wochen lang befasst hat. Eine bisher völlig theoretische Studie. Ganz abwegig ist sie aber auch nicht mehr, seit sich russische Truppen in die Ostukraine einschleichen und Russland mit dem Bau einer Gaspipeline nach China begonnen hat.

Immerhin: Sollte der Fall eines russischen Gasembargos eintreten, so könnte Deutschland ihm offenbar lange standhalten. Erst nach sechs Monaten würde ein Stopp russischer Erdgaslieferungen zu Versorgungsstörungen in Deutschland führen, heißt es in der EWI-Simulation, die SPIEGEL ONLINE vorliegt. Gut 3,4 Milliarden Kubikmeter Gas würden dann fehlen, haben die Energieexperten um Studienleiter Harald Hecking ausgerechnet. Im gesamten vergangenen Jahr wurden in Deutschland rund 84 Milliarden Kubikmeter verbraucht.

Die EWI-Studie nennt zwei Voraussetzungen, damit Deutschland den Winter weitgehend ohne Lieferungen aus Russland überstehen könnte:

  • Als Ausgleich für das fehlende Pipeline-Gas müsste Europa insgesamt gut 45 Milliarden Kubikmeter mehr Flüssiggas importieren als im vergangenen Jahr. Der Rohstoff wird dabei auf minus 164 Grad gekühlt und per Tanker in alle Welt exportiert. Dank der zusätzlichen Rohstoffe vom Schiff müsste weniger Gas aus Deutschland in andere EU-Staaten durchgeleitet werden. Da das Flüssiggas größtenteils aus Asien kommen müsste, dürften die Gaspreise steigen, heißt es in der Studie. Würden nur zusätzliche 25 Milliarden Kubikmeter importiert, käme es bereits bei einem dreimonatigen Gasembargo zu Lieferengpässen in Deutschland.
  • Die Bundesrepublik müsste ihre Gasspeicher den Winter über fast komplett leeren. Sie ließen sich dann bis zum übernächsten Winter nicht wieder vollständig auffüllen. Die Versorgungssicherheit wäre dadurch auch von Oktober 2015 bis März 2016 niedriger als normal, heißt es in der Studie.

Auch technisch wäre die Versorgung der Bundesrepublik aus alternativen Quellen wohl problemlos möglich. "Die deutschen Gasnetze sind so modern, dass die Ströme tagesaktuell umgeleitet werden könnten", teilt ein Sprecher der Ontras Gastransport GmbH mit. "Auswirkungen auf die Transportfähigkeit in Deutschlands Pipelines wären demnach nicht zu befürchten."

Entwarnung geben die EWI-Experten dennoch nicht. Denn andere EU-Länder wären weit schneller unterversorgt. Staaten wie Griechenland, Bulgarien, die Slowakei und Ungarn decken einen Großteil ihres Verbrauchs durch russische Lieferungen, verfügen zum Teil nur über sehr kleine Gasspeicher. Und das europäische Pipelinenetz hat nicht genug Kapazitäten, um den Gasbedarf dieser Länder aus anderen Teilen der EU zu decken.

Der Branchenverband der europäischen Pipelinebetreiber (Entsog) hatte bereits im Mai gewarnt, dass mehrere EU-Staaten einem russischen Lieferboykott nur kurz standhalten könnten. Zu einem ähnlichen Ergebnis kommen nun auch die EWI-Experten: Deutschland mag fünf Monate ohne russisches Gas auskommen, doch die deutsche Bundesregierung könnte andere EU-Länder, die schneller unterversorgt wären, kaum im Stich lassen.

Das EWI führt seit 1943 energiewissenschaftliche Studien durch, unter anderem für die Bundesregierung. Es wird über eine Fördergesellschaft von Großkonzernen der Energiewirtschaft mitfinanziert.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.