Ukraine-Krise Russischer Gasboykott würde Europas Pipelines überlasten

Wie gefährlich wird der Gasstreit zwischen Kiew und Moskau für Europa? Laut einer Studie, die SPIEGEL ONLINE vorliegt, wäre das Pipelinenetz der EU bei einem russischen Lieferstopp überfordert.
Gasspeicher in Tschechien: Zu wenig Infrastruktur für russischen Lieferstopp

Gasspeicher in Tschechien: Zu wenig Infrastruktur für russischen Lieferstopp

Foto: © David W Cerny / Reuters/ REUTERS

Hamburg - Die Erwartungen an das Treffen sind gewaltig. Ein letztes Mal will der scheidende EU-Energiekommissar Günther Oettinger am Mittwoch mit den Energieministern Russlands und der Ukraine um eine Lösung im Gasstreit feilschen. Seit Mitte Juni verhandeln die Minister Alexander Nowak (Russland) und Juri Prodan (Ukraine) nun schon darüber, zu welchem Preis Russland die Ukraine künftig beliefern soll und wann Kiew endlich seine milliardenschwere Gasrechnung beim Kreml begleicht.

Die Hoffnung ist groß, dass sich die Streithähne nun endlich einigen, notfalls indem europäische Banken oder die EU-Kommission Geld zuschießen. Für Oettinger ist es die letzte Chance, den Streit noch in seiner Amtszeit zu schlichten; am 1. November übernimmt die neue EU-Kommission von Jean-Claude Juncker, Oettinger ist dann für Digitales zuständig. Und in der Ukraine rückt der Winter näher; die Temperaturen liegen schon jetzt in einigen Regionen nur noch wenige Grad über Null.

An einer weiteren Eskalation des Konflikts kann Europa kein Interesse haben. Denn wird der Rohstoff in der Ukraine erst knapp, dürfte sich das Land bald aus den Pipelines bedienen, die große Mengen Gas durch die Ukraine in die EU leiten. Schon jetzt helfen einige EU-Länder der Ukraine mit Gas aus, die Russen drohen deshalb, ihre Lieferungen in diese Länder zu drosseln.

Die EU selbst sieht sich für diesen Ernstfall gerüstet. Selbst wenn Russland seine Gaslieferungen nach Europa in den kommenden sechs Monaten komplett einstellen würde, "müsste kein EU-Bürger frieren", sagte Oettinger kürzlich. Voraussetzung sei ein offener europäischer Binnenmarkt.

Milliardenschwere Investitionen für Unabhängigkeit nötig

Doch das ist Augenwischerei. Mehrere Studien haben nachgewiesen, dass es derzeit kaum möglich wäre, die fehlenden Lieferungen aus Russland komplett zu kompensieren. Das Energiewirtschaftliche Institut an der Universität zu Köln (EWI) etwa schätzt, dass Europa bei einem sechsmonatigen Lieferstopp bis zu 118 Milliarden Kubikmeter sogenanntes Flüssiggas importieren müsste. Der Rohstoff wird dabei auf minus 164 Grad gekühlt und per Tanker in alle Welt exportiert. Dass sich solch gewaltige Mengen zu vertretbaren Preisen einkaufen lassen, halten die EWI-Experten für enorm unrealistisch.

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Fotostrecke: Die Schwachpunkte in Europas Pipelinenetz

Foto: SPIEGEL ONLINE

Hinzu kommt: Selbst wenn sich so viel Flüssiggas auftreiben ließe, hätte Europa laut EWI gar nicht die Infrastruktur, um den Rohstoff schnell genug in die einzelnen EU-Länder zu verteilen (siehe Grafiken). Wenn Europa über sechs Monate auf russisches Erdgas verzichten müsste, wäre das europäische Pipelinenetz rasch überlastet, heißt es in einer Analyse, die die Forscher für SPIEGEL ONLINE erstellt haben.

Die Kapazitäten würden beispielsweise an der Grenze zwischen Österreich und Italien nicht reichen, sagt EWI-Energieexperte Harald Hecking. "Außerdem müssten die Flüssiggasterminals in Griechenland und der Türkei deutlich erweitert werden, um Südosteuropa zu versorgen." Auch an einem deutsch-polnischen Grenzübergang würde es bei einem langen Lieferstopp und einem kalten Winter zu Engpässen kommen.

Würde die EU wirklich ohne russisches Gas auskommen wollen, müsste sie erst in neue Infrastruktur investieren. Allein für den Ausbau der Flüssiggasterminals wären Brancheninsidern zufolge Investitionen von zwei bis drei Milliarden Euro nötig, hinzu kämen Ausgaben für neue Gasspeicher in geschätzter Höhe von drei bis vier Milliarden Euro sowie nicht näher bezifferte Investitionen in neue Pipelines, Verdichterstationen und höhere Kapazitäten an Grenzübergängen.

Technisch möglich wäre all das - aber nicht mehr im kommenden Winter. Selbst wenn Geld keine Rolle spielen würde, ließe sich die zusätzliche Infrastruktur nicht mehr schnell genug bauen, um Europas Verhandlungsposition im Gasstreit zu stärken.

Fazit: Europa ist im aktuellen Gasstreit gleich doppelt erpressbar. Einerseits, weil man den EU-Schützling und Nato-Anwärter Ukraine politisch nicht seinem Schicksal überlassen will; andererseits, weil man selbst auf einen russischen Lieferstopp unzureichend vorbereitet ist.

Entsprechend hoch ist das Interesse der Europäer am Mittwoch, einen Kompromiss zwischen Kiew und Moskau auszuhandeln. Notfalls wohl auch, indem man der Ukraine mit neuen Krediten hilft, ihre Gasschulden zu zahlen.