30-Jahres-Vertrag mit China Was Putins Gas-Deal für Europa bedeutet

Der milliardenschwere Gasvertrag zwischen Russland und China alarmiert den Westen. Doch Energieexperten sehen keinen Grund zur Panik: Der EU bleiben noch einige Jahre, um sich unabhängiger von Gazprom zu machen.
Wladimir Putin mit Chinas Präsident Xi Jinping: Teure Jubelbilder

Wladimir Putin mit Chinas Präsident Xi Jinping: Teure Jubelbilder

Foto: ALEXEY DRUZHININ/ AFP

Wladimir Putin versteht es, Politik zu zelebrieren. Die Tinte unter dem milliardenschweren Gasliefervertrag zwischen Russlands Staatskonzern Gazprom und der China National Petroleum Corporation (CNPC) ist gerade trocken, da hat der Kreml-Chef bereits ein Gläschen mit Klarem in der Hand.

Putin schreitet an der chinesischen Delegation vorbei, stößt mit jedem Teilnehmer einzeln an. Dann geht er wieder in die Saalmitte, auf Chinas Staatschef Xi Jinping zu. Na sdorowje, die Gläschen klirren, die Kameras klicken. Jetzt noch ein völkerfreundschaftlicher Händedruck: diese Bilder werden um die Welt gehen. Und so wird zur Randnotiz, dass Russland den "Gas-Deal des Jahrhunderts", wie ihn der Kreml-nahe Sender Russia Today bejubelt, wohl mit erheblichen Preisnachlässen erkauft hat.

30 Jahre wird Russlands Gazprom Gas an Chinas CNPC liefern. 38 Milliarden Kubikmeter, Jahr für Jahr. Mutmaßlich 400 Milliarden US-Dollar schwer ist der Deal. Es sind gigantische Zahlen, die über das Abkommen von Shanghai kursieren. Sie schüren Angst im Westen: dass Russland künftig sein Gas nicht mehr nach Europa liefern könnte - sondern in die kommunistische Volksrepublik. So hat es ja gerade erst Dmitrij Medwedew angedroht, Russlands Ministerpräsident.

Wenn "vom Schlimmsten" ausgegangen werde, sei eine Umorientierung der Gasexporte von Europa nach China "theoretisch" durchaus möglich, orakelt Medwedew am Dienstag in einem Interview mit dem TV-Sender Bloomberg. Keine 24 Stunden später vollziehen Russen und Chinesen ihren ersten großen Erdgas-Deal. Zückt Moskau am Ende wirklich die Gaswaffe, wenn die Ukraine-Krise weiter eskaliert und der Westen die Sanktionen verschärft?

"Keine unmittelbaren Konsequenzen für Europa"

Marktexperten sehen keinen Anlass zur Panik. "Ich erwarte durch diesen Vertrag keine unmittelbaren Konsequenzen für Europa", sagt Claudia Kemfert, Abteilungsleiterin für Energie, Umwelt und Verkehr am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW). "Wir haben zurzeit ein Überangebot an Gas auf den internationalen Märkten." Und Steffen Bukold, Chef des Hamburger Forschungs- und Beratungsbüros EnergyComment spricht sogar von einer "guten Nachricht für die deutschen Gaseinkäufer und Gasverbraucher", da so noch mehr Erdgas auf den Weltmarkt komme;

Theoretisch mag die von Medwedew beschworene Umorientierung gen Osten eines Tages möglich sein. Praktisch werden Jahre vergehen, ehe Moskau seine Drohung umsetzen kann. Denn bislang gibt es noch nicht einmal eine einzige direkte Gaspipeline von Russland nach China. Frühestens 2018 sollen die Lieferungen losgehen. Davor müssen beide Vertragsparteien erst mal ordentlich investieren: laut Putin um die 70 Milliarden US-Dollar.

Die wichtigsten Öl- und Gaspipelines in Europa

Die wichtigsten Öl- und Gaspipelines in Europa

Das Gas für China wird dann voraussichtlich aus neu erschlossenen Feldern im abgelegenen Ostsibirien kommen - und nicht aus den Vorkommen in Westsibirien aus denen sich die Lieferungen für Europa speisen. Um dieses Gas in den Fernen Osten zu leiten, müsste Gazprom erst mal zwischen den westsibirischen und den ostsibirischen Feldern eine weitere, Tausende Kilometer lange Pipeline bauen. Oder eine noch aufwendigere Infrastruktur für den Export von Flüssiggas bauen. Das dauert und kostet.

Und schließlich ist die Volksrepublik verglichen mit Europa noch ein kleiner Abnehmer. "Russland liefert an Europa pro Jahr knapp 130 Milliarden Kubikmeter Gas, plus 40 Milliarden an die Türkei", sagt Gasexperte Bukold. Das ist mehr als viermal so viel wie der neue Vertrag für China vorsieht.

Gut ein Jahrzehnt lang haben Russen und Chinesen über das ganz große Geschäft geschachert, vergangenes Jahr haben sie eine Absichtserklärung unterzeichnet. Nur der Preis war noch offen. Der Vollzug sei überfällig gewesen, sagt DIW-Ökonomin Kemfert: "Es ist legitim, dass Russland diversifiziert und versucht, seine Abhängigkeit vom Abnehmer Europa zu reduzieren." Europa müsse jetzt seinerseits entschlossen weiter diversifizieren und Gas aus dem kaspischem Raum, Nordafrika oder den USA beschaffen.

Die Chinesen haben ein Schnäppchen gemacht

Zentral sei dabei mittelfristig der Ausbau der Kapazitäten für LNG, das verflüssigte Erdgas. Dabei wird der Rohstoff am Förderort auf minus 162 Grad Celsius herabgekühlt, woraufhin er auf ein Sechshundertstel seines Volumens schrumpft. Dann wird er in Spezialtanker verschifft und am Bestimmungsort in speziellen Terminals wieder gasifiziert. Deutschland hat bislang allerdings noch nicht ein einziges solches LNG-Terminal.

Bukold sagt voraus, dass sich die internationalen LNG-Preise langfristig schwächer entwickeln werden als bislang erwartet wurde. Denn China braucht künftig weniger verflüssigtes Gas - wegen des Deals mit Russland. "Europa sollte sich freuen", sagt der Forscher. Und die Chinesen auch, denn sie haben wohl ein Schnäppchen gemacht.

Ursprünglich soll Gazprom 400 US-Dollar je 1000 Kubikmeter Gas verlangt haben. Der Ukraine-Konflikt habe Russland aber mutmaßlich zu weitreichenden Zugeständnissen bei den Preisverhandlungen gebracht, zitiert die Nachrichtenagentur dpa den Außenpolitik-Experten Cheng Xiaohe von der Pekinger Volksuniversität. Denn Moskau sucht wegen der Sanktionsdrohungen von USA und EU gerade dringend nach neuen Abnehmern für sein Erdgas.

Rechnet man die kolportierten 400 Milliarden Dollar auf die gesamten Lieferungen um, kriegt Gazprom nur etwa 350 Dollar pro 1000 Kubikmeter Gas. Das ist etwas weniger als der durchschnittliche Importpreis von umgerechnet etwa 365 Dollar, den Deutschland im März für sein Erdgas zahlte. Und kommerziell enttäuschend angesichts der gewaltigen Summen, die der Konzern nun in die Erschließung der neuen Felder in Ostsibirien investieren muss.

Es sind teure Jubelbilder, die Wladimir Putin da gerade produziert.

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