Gefährliche Debatte über billiges Geld Inflation zerstört die Demokratie

Die Ära der stabilen Währungen geht zu Ende. Weltweit fordern Ökonomen höhere Inflationsraten - um so die Staatshaushalte unauffällig zu entschulden. Doch die Politik des billigen Geldes ist kein eleganter Weg: Steigende Preise sind nichts anderes als kalte Enteignung.
Supermarkt (in Köln): Schuldenbombe entschärfen - zu Lasten der Verbraucher?

Supermarkt (in Köln): Schuldenbombe entschärfen - zu Lasten der Verbraucher?

Foto: A3250 Oliver Berg/ dpa

Sie zündeln wieder. Sie spielen mit dem Geld der Völker, bislang nur gedanklich, aber demnächst wohl auch faktisch. Es ist offensichtlich: Was wir derzeit erleben, ist die Abkehr vom Paradigma des stabilen Geldes.

Bislang galt ein jährlicher Anstieg der Verbraucherpreise von 1,5 bis drei Prozent als tolerierbar. Jetzt, im Zuge der heraufziehenden Staatsschuldenkrise, wird diese Schwelle angehoben. Der Internationale Währungsfonds (IWF) bringt ein Inflationsziel von vier Prozent ins Gespräch. Andere Ökonomen gehen weiter: Fünf Prozent Inflation über mehrere Jahre könne die amerikanischen Staatsschulden "signifikant reduzieren", rechnen die US-Ökonomen Joshua Aizenman und Nancy Marion vor. Es gebe in Zeiten schwachen Wachstums kaum einen anderen Weg.

Kenneth Rogoff, Harvard-Professor und Ex-Chefvolkswirt des IWF, hat sich schon voriges Jahr für sechs Prozent ausgesprochen, um die "Schuldenbombe zu entschärfen und um uns durch den Entschuldungsprozess zu helfen".

Dies ist erst der Anfang. Je mehr Staaten sich fiskalisch in die Enge gedrängt sehen, desto lauter wird der Ruf nach Hilfe durch die Notenbanken - also nach einer laxeren Geldpolitik. Und wenn man schon Geldwertstabilität neu definiert, warum dann bei vier oder sechs Prozent aufhören, warum nicht zehn oder 20 Prozent?

Es geht um das Vertrauen in den Staat

Aus Sicht vieler Makroökonomen sind dies eher technische Fragen. Inflation ist für sie eine Variable im großen Weltmodell, man kann sie so oder so beeinflussen. Aus Sicht der Bürger aber geht es um etwas viel Grundsätzlicheres: um die allgemeinen Wertmaßstäbe einer Gesellschaft. Es geht um das Vertrauen in die Zuverlässigkeit des Staates. Es geht um das Vertrauen in die Demokratie.

Wer mit der Inflation spielt, spielt mit der Gesellschaftsordnung insgesamt. Denn Geld ist viel mehr als Ökonomen sich das gemeinhin denken. Es ist nicht nur ein Medium, das den Tausch erleichtert. In modernen Gesellschaften ist es längst zum Wertmaßstab schlechthin geworden. Gesellschaftlicher Status, Verfügungsrechte über Ressourcen, individuelle Freiheit - all das macht sich am Geld fest, nicht ausschließlich, aber doch zu einem erheblichen Teil. Anders als in traditionelleren Gesellschaften, wo Herkunft und Stand, Familie und Stamm den Platz in der Gemeinschaft bestimmen, ist in modernen Gesellschaften das Geld das bestimmende Element.

Wert und Selbstwert hängen in einer hochgradig arbeitsteiligen Gesellschaft nicht zuletzt vom individuell verfügbaren Geld ab. Wenn aber der Geldwert nicht mehr verlässlich ist, verschieben sich die Maßstäbe insgesamt. Das Wertesystem einer Gesellschaft gerät ins Rutschen, mit unabsehbaren Folgen. Auf nichts im Staat scheint mehr Verlass zu sein.

Politische und ökonomische Destabilisierung gehen Hand in Hand

Extrem ist dieser Verlust an Maßstäben in Phasen der Hyperinflation, wie im Deutschland der frühen zwanziger Jahre. Damals untergrub die Inflation das Vertrauen in den neuen demokratischen deutschen Staat, wie der Historiker Harold James in seiner "Geschichte Europas im 20. Jahrhundert" darlegt. "Deutschland versank in Anarchie", schreibt er. "Das Erbe der Inflation war schrecklich und folgenreich. Viele fühlten sich von den mächtigen Organisationen betrogen und glaubten, das 'System' arbeite gegen den 'kleinen Mann'. Die ökonomische Destabilisierung brachte nicht nur materielle, sondern auch humanitäre Werte ins Rutschen. Auf einer grundsätzlichen Ebene zerstörte die monetäre Unsicherheit alle verbliebenen Werte."

Die politische und die ökonomische Destabilisierung gehen Hand in Hand. Sie verstärken sich gegenseitig. Ein schwacher Staat weiß sich nicht anders zu helfen, als seine Schulden durch Gelddrucken zu bedienen. Die resultierende Inflation wiederum schwächt den Staat weiter.

Warum? Weil der Staat sein Versprechen gegenüber den Bürgern bricht. Geld, so hat es sich im vergangenen Jahrhundert weltweit eingebürgert, ist ein staatliches Monopolgut. Der zentral organisierte Staat stellt das allgemeine Zahlungs- und Wertaufbewahrungsmittel zur Verfügung. In früheren Zeiten war das anders: Da schufen private Geschäftsbanken selbst Geld. Damit aus dem hoheitlich geschaffenen Zahlungsmittel ein Deal zum Nutzen der Gesellschaft wird, muss der Staat das Monopolgeld konservativ managen. Es muss werthaltig bleiben. Auf Dauer.

Inflation ist überraschend, unfair, ungerecht

Man darf das nicht unterschätzen: Stabiles Geld ist ins gesellschaftliche Geflecht eingewoben. Unsere Verträge, unsere Vermögen, das Gros der dauerhaften Wirtschaftsbeziehungen basieren auf der Annahme einer konstant niedrigen Inflation. Wird dieses Versprechen gebrochen, kommt es zu Verteilungskämpfen. Beschäftigte gegen Arbeitgeber, Schuldner gegen Gläubiger, Alte gegen Junge - alle fühlen sich übervorteilt.

Angesichts der Probleme in der Nachkrisenzeit herrscht bei vielen Ökonomen und Politikern die Auffassung vor, dass es richtig sei, die Zügel schleifen zu lassen und höhere Inflationsraten zuzulassen. Bei kurzsichtiger Betrachtung zeitigt das tatsächlich angenehme Effekte: Steuern und Abgaben mussten nicht ganz so hoch steigen, die öffentlichen Einsparungen nicht ganz so hart ausfallen.

Doch niemand sollte glauben, die Entwertung des Geldes sei ein eleganter und schmerzloser Weg, die aktuellen und künftigen wirtschaftlichen Probleme zu lösen. Ganz im Gegenteil: Inflation ist kalte Enteignung. Überraschend. Unfair. Ungerecht. Inflation ist undemokratisch: Während das Parlament über Steuern und Etatkürzungen offen diskutiert und nachvollziehbar Entscheidungen fällt, breitet sich die Inflation heimlich, still und leise aus.

Erst im Nachhinein wissen die Bürger, dass ein Teil ihrer Kaufkraft weg ist. Das hat aus der Sicht praktischer Politik seinen Reiz, aber es ist hochgefährlich.

Wer mit der Inflation spielt, der spielt mit dem Kern der Demokratie - dem Vertrauen der Bürger in die Institutionen ihres Staates. Und das ist ein zu hoher Preis. Schlimmer noch: Inflation zur Entschuldung der öffentlichen Haushalte funktioniert nur überraschend. Das macht sie so perfide.

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