Geldwäscheskandal bei Online-Bezahlsystem Das Sechs-Milliarden-Dollar-Ding

Kriminelle Kunden in aller Welt wickelten bei Liberty Reserve ihre schmutzigen Geschäfte ab: Die US-Justiz hat den bislang wohl größten Geldwäscheskandal aufgedeckt. Cyber-Betrüger sollen über das Online-Bezahlsystem mehr als sechs Milliarden Dollar versteckt haben. Es funktionierte verblüffend einfach.
Geldwäscheskandal bei Online-Bezahlsystem: Das Sechs-Milliarden-Dollar-Ding

Geldwäscheskandal bei Online-Bezahlsystem: Das Sechs-Milliarden-Dollar-Ding

Foto: Richard Drew/ AP/dpa

Die Razzia verlief diskret. Das Tor der Wohnanlage "Las Terrazas" öffnete sich lautlos, ließ die Polizeiwagen durch und schloss sich lautlos wieder. Als später ein Team des TV-Senders Teletica anrückte, war alles vorbei. Reporter Wilberth Hernández konnte nur noch die Beschlagnahme diverser Luxusgüter vermelden - darunter zwei Rolls-Royce und ein Jaguar im Wert von einer halben Million Dollar.

Doch es ging um viel mehr als feine Karossen. Die Szene in Santa Ana, einem Vorort der costa-ricanischen Hauptstadt San José, war Teil einer globalen Großaktion, mit der die Justiz den wohl größten Geldwäschefall aller Zeiten aufdeckte. Dessen gigantisches Ausmaß verkündete US-Staatsanwalt Preet Bharara am Dienstag in Manhattan: Es geht um mehr als sechs Milliarden Dollar.

Arthur B., der mutmaßliche Bandenchef und Besitzer des Anwesens in "Las Terrazas", ging den Fahndern unterdessen ganz woanders ins Netz - auf dem Flughafen Madrid-Bajaras, als er gerade auf dem Weg von Marokko nach Costa Rica umsteigen wollte.

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Foto: Jeffrey Arguedas/ dpa

Costa Rica, Marokko, Spanien: Diese exotischen Adressen sind nach Darstellung der Justiz nur die Spitze des Eisbergs. Auf fast zwei Dutzend Staaten habe sich das Komplott erstreckt. Dessen wahre Lokalität aber sei virtuell - im Internet.

Im Mittelpunkt steht Liberty Reserve (LR), "eine der gängigsten Digitalwährungen der Welt", so die Anklageschrift gegen B., 39, und sechs mutmaßliche Komplizen, von denen zwei noch flüchtig sind. Das von dem gebürtigen Ukrainer mitbegründete Online-Bezahlsystem sei, trotz legitimer Kunden, nichts als ein kriminelles Unterfangen - quasi die Hausbank der internationalen Gaunerszene.

Ein Konto für "Joe Schwindler"

"LR ist zu einem der wesentlichsten Hilfsmittel geworden, mit dem Cyber-Kriminelle in aller Welt die Erträge ihrer illegalen Aktivitäten streuen, lagern und reinwaschen", erklärte Bharara. Etwa Kinderpornografen, Computerhacker, Kreditkartenschwindler, Investmentbetrüger, Identitätsdiebe und Drogenhändler.

Bharara, der von Top-Beamten mehrerer US-Justizbehörden flankiert wurde, sprach vom "Wilden Westen des illegalen Internet-Bankings". Der Fall markiere den Beginn des "Cyber-Zeitalters der Geldwäsche", sagte Richard Weber, der Chefermittler des US-Steueramts IRS: "Würde Al Capone heute leben, würde er so sein Geld verstecken."

Die Zahlen sind in der Tat beeindruckend: Weltweit mehr als eine Million LR-Nutzer, davon rund 200.000 in den USA; pro Jahr zwölf Millionen Finanztransaktionen über mehr als 1,4 Milliarden Dollar; insgesamt rund 55 Millionen Transaktionen von 2006 bis Mai 2013, mit "kriminellen Gesamterträgen von mehr als sechs Milliarden Dollar".

Wie funktionierte das Ganze? Wer Geld über LR abwickeln wollte, musste demnach nur Name, Adresse und Geburtsdatum nennen - ohne jegliche Prüfung. Eine E-Mail-Adresse habe gereicht. Über ein komplexes System aus "mehrfachen Schichten der Anonymität" sei die Herkunft der Gelder dann verschleiert worden. B. und seine mutmaßlichen Komplizen hätten derweil saftige Gebühren abgesahnt.

Manche Kunden hätten sogar ganz offen "kriminelle Spitznamen" angegeben, etwa "Russland-Hacker". Ein Undercover-Agent habe ohne Probleme ein Konto unter "Joe Schwindler" einrichten können, Verwendungszweck: "Für Kokain."

Erste virtuelle "Cloud"-Durchsuchung

Insider hatten die Anklage spätestens seit Donnerstag erwartet. Da wurde LR vom Netz genommen. Tags darauf erfolgten die Razzien und Festnahmen.

Zugleich froren die Behörden 45 Konten in 17 Ländern ein. Betroffen sind unter anderem Banken in den USA, Costa Rica, Russland, Hongkong, Marokko, Spanien, Zypern, Litauen, den Niederlanden, Kanada, der Schweiz, Schweden, Norwegen und Luxemburg.

B. und K. waren 2006 in New York wegen ähnlicher Vorwürfe schon einmal zu fünf Jahren Bewährung verurteilt worden. Daraufhin seien sie nach Costa Rica geflohen und hätten LR gegründet. 2011 sei B. ganz "in den Untergrund gegangen".

Zur gleichen Zeit, im Herbst 2011, begannen die US-Ermittlungen. Bharara lobte die "beispiellose internationale Kooperation": Die Fahnder hätten weltweit Dutzende Telefone abgehört, Hunderttausende Dokumente gesichtet und eine der ersten virtuellen "Cloud"-Durchsuchungen abgewickelt. Eine Spur zu LR tauchte auch bei der Aushebung des Räubernetzwerks auf, das kürzlich über Geldautomaten weltweit 45 Millionen Dollar gestohlen hatte.

Legitime LR-Kunden reagierten betroffen. Das Online-Bezahlunternehmen ePay-Cards klagte, wegen der Schließung von LR sei ihm der Zugang zu 28.000 Dollar versperrt. "Es ist ironisch", sagte Mitbegründer Mitchell Rosetti auf CNN: Bei LR habe er nie eine betrügerische Transaktion bemerkt - bei PayPal dagegen oft.

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