SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

29. Mai 2013, 19:25 Uhr

Liberty Reserve

Die Bankiers der Cyber-Mafia

Von

"Bank der Wahl für die kriminelle Unterwelt" - so bezeichnen US-Fahnder das Online-Bezahlsystem Liberty Reserve. Sechs Milliarden Dollar soll vor allem die Cyber-Mafia darüber gewaschen haben. So dreist gingen die Betrüger vor.

New York - Mit ernster Miene stand US-Staatsanwaltschaft Preet Bharara am Dienstag in New York vor der Presse und erzählte von der weltweiten Großaktion: Ermittlungen in 17 Ländern, fünf Festnahmen, die Fahndung nach zwei weiteren mutmaßlichen Komplizen. Den bisher größten Geldwäschefall habe man aufgedeckt, im Umfang von rund sechs Milliarden Dollar seit 2006, genutzt von der globalen Cyber-Mafia, abgewickelt über das eine Million Nutzer starke Online-Bezahlsystem Liberty Reserve.

An dem Fall erstaunt nicht allein das Ausmaß. Was die US-Fahnder in ihrer Anklageschrift dem Gründer Arthur B. und sechs weiteren Männern vorwerfen, ist an Dreistigkeit kaum zu übertreffen - sowohl was die Konstruktion des Systems betrifft als auch die Methoden, mit denen die Männer ihre Geschäfte trotz des zunehmenden Drucks durch die Ermittlungsbehörden weiterführten.

Dabei ist B. ebenso wie Mitgründer Wladimir K. bereits einschlägig vorbestraft. 2006 wurden sie in New York wegen eines ähnlichen Geschäftsmodells zu fünf Jahren auf Bewährung verurteilt. Laut Anklageschrift zogen B. und K. danach nach Costa Rica, um dort gezielt eine große Geldwäsche-Maschinerie für die globale Cyber-Mafia aufzubauen.

So funktionierte die Geldwäsche

Das Geldwäsche-System war denkbar simpel, das die Anklageschrift so beschreibt:

Schon in seiner Struktur war das Liberty-Reserve-System demnach für Geldwäsche prädestiniert. Es wurde der Anklage zufolge zur "Bank der Wahl für die kriminelle Unterwelt" - in erster Linie für Cyber-Kriminelle wie Kreditkarten- und Anlagebetrüger, Identitätsdiebe oder Hacker- und Kinderporno-Ringe. Doch auch Erlöse aus klassischen Formen der Organisierten Kriminalität wie dem Drogenschmuggel konnten leicht bei Liberty Reserve gewaschen werden.

Phantasiedaten für die Finanz-Aufseher

Dass ihr Treiben gesetzeswidrig war, war den Beschuldigten offenbar klar. Die Anklageschrift verweist auf ein Chat-Protokoll zwischen zwei K. und einem Komplizen, in dem K. die Aktivitäten von Liberty Reserve als "illegal" bezeichnet und feststellt, "jeder in den USA", auch das Justizministerium, wüsste, dass LR Geldwäsche betreibe und von Hackern genutzt werde.

Dreist reagierten B. und Co. auf das wachsende Interesse der Behörden: 2009 stellte die Finanzaufsicht von Costa Rica fest, dass Liberty Reserve eine Lizenz für ihre Finanzgeschäfte brauchte - die man allerdings nicht erteilen könne, weil nicht einmal grundlegende Anti-Geldwäsche-Standards eingehalten würden, etwa Abläufe, die sicherstellen, dass Liberty Reserve die Identität der Kunden kenne. Zudem gebe es keinerlei Möglichkeiten, verdächtige Aktivitäten im LR-System zu verfolgen.

Liberty Reserve reagierte prompt und erstellte ein Online-Portal, das der Finanzaufsicht scheinbar Zugriff auf Transaktionen ermöglichte. Doch handelte es sich überwiegend um eigens für die Aufseher generierte Phantasiedaten. Daten, die der Aufsicht nicht in die Hände fallen sollten, konnten einfach verborgen werden.

Liberty Reserve verschwand im Untergrund

Im November 2011 nimmt der Fahndungsdruck auf Liberty Reserve spürbar zu. Das US-Finanzministerium informiert Banken über den Geldwäscheverdacht. Kurze Zeit später teilen B. und seine Komplizen der Finanzaufsicht in Costa Rica mit, man habe Liberty Reserve an eine ausländische Firma verkauft und die Aktivitäten im Land eingestellt. Tatsächlich aber geht Liberty Reserve in den Untergrund und macht mittels einer Reihe von Strohfirmen einfach weiter.

Etwa zur gleichen Zeit ziehen der Anklage zufolge B. und einige Komplizen Millionen Dollar von Bankkonten in Costa Rica ab und verschieben sie über Zypern nach Russland. Dennoch können die Behörden in Costa Rica 19,5 Millionen Dollar beschlagnahmen - offenbar nur ein Bruchteil des Liberty-Reserve-Vermögens. Jedenfalls verschieben die Beschuldigten im Anschluss Gelder in mehr als zwei Dutzend Strohfirmen rund um die Welt, etwa in Zypern, Hongkong, China, Marokko oder Australien.

Auch in Spanien betrieben die Beschuldigten demnach Strohfirmen. Eben dort, am Flughafen von Madrid, auf dem Weg von Marokko nach Costa Rica, ging Arthur B. den Fahndern nun ins Netz.

Mitarbeit: Klaus Falkenberg

URL:

Verwandte Artikel:


© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung