Liberty Reserve Die Bankiers der Cyber-Mafia

"Bank der Wahl für die kriminelle Unterwelt" - so bezeichnen US-Fahnder das Online-Bezahlsystem Liberty Reserve. Sechs Milliarden Dollar soll vor allem die Cyber-Mafia darüber gewaschen haben. So dreist gingen die Betrüger vor.

DPA/SPANISH POLICIA NACIONAL

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New York - Mit ernster Miene stand US-Staatsanwaltschaft Preet Bharara am Dienstag in New York vor der Presse und erzählte von der weltweiten Großaktion: Ermittlungen in 17 Ländern, fünf Festnahmen, die Fahndung nach zwei weiteren mutmaßlichen Komplizen. Den bisher größten Geldwäschefall habe man aufgedeckt, im Umfang von rund sechs Milliarden Dollar seit 2006, genutzt von der globalen Cyber-Mafia, abgewickelt über das eine Million Nutzer starke Online-Bezahlsystem Liberty Reserve.

An dem Fall erstaunt nicht allein das Ausmaß. Was die US-Fahnder in ihrer Anklageschrift dem Gründer Arthur B. und sechs weiteren Männern vorwerfen, ist an Dreistigkeit kaum zu übertreffen - sowohl was die Konstruktion des Systems betrifft als auch die Methoden, mit denen die Männer ihre Geschäfte trotz des zunehmenden Drucks durch die Ermittlungsbehörden weiterführten.

Dabei ist B. ebenso wie Mitgründer Wladimir K. bereits einschlägig vorbestraft. 2006 wurden sie in New York wegen eines ähnlichen Geschäftsmodells zu fünf Jahren auf Bewährung verurteilt. Laut Anklageschrift zogen B. und K. danach nach Costa Rica, um dort gezielt eine große Geldwäsche-Maschinerie für die globale Cyber-Mafia aufzubauen.

So funktionierte die Geldwäsche

Das Geldwäsche-System war denkbar simpel, das die Anklageschrift so beschreibt:

  • Um sich als Nutzer zu registrieren, reichten Name, Adresse oder Geburtsdatum. Allerdings verlangte Liberty Reserve keinerlei Nachweise - eine offene Einladung zu Tarn-Konten.
  • Innerhalb des Liberty-Reserve-Dienstes galt ausschließlich die virtuelle Währung LR. Nutzer konnten untereinander quasi unbeschränkt LR transferieren. Liberty Reserve behielt von jeder Transaktion ein Prozent ein. Zusätzlich konnte für 75 US-Cent pro Transaktionen die Kontonummer des Überweisenden im System verborgen werden.
  • Die virtuelle Währung LR konnte nicht direkt bei Liberty Reserve gekauft werden. Stattdessen waren "Exchanger", also Wechseldienste, zwischengeschaltet. Diese kauften große Kontingente der virtuellen Währung LR bei Liberty Reserve und verkauften sie gegen eine Kommission von fünf oder mehr Prozent an die Nutzer weiter.
  • So erhielt Liberty Reserve - anders als bekannte Online-Bezahldienste wie PayPal - nie direkt Geldzahlungen von seinen Nutzern. Die realen Geldflüsse liefen über die Exchanger, die zumeist in Ländern mit miserabler Finanzaufsicht wie Malaysia, Russland, Nigeria oder Vietnam saßen.
  • Arthur B. und seine mutmaßlichen Komplizen profitierten auch direkt von den Exchangern: Mitgründer Wladimir K. betrieb selbst mehrere dieser Wechselfirmen. Eine der wichtigsten Exchanger ist Azzedine al-A., seit 2010 Vizechef bei Liberty Reserve, zuzurechnen - der seine Profite wiederum mit B. teilte.

Schon in seiner Struktur war das Liberty-Reserve-System demnach für Geldwäsche prädestiniert. Es wurde der Anklage zufolge zur "Bank der Wahl für die kriminelle Unterwelt" - in erster Linie für Cyber-Kriminelle wie Kreditkarten- und Anlagebetrüger, Identitätsdiebe oder Hacker- und Kinderporno-Ringe. Doch auch Erlöse aus klassischen Formen der Organisierten Kriminalität wie dem Drogenschmuggel konnten leicht bei Liberty Reserve gewaschen werden.

Phantasiedaten für die Finanz-Aufseher

Dass ihr Treiben gesetzeswidrig war, war den Beschuldigten offenbar klar. Die Anklageschrift verweist auf ein Chat-Protokoll zwischen zwei K. und einem Komplizen, in dem K. die Aktivitäten von Liberty Reserve als "illegal" bezeichnet und feststellt, "jeder in den USA", auch das Justizministerium, wüsste, dass LR Geldwäsche betreibe und von Hackern genutzt werde.

Dreist reagierten B. und Co. auf das wachsende Interesse der Behörden: 2009 stellte die Finanzaufsicht von Costa Rica fest, dass Liberty Reserve eine Lizenz für ihre Finanzgeschäfte brauchte - die man allerdings nicht erteilen könne, weil nicht einmal grundlegende Anti-Geldwäsche-Standards eingehalten würden, etwa Abläufe, die sicherstellen, dass Liberty Reserve die Identität der Kunden kenne. Zudem gebe es keinerlei Möglichkeiten, verdächtige Aktivitäten im LR-System zu verfolgen.

Liberty Reserve reagierte prompt und erstellte ein Online-Portal, das der Finanzaufsicht scheinbar Zugriff auf Transaktionen ermöglichte. Doch handelte es sich überwiegend um eigens für die Aufseher generierte Phantasiedaten. Daten, die der Aufsicht nicht in die Hände fallen sollten, konnten einfach verborgen werden.

Liberty Reserve verschwand im Untergrund

Im November 2011 nimmt der Fahndungsdruck auf Liberty Reserve spürbar zu. Das US-Finanzministerium informiert Banken über den Geldwäscheverdacht. Kurze Zeit später teilen B. und seine Komplizen der Finanzaufsicht in Costa Rica mit, man habe Liberty Reserve an eine ausländische Firma verkauft und die Aktivitäten im Land eingestellt. Tatsächlich aber geht Liberty Reserve in den Untergrund und macht mittels einer Reihe von Strohfirmen einfach weiter.

Etwa zur gleichen Zeit ziehen der Anklage zufolge B. und einige Komplizen Millionen Dollar von Bankkonten in Costa Rica ab und verschieben sie über Zypern nach Russland. Dennoch können die Behörden in Costa Rica 19,5 Millionen Dollar beschlagnahmen - offenbar nur ein Bruchteil des Liberty-Reserve-Vermögens. Jedenfalls verschieben die Beschuldigten im Anschluss Gelder in mehr als zwei Dutzend Strohfirmen rund um die Welt, etwa in Zypern, Hongkong, China, Marokko oder Australien.

Auch in Spanien betrieben die Beschuldigten demnach Strohfirmen. Eben dort, am Flughafen von Madrid, auf dem Weg von Marokko nach Costa Rica, ging Arthur B. den Fahndern nun ins Netz.

Mitarbeit: Klaus Falkenberg

insgesamt 21 Beiträge
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Seite 1
speedy 29.05.2013
1. Sperrt nicht nur die ein sondern auch die anderen!!!!
6Mrd. sind viel Geld.Mich wundert es nur das Goldman Sachs,JP Morgan,Deutsche Bank,Bank of Amerika und viele andere nicht genauso festgenommen werden wie diese Verbrecher.Denn das sind die Banker Verbrecher die den Bürgern weltweit Billionen von Euros und Dollars gestohlen haben mit Hilfe der Politischen Klasse.
whaleryda 29.05.2013
2. @speedy
Zitat von speedy6Mrd. sind viel Geld.Mich wundert es nur das Goldman Sachs,JP Morgan,Deutsche Bank,Bank of Amerika und viele andere nicht genauso festgenommen werden wie diese Verbrecher.Denn das sind die Banker Verbrecher die den Bürgern weltweit Billionen von Euros und Dollars gestohlen haben mit Hilfe der Politischen Klasse.
Vollkommen sinnloser Kommentar! Bei LR hanedelt es sich um ein System, dass rein kriminell gedacht war und über das Kriminelle nicht nachvollziehbar Geld waschen oder transferieren konnten, Terroristen, Schmuggler, Drogendealer. Ein stärkeres Vorgehen gegen Firmen wie Paypal, Bitcoin, etc. wäre zudem wünschenswert, da die Geldflüsse bei denen oftmals, zB. in Betrugsfällen, auch nicht mehr nachvollziehbar sind. Mit diesen Onlinesystemen, ohne rechtliche Kontrolle, macht man es Kriminellen verdammt einfach. Beführworten kann das eigentlich niemand, der noch bei Verstand ist.
sprengsatz 29.05.2013
3.
Ich habe noch ein paar Kröten auf LR und mit ecardone eingezahlt was seriöser als Paypal ist. LR war ein anonymer Bezahldienst wie UKash, paysafecard, Bitcoin usw. Die verteufelung von LR in den Medien zeigt nur wie erfolgreich die Elite seine Bittsteller erzogen hat. Nur die Deutsche Bank ist nicht von Geldwäsche verseucht. Lächerlich.
johnnypistolero 29.05.2013
4. peanuts
Zitat von speedy6Mrd. sind viel Geld.Mich wundert es nur das Goldman Sachs,JP Morgan,Deutsche Bank,Bank of Amerika und viele andere nicht genauso festgenommen werden wie diese Verbrecher.Denn das sind die Banker Verbrecher die den Bürgern weltweit Billionen von Euros und Dollars gestohlen haben mit Hilfe der Politischen Klasse.
jau, genau so sehe ich das auch, aber hier wird mal wieder komplett abgelenkt, was vor ca. 4 jahren mehrere billionen waren, sind nun lächerliche 6mrd., aber hier wird so eine stimmung gemacht, aber so ist das mit unseren massenmedien
heinz4444 29.05.2013
5. Ein
Zitat von sprengsatzIch habe noch ein paar Kröten auf LR und mit ecardone eingezahlt was seriöser als Paypal ist. LR war ein anonymer Bezahldienst wie UKash, paysafecard, Bitcoin usw. Die verteufelung von LR in den Medien zeigt nur wie erfolgreich die Elite seine Bittsteller erzogen hat. Nur die Deutsche Bank ist nicht von Geldwäsche verseucht. Lächerlich.
System,in dem man sich nur mit einer E-mail Adresse anmelden muß,um dann vollkommen anonym Millionen zu bewegen,ist nun alles andere als serös,sondern nur dafür gedacht,Geld aus Verbrechen zu waschen und zu verschieben. Das dann als seriöser als Paypal etc.zu bezeichnen,zeigt schon ein großes Maß an Ignoranz.
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