Gemeinsame Stellungnahme Schwellenländer rebellieren gegen IWF-Erbrecht

Das war schon immer so: Dieses Argument für einen IWF-Chef aus Europa wollen die Schwellenländer nicht länger akzeptieren. Sie fordern, die "überflüssige" Tradition aufzugeben. Doch Frankreichs Finanzministerin Lagarde steht offenbar schon kurz vor der Kandidatur.

IWF-Zentrale in Washington: Der Machtkampf spitzt sich zu
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IWF-Zentrale in Washington: Der Machtkampf spitzt sich zu


Washington - Bei Investoren haben sie längst einen Namen: Die aufstrebenden Schwellenländer Russland, Indien, China und Südafrika. Nun erheben die sogenannten Brics-Staaten gemeinsam ihre Stimme. Im Streit um den künftigen Chef des Internationalen Währungsfonds (IWF) fordern sie, den Posten nicht länger automatisch mit einem Europäer zu besetzen.

Diese Praxis sei "überflüssig", heißt es in einer in der Nacht zum Mittwoch in Washington veröffentlichten gemeinsamen Stellungnahme. "Die Abmachung, dass die Auswahl des Direktors in der Praxis auf der Basis der Nationalität getroffen wird, untergräbt die Legitimität des Fonds." Die Finanzkrise unterstreiche die Notwendigkeit, Entwicklungsländer in die Führung des IWF einzubeziehen.

Die Brics-Staaten forden einen "wahrhaft transparenten Wettbewerb auf der Basis von Verdiensten", der dazu führe, "dass die kompetenteste Persönlichkeit zum Direktor bestimmt wird, unabhängig von seiner oder ihrer Nationalität". Außerdem sei eine angemessene Repräsentation von Schwellen- und Entwicklungsländern im IWF "von entscheidender Bedeutung für dessen Legitimität und Effektivität".

Mit der Erklärung verschärft sich der Machtkampf zwischen alten Industrienationen und aufstrebenden Wirtschaftsmächten um die Nachfolge des wegen Vorwürfen der versuchten Vergewaltigung zurückgetretenen IWF-Direktors Dominique Strauss-Kahn. Sie hat auch deshalb Brisanz, weil ab Donnerstag die sieben größten Industriestaaten mit Russland zum G-8-Gipfel im französischen Deauville zusammenkommen.

Eine Tradition von 1944

Die nach dem Zweiten Weltkrieg auf der Konferenz von Bretton Woods geschaffenen Institutionen, die das internationale Währungs- und Finanzsystem ordnen sollten, sind noch heute fest in der Hand des Westens. Die USA und die Europäer schlossen kurz nach der Gründung 1944 eine informelle Abmachung, laut der erstere den Vorsitz der Weltbank und letztere den IWF-Topjob besetzen dürfen.

Doch die weltwirtschaftlichen Gewichte sind im 21. Jahrhunderts anders verteilt. Der Anteil der Industrienationen an der globalen Wirtschaftsleistung ist seit 1980 von fast 60 auf heute unter 50 Prozent gefallen. Im vergangenen Herbst einigte sich die Gruppe der führenden Industrie- und Schwellenländer (G-20) bereits auf eine Verschiebung der Stimmgewichte im IWF Währungsfonds in Richtung der aufstrebenden Wirtschaftsnationen.

Bislang gibt es keine offizielle Kandidatur aus dem Kreis der Schwellenländer. Auf europäischer Seite gilt dagegen die französische Finanzministerin Christine Lagarde als wahrscheinliche Kandidatin. Sie will Kreisen zufolge am Mittwochvormittag bereits offiziell ihre Kandidatur bekanntgeben. Lagarde hat kurzfristig eine Pressekonferenz in Paris einberufen.

Die Französin erhielt mittlerweile weitere Unterstützung für eine Kandidatur "Die Europäer haben mit ihr eindeutig ihre Beste und Klügste ausgewählt", sagte OECD-Generalsekretär Angel Gurria in Paris. Auch Irland sprach sich für die Französin als neue Chefin beim IWF aus. Lagarde sei "eine exzellente Kandidatin, sie ist in besonderer Weise qualifiziert, und sollte sie nominiert werden, dann werden wir sie voraussichtlich unterstützen", sagte die irische Ministerin für Europäische Angelegenheiten, Lucinda Creighton.

dab/dpa/Reuters/AFP/dapd



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Crom 25.05.2011
1. ...
Wer bezahlt, bestimmt eben die Musik. Europa und die USA zahlen eben am meisten ein, daher bestimmen auch diese.
Schlumperli 25.05.2011
2. Ausgerechnet Frau Lagarde ?
Hat nicht Strauß-Kahn den Posten verloren, weil ein Ermittlungsverfahren gegen ihn läuft ? Und nun soll Frau Largarde den Job bekommen, obwohl ein Ermittlungsverfahren gegen sie läuft ? Das soll einer verstehen.
ok-info 25.05.2011
3. Es geht ums Erbrecht ?
Nun - ich denke, der Menschheit waere sehr geholfen, wenn jegliches Erbrecht abgeschafft würde und alles Vermögen in den Besitz ger Gemeinschaft uebergeht, um dann schlicht nach Bedarf verteilt zu werden. Erst dann sind alle wirklich gleichberechtigt und haben tatsächlich gleiche Chancen - sonst gibt es weiterhin nur Minikorrekturen, die gesellschaftliche Chancengleichheit aber kommt nie. Der Ansatz ist christlich-kommunistisch, aber deshalb muß man ihn nicht gleich für unsinnig halten... aller Neid wäre weg, 10 % der Einwohner hätten nicht mehr 90 % des Kapitals, und es gäbe kein Nord-Süd-Gefälle. Für Firmen muß man sich etwas Besonderes einfallen lassen.
JusWal 25.05.2011
4. Da ist der SpiegelOnline aber etwas spaet dran...
Zitat von SchlumperliHat nicht Strauß-Kahn den Posten verloren, weil ein Ermittlungsverfahren gegen ihn läuft ? Und nun soll Frau Largarde den Job bekommen, obwohl ein Ermittlungsverfahren gegen sie läuft ? Das soll einer verstehen.
"Bislang gibt es keine offizielle Kandidatur aus dem Kreis der Schwellenländer."... Hat der Spiegel nicht selbst berichtet, dass Mexiko einen Kandidaten ins Rennen schickt? Schlumperli kann ich nur Recht geben; gleiches Mass fuer alle. Wenn das Ermittlungsverfahren nicht waere, waere allerdings Frau Lagarde eine sehr gute Kandidatin - so wie ja auch Strauss-Kahn sehr gut auf diesem Posten war.
brux 25.05.2011
5. Unfug
Wer kaum etwas einzahlt, kann auch nicht die Verwendung der Mittel bestimmen. So einfach ist das. Ausserdem haben diese "Schwellenländer" bislang nicht bewiesen, dass sie willens oder in der Lage wären, Verantwortung in dieser Welt zu übernehmen. Ehrlich gesagt: Nur weil jemand sein Bevölkerungswachstum nicht im Griff hat, ist er noch lange nicht für wichtige internationale Posten legitimiert.
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